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Tag: 19. März 2018

Ich bin dumm.

Ich bin dumm.

in letzter zeit habe ich mich viel mit ADS auseinander gesetzt.

seit meine therapeutin mir vor ein paar – mittlerweile – monaten eröffnet hatte, dass sie bei mir auf ADS tippt, habe ich mich nicht wirklich damit beschäftigt. kurz symptome gelesen, ja. aber sonst nichts weiter. zu sehr mit dem kopf bei der chefsache.

 

doch vor drei wochen oder so habe ich das erste mal, seit ich vor bald zwei jahren in der klinik war, wieder angst gehabt. eigentlich nur eine kleinigkeit. der große bärtige hatte etwas an mir kritisiert, wirklich nur eine kleinigkeit und sogar das wort „kritisiert“ dürfte hier wohl schon sehr .. streng formuliert sein. na jedenfalls hatte mir das innerlich so einen schrecken eingejagt, es war wie.. früher. diese absolute, nackte angst davor, dass die anderen einen für dumm halten könnten. auch wenn die situation es eigentlich gar nicht zuließ, dass irgendjemand mich für dumm halten könnte, aber es fühlte sich genauso an wie damals. und seither merke ich, wie die angst sich wieder einschleicht. hier und da kreuzt sie manchmal auf, lacht hinter meinem rücken über mich wenn ich zum telefonhörer greifen will, als ob sie sagen möchte: „na, willste echt anrufen? meinste nicht, dass der andere dich wieder für dumm halten könnte, wenn du plötzlich stockst? was ist, wenn er etwas fragt, was du nicht sofort beantworten kannst.“ – ich erwische mich, wie ich manchmal doch wieder eine email schreibe und nicht anrufe. ich erwische mich, wie ich wieder kämpfen muss. doch noch – und ich hoffe, ich kann den pegel zumindest halten, wenn nicht wieder etwas steigern – schaffe ich es, trotzdem zu telefonieren. trotzdem nachzufragen. trotzdem zuzugeben, dass ich hier vielleicht noch unterstützung bräuchte oder mich zumindest damit besser fühlen würde. und es ist ja auch nicht so, als ob ich hier immer nur fehler hätte, manchmal stelle ich eine frage, auf die jemand anderes nur noch nicht gekommen ist. auch das ist möglich.

 

wenn man sich plötzlich wieder mit seinem alten freund, der angst, konfrontiert fühlt, googelt man wieder. man liest plötzlich wieder krankheitsbilder, symptome, therapien. und je mehr ich mich damit auseinandersetze, desto kleiner wird mein blinder fleck, den ich manchmal gefühlt in der form der silhouette meines eigenen körpers habe.

 

ich meine, vieles wusste man schon irgendwie immer. aber man war sich nie so richtig darüber bewusst. ich finde therapie witzig. eigentlich hirnt man schon sein ganzes leben lang über eine sache und man kommt einfach nicht drauf, und plötzlich fällt es einem wie schuppen von den augen und man fragt sich, wie man so lange im kreis rennen und seinen eigenen schwanz jagen konnte, ohne zu merken, dass es der eigene ist.

 

worauf ich jetzt eigentlich hauptsächlich eingehen möchte, ist die konzentrationsschwäche. ich meine, die ganzen sachen, weshalb ursprünglich ja von einer emotional-instabilen persönlichkeit ausgegangen wurde, passen ja auch bei adslern, von wegen.. stimmungsschwankungen, beschissenes selbstwertgefühl und das ganze blabla. aber das, was bei mir so ein richtiges „aha“ ausgelöst hat, das war tatsächlich das konzentrationsding.

 

erst, als die therapeutin vor monaten gezielt einige sachen zur konzentration fragte, als ich so ins erzählen kam, wurde mir erst so vieles klar. also, ich wusste zum beispiel schon immer, dass ich mich – ganz ehrlich – auf überhaupt gar, gar, gar keine besprechung auf arbeit, egal in welchem rahmen, egal in welcher firma und egal mit welchen teilnehmern, konzentrieren kann. wenn ich in einer besprechung sitze, dann fängt das in der regel so an: „schön, dass ihr alle gekommen seid, heute geht es um das thema zwiebelmett mit gummischlauch.“ so und dann.. ist schicht. ganz ehrlich, da ich jetzt auch nicht unbedingt der absolute maschinenbautechniker by heart bin, dachte ich halt immer, das wäre absolutes desinteresse meinem job gegenüber. doch ich merke, dass ich selbst bei dingen, die mich eigentlich interessieren, nicht so viel.. aufmerksamer bin. zwar eher, aber auch nicht so dolle. und erst, als die therapeutin mir diesen schubs in die richtung gab, fiel mir auf, wie das eigentlich… immer so ist. es ist tatsächlich immer so. sobald irgendeine sache mehr als nur .. ein paar minuten aufmerksamkeit erfordert, schaffe ich das nicht. also ich meine so sachen wie lesen, fernsehen, zuhören.

