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Monat: April 2018

Das Gespräch.

Das Gespräch.

es ist 17.15, ich sitze im wohnzimmer auf der couch und es läuft „lost in paradise“ von evanscence. diese live-version, die ich neulich schon online gestellt hatte. mein 24/7-lied gerade. es wird mich irgendwann an diese tage erinnern, als ich es ihm sagte.

draußen scheint die sonne, alles wirkt… fröhlich. der tag war auch fröhlich. und jetzt sitze ich plötzlich hier und habe das beklemmende gefühl von angst in der brust. die angst vor der angst. die angst davor, verlust zu spüren. der eintrag beginnt und man durchlebt alles nochmal. das privileg am schreiben. man kann sein leben zweimal leben. vermutlich schreibe ich deshalb in solch.. wichtigen momenten im leben so oft, weil ich es dann nochmal erleben darf.

 

 

als ich gestern zur arbeit fuhr, war alles schlimm. nach dem tagebucheintrag, den ich ja morgens schrieb, machte ich das frühstück. tobi stand wie üblich mit auf, wir aßen zusammen, ich schminkte mich dann erst später, als er schon gehen musste. normalerweise verlassen wir gleichzeitig oder er nach mir das haus.

 

ich ließ mir so viel zeit wie nur möglich. um 8.15 beginnt die kernarbeitszeit, um 8.14 habe ich eingestempelt. normalerweise bin ich eine stunde eher da. ich parkte ganz hinten. ganz hinten, wo um diese uhrzeit noch überdachte parkplätze übrig sind. er parkt da immer. von weitem habe ich seinen schwarzen a5 gesehen. ich bin mir nicht sicher, ob er es war, ich konnte nur die letzten zwei zahlen seines kennzeichens erkennen, es muss aber sein a5 gewesen sein.

unbehagliches gefühl beim reinlaufen. nein, nicht unbehaglich, sondern.. zerbrochen. traurig. deprimiert. genau die zeit, in der es noch akut ist, in der man einen nur antippen muss und man bricht in tränen aus. ich vermisste ihn so sehr. so sehr. noch fünfundvierzig minuten bis zur frühstückspause.

ich war am vortag mit der masterstudentin shoppen. ich muss zugeben, der richtige schmerz kam erst am abend durch. wir gingen nach dem shoppen noch wo essen. da wir uns beide nicht auskannten und es der einzige laden war, den ich kannte, gingen wir zu dem griechen, bei dem wir an der ersten weihnachtsfeier waren. der grieche, bei dem ich an den treppen, zurück von der toilette, zu ihm sagte: „soll ich dir mal was sagen? du bist der hotteste chef, den ich je hatte.“ der kellner führte uns an einen tisch, durch den gesamten laden. ich war seither nicht mehr dort gewesen. mir schossen gleich tausend erinnerungen von dem abend durch den kopf, als ich die einrichtung sah. er setzte uns an den tisch direkt neben dem, an dem ich mit ihm saß. ich blickte nach links und ich konnte uns förmlich lachen sehen, er mit seinem rotwein, ich mit der rosé-schorle. sogar das essen war das gleiche, denn es war das einzig vegane gericht auf der karte. der ort tat weh. zum ersten mal spürte ich richtigen schmerz nach meinem geständnis. ich hab es der masterstudentin erzählt.

noch fünfundvierzig minuten bis zur frühstückspause. er fehlte mir so sehr. die masterstudentin riet mir, mich wenigstens kurz mit ihm blicken zu lassen, damit keiner verdacht schöpfen würde. – „ich pack das nicht, ich heule sonst.“ .. undenkbar auch nur eine minute zeit mit ihm zu verbringen, wenn ich mich nun daran zurückerinnerte, wie ich am morgen reagierte, als er mich wegen der mittagspause fragte.

ich ging zur frühstückspause. der schmerz des vermissens war größer als der schmerz der verletzung. zumindest in dem moment. beim ertönen der pausenglocke (ja, wir haben sowas tolles auf arbeit) ging ich nach oben, zusammen mit der großen menschenmasse, die sonst auch jeden morgen in die kantine strömt. ich fühlte mich zerbrochen in all der geschäftigen, hektischen menge. zerbrochen, verletzt, traurig. vorsichtig setzte ich mir in meinem to-go-becher den tee auf, so, wie ich es jeden morgen mache, bevor ich mich dann an unseren frühstückstisch setze. dort, wo er mir jeden morgen gegenüber sitzt. ich stülpte den silikondeckel über meinen becher, als ich ihn im augenwinkel herlaufend erblickte. er stellte sich mir gegenüber, ich schaute auf, er grinste mich an und sagte: „fenza, guten morgen!“ er sah aus, als würde er sich wirklich darüber freuen, dass ich wieder hier wäre, nachdem ich gestern nicht zur pause kam. ich versuchte das bisschen lächeln zusammenzukratzen, wie ich es nur konnte, und antwortete: „morgen..“, nahm meinen becher und lief zu unserem frühstückstisch. ich setzte mich. du packst das. du schaffst das.

seine zwei kollegen, die die letzten drei tage auf dienstreise waren, waren nun auch wieder da, somit saß holly mir gegenüber, sowohl zu meiner rechten, als auch zu seiner linken hockten sich besagte kollegen hin und zu hollys rechten war dann souvlaki. er strahlte mich an. ich versuchte seinem blick weitestgehend zu entgehen und wandte mich meistens souvlaki zu oder schaute durch den saal und beobachtete die leute dabei, wie sie sich unterhielten und ihr frühstück aßen. souvlaki begrüßte mich direkt am anfang mit einem: „du siehst aber fertig aus..“ – „ja, ich hab auch kopfweh. das wechselhafte wetter macht mich fertig, davon krieg ich migräne. habe auch nicht viel geschlafen.“ – perfekte ausrede. die übrigens auch noch auf wahrheit basiert.

ich brachte die pause hinter mich. es war okay. ich zerbrach nicht. aber das lag auch daran, dass ich ihn nie angeschaut habe. ich konnte es nicht.

nach der pause stand ich auf und schlenderte in normalem tempo zurück. früher hätte ich auf ihn gewartet. er muss immer seine tasse noch in die ablage zurückstellen, während ich mit meinem to-go-becher einfach aus der kantine laufen kann und somit als erster wegkomme. ich lief ohne ihn zur treppe nach unten und sah dabei auf den boden, schaute auf die schuhe derer, die mich überholten. plötzlich diese hellbraunen lederschuhe. ich kenne diese schuhe nur zu gut. ich wusste, dass er sich bemühen würde, mich aufzuholen. tu so, als hättest du ihn nicht gesehen. bleib safe. bleib bei dir. nicht zerbrechen. halte dich zusammen, gleich bist du im büro. gleich ist er weg. solange wir nur zwei von vielen waren, war es mir möglich so zu tun, als hätte ich ihn nicht bemerkt. als wir aus dem gebäude draußen waren, liefen wir zusammen zurück. keiner sprach ein wort. er würde mir jetzt gleich die tür aufhalten. so wie jeden morgen. ich ihm dann die zweite. so wie jeden morgen. es kam ein weiterer kollege, ich hörte seine stimme: „andreas, hi!“, fröhlich wie immer. ich hielt die erste tür auf, da ich nun die erste war. ich konzentrierte mich auf andreas. wer immer das war. egal, aber er war mein retter. der, hinter dem ich mich verstecken konnte. holly und andreas bedankten sich, holly sprang direkt zur zweiten tür, um sie aufzuhalten. andreas ging durch und bog sofort links ab. verdammt. den rest mit ihm also alleine zurücklaufen. er fragte mich, diesmal nicht so euphorisch, aber trotzdem freundlich: „12 uhr mittagessen?“ .. ich sah ihn bei der frage nicht an. ich schaute auf den gang, der noch vor uns lag, am ende links ist sein büro. ich lächelte gequält in die ferne und atmete tief aus. er stupste mich seitlich an der schulter. – „ach komm..“, seine stimme klang so.. warm. liebevoll. aber auch vorsichtig. nicht mehr so schwungvoll wie gestern. ich lächelte schwach und sagte: „ja okay..“ nun waren wir an seinem büro angekommen. er dreht sich normalerweise immer noch zu mir um und sagt lächelnd: „also dann bis später.“ diesmal drehte er sich wieder um, er lächelte, doch ich fragte nun: „hast du irgendwann mal zeit zum reden? ….nach der arbeit?“ – er fragte sofort überrascht, bemüht, aufmerksam, verwundert: „heute?“ – „egal. irgendwann.“ – „heute ist technikbesprechung, die geht halt bis sechs. und morgen verkaufsbesprechung, die is open end.“ es klang nicht nach einer absage, sondern eher, ob ich denn so lange warten wollte. oder ob mir dann nächste woche, wenn er früher feierabend machen könne, lieber wäre. – „mir egal, irgendwann.“ – „nächste woche kann ich früher feierabend machen.. wäre nächste woche okay?“ – „ja, ist okay.“ – ich wollte so wenig umstände wie möglich machen. ich wollte generell so wenig wie möglich von ihm. je weniger desto besser. er sprach: „also gut, dann machen wir es so. bis um zwölf“, er lächelte.