 

wenn tobi und ich abends einen film schauen, weiß ich bei der hälfte aller filme nicht, um was es am ende ging. aber das war schon immer so. schon immer, immer, immer. und meistens weiß ich es schon nach einer viertelstunde nicht mehr. früher, als das mit ads noch nicht „bekannt“ war, habe ich versucht zu verstecken, dass ich nicht weiß, worum es geht. ich weiß nicht mal wieso, es war einfach so ein.. unterbewusstes, unangenehmes „oh will ich nicht“. das ist wie bei einer phobie, wenn man unangenehmes einfach unterbewusst meidet und weiß nicht mal so genau warum, weil einem die phobie noch gar nicht so recht bewusst ist. man macht es einfach. ich weiß noch, wie ich mit daniel damals den film „sieben“ angeschaut habe. daniel liebte den film und wollte unbedingt, dass ich den anschaue, weil ich mal meinte, ich hätte ihn noch nie gesehen. also schauten wir den gemeinsam an. ich wusste schon nach zehn minuten nicht mehr, worum es überhaupt ging und als daniel mich hinterher mit funkelten augen fragte, wie ich ihn fand, lächelte ich und sagte: „der war ja mal mega geil.“ – er war begeistert. ich hatte mir immer vorgenommen, den film später nochmal heimlich alleine zu gucken, um zu wissen, wovon er überhaupt handelte, falls es je nochmal zur sprache käme. bei tobi habe ich mich einfach meistens, wenn ich dann schon eh nichts mehr von der handlung kapiert habe, umgedreht und bin eingeschlafen. na dann bin ich halt eingeschlafen und weiß es deshalb nicht.

heute sage ich – und jetzt kommt das lustige: wenn ich es merke! – dass ich längst abgeschalten habe und gar nicht mehr weiß, worum es geht. die quersumme hiervon ist, dass wir bei der hälfte aller filme mehrmals zurückspulen oder stoppen müssen, damit tobi mir erklärt, was so die letzte zeit passiert ist. tobi meinte, er habe schon bei walking dead, was wir vor drei jahren geschaut haben, immer wieder gemerkt, dass ich öfter was nicht kapiert habe und nachfragte, was eigentlich schon gezeigt wurde. er hatte sich aber keine großen gedanken darüber gemacht und das unter „tick“ verbucht.

 

in der schule hatte ich immer angst aufgerufen zu werden. immer. vorallem in geschichte. ich wusste nie, um was es in geschichte ging. ich wusste nicht mal, in welchem jahrhundert wir uns befanden und das, obwohl ich aktiv eigentlich nie irgendwas gemacht hatte, so wie.. malen, zettel schreiben oder sowas. nein. ich saß immer nur auf dem platz, habe mich nie mit wem unterhalten, sondern hörte zu. zumindest dachte ich das immer, dass ich zuhörte. ich weiß noch, was für ein graus diese scheiß klausuren immer waren, wenn ich mit meinen aufschrieben schon drei wochen vorher daheim saß und versuchte, wenigstens das thema zu ergreifen. ich weiß, wie ich immer, immer heulend im bett gelegen und mich geschämt habe, weil ich einfach nur zu dumm war, um zu kapieren, um was es in diesem scheiß jahrhundert überhaupt ging. ich war einfach immer nur zu dumm. zumindest dachte ich das.

 

 

wenn ich heute fachberichte für meine arbeit lesen muss, dann reicht meine aufmerksamkeit für zwei zeilen. wenn überhaupt. ich werde abgelenkt durch alles. das müssen noch nicht mal so gravierende sachen sein wie .. telefonate um mich herum, kollegen, die sich unterhalten, jemand klirrt mit seinem löffel in seiner kaffeetasse, nein. mich stört schon der mauszeiger, der unterstrich bei einer überschrift, das blau auf meinem desktop, alles. und mich lenken nicht nur diese äußeren reize ab, nein, sondern auch die inneren. plötzlich erinnert mich der geschwungene haken des „g“ an das „g“, wie sabine aus der fünften klasse immer ihr g geschrieben hat. wie damals, als ich die hausaufgaben in erdkunde bei ihr abgeschrieben habe. um was ging es noch gleich? – stimmt, um die entwicklung von sandstürmen in der sahara. – oh huch, ich lese ja gerade einen fachbericht für meine arbeit.