schon in meinem büro angekommen, war mir klar, dass ich heute bis nach der technikbesprechung auf ihn warten würde. niemals kann ich das bis nächste woche aushalten. das lange wochenende noch dazu. niemals. schon eine halbe stunde später nahm ich meine wasserflasche. ich gng zu ihm.

als er mich am türrahmen erblickte, grinste er sofort freudig. ich lief vor bis zu seinem tisch. „können wir vielleicht noch vor dem langen wochenende reden?“, sprach ich leise, während meine stimme zum ende des satzes leicht einknickte. kämpfen. halte die stimme stabil. überrascht sah er mich an, sofort klickte er seinen outlook-kalender auf und sagte: „dann wäre heute besser. um sechs ist die technikbesprechung aus. danach dann?“ – .. ich kämpfte. „nur wenn es dich nicht nervt“, ich fühlte mich fertig. aufgewühlt und absolut müde und erschlagen zugleich. energisch schoss es aus ihm raus: „ganz im gegenteil! das muss geklärt werden. und ich will dich nicht verlieren.“ – ich nickte. ich konnte nicht sprechen, ich wusste, dass ich meine stimme nicht stabil halten konnte. hätte ich irgendeinen ton gesagt, hätte mich dieser jämmerliche, weinerliche unterton meiner eigenen stimme tatsächlich zum weinen gebracht. und so blieb ich bei meinem steifen, kämpfenden nicken. – „du bist mir wichtig, ich will nicht, dass da etwas zwischen uns steht.“ ich konnte nichts sagen. ich konnte nicht. ich atmete tief durch und prügelte mit aller gewalt ein kurzes „ja“ raus. „keine ahnung, was ich dazu sagen soll…. außer: ja.“ mehr brachte ich nun wirklich nicht mehr raus. er schaute mich eindringlich, entschlossen an und nickte einmal kurz. ich atmete durch, schaute kurz weg, um mich von seinem anblick zu erholen. mit trauriger miene lächelte ich leicht, selbst, in so einem moment blieb mir der humor nicht fern. „keine angst, ich hab noch keine kündigung geschrieben.“ – „das freut mich zu hören, aber ich meine als freund. das solltest du bitte auch bedenken. du bist mir wichtig und ich will dich nicht verlieren. nicht als mitarbeiter oder kollege.“ wahrscheinlich hätte mir das „freund“ weh tun sollen. wenn man gefühle für jemanden hat und als „freund“ tituliert wird. es war nicht so. mir ging es plötzlich so viel besser. er lächelte mich an. „das kriegen wir schon hin.“

 

die mittagspause war .. wie aus vergangenen zeiten. souvlaki saß bei uns und wir haben zu dritt gealbert. es ging wieder los mit objektophil. doch einen komischen augenblick gab es. souvlaki stellte fest: „aber objektophilie wäre bei uns als monteur ja schlecht. ich meine… wenn einen gegenstände anmachen… also.. das wäre.. schwierig.“ er lachte. ich überlegte kurz. ich war wieder ganz die alte. ich entgegnete: „nee, du hast da aber einen denkfehler. leute mit ’normaler‘ neigung stehen ja auf…, ne? .. menschen. aber nicht jeder mensch steht auf jeden menschen. jeder steht nur auf einen begrenzten kreis an menschen.“ ups. schlechtes thema. egal. das pokerface war wieder da. ich ließ mir nichts anmerken von dieser komischen situation und anspielung.

 

als wir zusammen zurückliefen, meinte er: „also ich melde mich dann später bei dir?“ – ich nickte und sagte in einem lockeren, normalen ton: „okay“, wie als ob es um ein geschäftliches thema ginge.

 

der nachmittag bis um sechs verging sogar relativ schnell. doch schon halb sechs begann ich fürchterlich nervös zu sein. ich hatte so angst, ich begann zu zittern. zum glück gingen die letzten um kurz vor sechs, so war ich wenigstens hier sicher, dass niemand anderes etwas mitbekommen würde. „denkst dran, wenn du länger als sechs bleibst, dass du dann bitte eine sonderzeit einträgst. sonst verfallen dir die stunden“, sagte mein gruppenleiter, als er das büro verließ. ich schaffe es eh nicht, jetzt noch etwas zu arbeiten, es kann ruhig verfallen, dachte ich. und so wartete ich. ich schwitzte und fror wieder zugleich. zitterte wie espenlaub. ich wartete. anderthalb stunden lang. keine überraschung für mich. ich weiß ja von seinen erzählungen, dass die termine mit der geschäftsleitung gegen ende des tages immer ein, zwei stunden überzogen werden. ich saß im büro, die sonne ging langsam unter, im großen hauptbüro, in dem sowohl auch das kleine von uns, als auch das kleine von holly ist, war längst das licht aus. ich sah der untergehenden sonne zu, es schien rotgold ins büro. je mehr zeit verging, desto ruhiger wurde ich. irgendwann nahm ich meine kopfhörer und hörte auf einem ohr „lost in paradise“. diese ruhigen klaviertöne machten mich wieder nachdenklich. brachten mich runter. die sonne stand tief, die strahlen fühlten sich warm auf der haut an. ich kuschelte mich langsam in meinen stuhl, ich war müde von der ganzen aufregung, die mittlerweile verschwunden war. zehn vor acht sollte es dann soweit sein. ich hörte schon seine schritte auf dem teppichboden. er kam ins büro gelaufen, mit seinen unterlagen von der besprechung in der hand, er sah, wie ich eingekuschelt im stuhl saß und musik hörte, die ich nun wegpackte. – „hast du jetzt so lange gewartet?“, er lächelte, wie immer. – „ja..“ verliebte tun alles. – „sollen wir hier reden oder sollen wir noch wohin?“ .. „von mir aus können wir hier bleiben. wir können in dein büro gehen, dann fahr ich schnell den rechner runter.“ – ich wollte nicht mit ihm weggehen. ich wollte nicht in der öffentlichkeit reden. nicht in der öffentlichkeit weinen. er lief schon mal voraus, während ich meinen rechner ausschaltete.

in seinem büro stand er an seinem laptop und fuhr diesen ebenso runter. ich ließ mich in einen der stühle an seinem kleinen tisch fallen. der tisch, an dem er damals neben mir saß, mir tief in die augen schaute und sagte: „ich hatte noch nie so ein geiles vorstellungsgespräch wie mit dir“, seine miene blieb damals ernst. der moment, in dem ich so perplex war und nur mit aufgerissenen augen starren konnte. der moment, in dem er sah, wie perplex ich war und eine reaktion provozierte, indem er den satz wiederholte.

noch war ich locker, aber ich wusste, je länger es dauern würde, bis er nun endlich vom laptop hierrüber laufen würde, desto aufgeregter wurde ich. doch noch schaffte ich es zu einem lockeren scherz. – „na wenigstens hat es jetzt so lange gedauert, dass ich mich nun nicht mehr wie auf dem weg zur schlachterbank fühle.“ doch jetzt kam die angst zurück. er lächelte in seinen laptop, der zicken machte, und sprach dabei: „ach fenza.. was ist denn?“ .. dämliche frage, aber ich weiß, was er damit meinte. er sah es nicht so, als würden meine gefühle probleme machen. ich glaube, er dachte, das wäre meine größte angst. dass es komisch werden würde.