 

wenn ich in meiner freizeit am handy etwas lese, etwas, das mich wirklich interessiert, zum beispiel was echt interessantes über veganismus und was der so im körper bewirken kann, dann lenken mich meine finger ab, mit denen ich das handy festhalte. also halte ich das handy so, dass meine finger nicht mehr das display umfassen; dass sie nicht mehr sichtbar sind. das ist unbequem. also lege ich das handy in meinen schoß und lese da. feine riffelungen meiner jeans. hm. die jeans aus thailand. hat nur 200 baht gekostet. hätte tobi mit der thai gehandelt, wären es sicherlich nur 180 baht gewesen. oh, warte, ich lese was über veganismus. okay, nochmal von vorne. jetzt lege ich das handy aber auf den tisch. fange an, den artikel von vorne zu lesen. scheiß salzstreuer da hinten, lenkt mich ab. ich stehe auf und stelle den salzstreuer woanders hin. lese weiter. merke, ich hab keine ahnung, worum es geht. also nochmal von vorne. und so geht das DAUERND, MEIN GANZES SCHEISS LEBEN LANG MIT ALLEM. allein bei diesem tagebucheintrag bis hierhin habe ich fünf sachen nebenbei weggeräumt, weil sie mich abgelenkt haben. statische sachen wohlgemerkt, die einfach so auf dem tisch rumlagen.

 

 

solche situationen kennt natürlich jeder. jeder saß mal in einer langweiligen besprechung, jeder musste mal in der schule einen ätzenden text lesen und jeder hat mal einen uninteressanten film geguckt, bei dem er einfach geistig abgedriftet ist. aber bei mir ist das immer. jeden mittwoch haben wir gruppenbesprechung. in dieser gruppenbesprechung gibt es immer so .. keine ahnung, dreißig bis fünfzig punkte, die mit unterschiedlichen leuten aus der gruppe (je nachdem, wer das projekt betreut) besprochen werden. diese punkte werden unterschiedlich schnell anhand eines protokolls abgehandelt, manche erfordern nur zwei minuten und das thema ist abgehakt, bei manchen wird schon eine halbe stunde diskutiert. als meine therapeutin das erste mal ADS äußerte, hatte ich am tag drauf diese gruppenbesprechung. ich versuchte mich auf die themen zu konzentrieren. pah, als ob so blöd wäre, um da nicht folgen zu können. an diesem nachmittag hatte ich nicht bei einem einzigen punkt bis zum schluss dabei sein können. mich haben immer wieder.. hemdkragen, räuspern, dass flip ja linkshänder ist, und all so ein scheiß abgelenkt. oft war es so, dass wir gerade noch bei punkt sieben waren und huch, jetzt sind wir ja schon bei zwölf. gar nicht gemerkt. seitdem nehme ich mir jeden mittwoch vor aufzupassen und jeden mittwoch scheitere ich elendig. sogar bei den punkten und projekten, die mich betreffen.

 

wenn ich versuche, etwas zu lesen, merke ich oft, dass meine konzentration genau jetzt schon flöten geht. das ist sogar der bessere fall. der schlechtere ist, wenn ich nach einer halben stunde aufwache und nicht weiß, wo ich war. wie ein blackout. aber manchmal, da merkt man es schon vorher. da fühlt es sich an, als würde das eigene hirn verrecken. es ist, wie wenn man auf einem fahrrad sitzen und losfahren möchte, allerdings hat das fahrrad keine räder oder nur kaputte. man weiß ganz genau, wie man fährt, aber das „werkzeug“ ist kaputt. und so ist es mit deinem gehirn. es ist manchmal wie im film „memento“. man hat einen funken erkenntnis, man weiß etwas und man bittet sich selbst jetzt schon drum, es nicht zu vergessen – und zack – ein neuer reiz – und schon ist es weg. es fühlt sich oft alles so wackelig an, wie als ob man mit zu vielen bällen gleichzeitig jongliert und man weiß schon im vorfeld, jetzt plumpsen sie gleich alle runter.