nun setzte er sich eifrig neben mich, stützte seine ellbogen und unterarme sofort auf den tisch und beugte sich vor. er streichelte mich am rücken und sagte warmherzig: „was ist los?…“ dämliche frage. aber ich weiß es ja. ich weiß, wie er es meint. ich verschränkte die arme und lehnte mich tief nach hinten, während ich wegschaute. ich schaute auf den tisch, dahinter der graue teppichboden. ich atmete tief aus: „keine ahnung… keine ahnung.“ – er versuchte mir zu helfen.. „naja, der status quo ist ja nun jetzt klar.“ es war alles so surreal. absurd. ich lehnte mich vor, stützte meine ellbogen nun auch auf den tisch und bedeckte mir mit meinen handflächen das gesicht. durch meine finger sprach ich: „ach, ich hab keine ahnung.. ich meine, ich weiß so vieles, was ich sagen will, aber ich schaff den anfang nicht..“ ich brauchte zwei, drei versuche. irgendwann riss ich mich zusammen und fing einfach an. „also.. eins will ich auf jeden fall klarstellen, ich will, dass du weißt, dass ich dich zu keinem zeitpunkt mit dem, was ich am dienstag gesagt habe, .. irgendwie… ‚anmachen‘ wollte.“ er gab einen ton der zustimmung und des verständnisses von sich. – „wenn ich je ernsthaft daran geglaubt hätte, dich ‚rumzukriegen‘, dann hätte ich…“, jetzt traute ich mich ihn anzuschauen. seine wunderschönen blauen augen. „…bestimmt nicht so verzweifelt gewirkt, als ich es dir sagte.“ er verstand sofort, was ich meinte.

ich kann nicht alles detailiert wiedergeben. chronologisch schon gleich gar nicht, ich war viel zu verwirrt, zu fertig. ich fühlte mich unbehaglich, denn er konnte nach wie vor nicht viel besser damit umgehen. natürlich zeigte er dies nicht, aber ich merkte es sofort. das machte es schwierig.

er stellte schon gleich zu anfang fest, dass das ganze für ihn kein problem sei und dass wir einfach so weitermachen könnten wie immer, ich sollte da keine bedenken haben, dass es zwischen uns komisch werden würde. „heute in der mittagspause lief es doch auch schon wieder so wie früher.“ mich brachte dieses „alles ist wie immer“ innerlich zum verzweifeln. zum stocken. denn einerseits war ich gefangen in diesem zwiespalt, dass ich eigentlich auch wollte, dass es so bliebe wie immer, nicht mal unbedingt wegen meiner zuneigung zu ihm, sondern … weil ich vorsichtig wurde. er war ja auch mein chef. ich wollte sowohl aus emotionalen gründen, als auch aus geschäftlichen, kollegialen sein liebling bleiben, denn egal, ob er etwas für mich empfand oder nicht, ich war nach wie vor sein liebling. diese gefühle auf der einen seite. auf der anderen wollte ich ihm aber irgendwas ins gesicht werfen und schreien: „JAJA WIE IMMER, AUF MEINE KOSTEN ODER WAS? DU HAST DOCH GENAUSO MIT MIR GEFLIRTET WIE UMGEKEHRT, JETZT TU HALT SO, ALS WÄR NIX.“ ich verzweifelte und seufzte. er fragte nach, was mein problem sei. was los sei. sei ja alles okay so, wie es war.

nun äußerte er sich. tacheles. „ich kann dir leider keine hoffnung machen, ich muss zugeben, ich bin glücklich verheiratet.“ das glücklich betonte er so, als wüsste er, wie selten sowas sei. „und ich sehe das so, ich habe mich vor langer zeit für jemanden entschieden und dabei bleibe ich.“ – ich verzweifelte und meinte leidend: „ja das weiß ich doch.“ – ich litt nicht wegen dem, was er sagte. ich litt wegen diesem … unverständnis. ich wollte das gespräch nicht in diese richtung lenken. „ich bin auch nicht der typ für eine affäre oder sowas, ich hab da gar keinen anspruch danach.“ – nun war der punkt erreicht, an dem ich einschreiten musste. ich machte ihm sofort klar, dass ich zu keinem zeitpunkt eine affäre mit ihm wollte oder je daran geglaubt hätte, dass irgendwas.. langfristiges passieren würde. ich wollte meine gefühle loswerden, weil sie mich erdrückten. ich wollte irgendeinen fortschritt.