 

jeden tag suche ich zig tausend sachen. jeden tag. ich suche mein handy, meinen schlüssel, meine tasche, schuhe, meinen firmenausweis, ich suche meinen ring, ohrringe, die tasse, aus der ich gerade getrunken habe, ich suche meinen pullover, das buch, das ich doch gerade aufräumen wollte, ich suche im kopf, wonach ich eigentlich gerade am suchen war. und wenn ich es denn mal irgendwann wiederfinde, ist es nicht so, dass ich mir denke: „ach daaa, stimmt!“, sondern es ist: „what the fuck, wie kommt es da hin?“ tobi dachte, ich wäre halt chaotisch, hat es aber, wie er mir gestanden hat, schon immer merkwürdig gefunden, dass diese dinge für mich wie ausgelöscht waren. ich konnte mich nie dran erinnern, wie irgendetwas da hingekommen ist. also so richtig gar, gar nicht.

 

wenn ich versuche aufzuräumen, dann fange ich in der garderobe an. oh okay, diese schuhe kommen in den keller. ich laufe in den keller und möchte die schuhe da hintun, wo sie hingehören. oh, die tür zum vorratsraum ist offen, also gehe ich hin, um sie zu schließen, sehe die nudeln im schrank. hm, man müsste mal das mindesthaltbarkeitsdatum checken, da sind bestimmt schon welche drüber. also stelle ich mich da hin und sortiere nudeln aus. hm, ich brauche eine kiste, in die ich die abgelaufenen nudeln tun kann. auf dem dachboden war noch eine kiste. ich laufe zum dachboden hoch und dabei gehe ich am bad vorbei und sehe die dreckwäsche. oh, sollte wäsche waschen. also nehme ich die wäsche und bringen sie in die waschküche. – am ende des tages komme ich zufällig an der garderobe vorbei, mir fällt ein, dass ich die ursprünglich am aufräumen war, merke, dass sie immer noch genauso unordentlich ist wie sie es heute morgen war und ich hab keine ahnung, was ich den ganzen tag gemacht habe.

 

 

und das schlimme ist, du merkst es nicht. du merkst es einfach nicht. dass du eben noch dabei warst, die garderobe aufzuräumen ist wie weggeblasen. ausgelöscht.

 

wenn ich von der arbeit nach hause fahre, brauche ich mit dem auto so .. zehn minuten, manchmal auch fünfzehn, je nach verkehrslage. neulich wollte ich mir das lied nochmal anhören, das holly mir zeigte. dieses „perfect“ von ed sheeran und beyonce. ich wollte wissen, über was er nochmal in der ersten strophe singt. wollte wissen, was hpa mir gezeigt hatte; was er mir indirekt damit sagen wollte. also machte ich das lied rein. irgendwann nach dem refrain, als beyonce mit der zweiten strophe zu singen begann, merkte ich, dass ich gar nicht mehr aufpasste. naja, sei’s drum. nochmal von vorn. oh, beyonce singt ja schon wieder. nochmal. oh beyonce. nochmal. beyonce. – dann war ich daheim. ich habe es kein einziges mal geschafft, mich fucking nochmal vier minuten und neunzehn sekunden auf das scheiß lied zu konzentrieren. genau genommen sogar nicht mal eine minute und drei sekunden, die ed sheeran an der ersten strophe herumsingt, die strophe, dessen text ich doch eigentlich wissen wollte. dessen text ich wirklich wissen wollte.

 

vergessene hausaufgaben. immer. ich hatte in der schule immer vergessene hausaufgaben. meine größte angst war immer, ich komme zur schule und andere fragen: „hast du die bio hausi gemacht?“ – „whatthefuck, wir hatten bio hausi?“ – „ja, wusstest du das nicht!?“ – „oh gott, nein!“ – und diese angst hat sich oft bewahrheitet, so oft. so oft, dass meine eltern stets bei den lehrern antanzen oder irgendwelche briefe unterschreiben mussten. und das problem war hier immer, dass ich .. immer mehr angst hatte. ich hatte angst, dass plötzlich wieder irgendwas war, wovon ich nichts wusste. warum wusste ich nie was davon? .. ich war doch auch da!? – ja, war ich. physisch. ich dachte immer, nun ja, ich muss irgendwie dumm sein. kann ich halt nicht. wissen, dass wir hausi aufhatten. dann muss ich wohl dumm sein.

kann nicht im unterricht zuhören. weiß nicht, in welchem jahrhundert wir in geschichte sind. dann bin ich wohl dumm.

kann nicht in besprechungen aufpassen. weiß nicht, zu welchem entschluss wir kamen. wahrscheinlich bin ich dumm.

kann keine fachberichte lesen. weiß nicht, was drin stand. bin mit sicherheit dumm.

 

ich könnte zu diesem thema noch so unendlich viele beispiele bringen, so unendlich viel dazu sagen, irgendwie kommt es mir eh so vor, als hätte ich erst gerade damit angefangen, aber ich muss aufhören. tobi kommt gleich nach hause.

 

fenza.

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