„weißt du… wie du sicherlich am dienstag gemerkt hast, bin ich bis zur selbsterniedrigung und -zerstörung ehrlich.“ er lächelte, nickte und meinte, das schätze er sehr. „und deshalb weiß auch mein freund von dir.“ – so ein bisschen platzte es aus ihm heraus, wie als ob er meinen freund bei diesem gespräch auch ansprechen wollte, sich aber nicht traute. „ja, ich wusste ja, dass du in einer beziehung bist“, stimmte er mir sofort zu. – „das ganze geht ja nicht erst seit gestern so. und deshalb weiß mein freund auch nicht erst seit gestern von dir.“ er fragte, wie es zuhause unter diesen umständen sei. „naja, begeistert ist er nicht. aber mit dir zu reden, hat er vorgeschlagen.“

ich weiß nicht mehr, in welcher chronologie wir alles redeten, es kann gut sein, dass ich manches von der reihenfolge her durcheinander bringe. ich wusste noch, dass ich irgendwas anfing zu heulen. ich glaube, das war meine antwort, als er irgendwann etwas von seiner ehe bzw. dem status verheiratet sprach. ich sagte weinend: „weißt du, ich bin gern mit meinem freund zusammen. ich liebe mein leben mit ihm, ich wohne gerne in dem haus mit ihm und ich mag unseren alltag, so wie er ist.“ ich glaube, er hat sich gefreut, dass ich sowas sagte. „aber diese gefühle erdrücken mich so sehr“, ich schluchzte leicht, „und ich kann einfach nicht richtig darüber reden, weil .. du ja auch mein chef bist.“ er prustete abwertend über diesen fakt und sagte: „jetzt vergiss mal, dass ich dein chef bin. das ist doch jetzt total unwichtig.“ – okay, er hatte mir die erlaubnis gegeben. feuer alles raus. feuer alles raus. – „du kannst dir gar nicht vorstellen, wie das für mich ist, jeden tag. das erste, was ich tue, wenn ich morgens hier reinkomme, ist, dass ich dein outlook durchforste, wann du mal keinen termin hast und ich eventuell mit dir reden kann. ich hocke da hinten in meinem büro und es ist so schrecklich, ich halte das gar nicht aus. den ganzen tag versuche ich nur irgendwie bei dir zu sein. dann nehme ich meine wasserflasche und fülle die auf in der hoffnung, beim vorbeilaufen mit dir reden zu können. es ist so schlimm, es ist einfach wie so eine sucht. ich könnte mich den ganzen tag vor dich hinsetzen, ich will nur bei dir sein, ich will den ganzen tag nur bei dir sein.“ ich weinte. er sah leidend aus, ich glaube, es schmerzte ihn auch. leise und gequält sprach er vorsichtig: „das geht halt leider nicht..“ – ich schluchzte: „ich weiß.“

ich weiß nicht mehr, wann das war, aber irgendwann fasste ich mich wieder und meinte. „aber eins muss ich jetzt auch sagen…“ ich schluckte meine tränen runter und wurde wieder stärker, „…und ich hoffe, du bist mir jetzt nicht böse, wenn ich das so sage. aber ganz ehrlich, viele sprüche von dir waren so auch nicht okay. die animieren einen nicht gerade dazu, abstand von dir zu nehmen. und alkohol hin oder her, manches geht einfach nicht.“ ich traute mich nicht ein beispiel zu nennen. es klang so schon vorwurfsvoll genug. dass er mein chef ist, ein sehr launischer laut allen anderen dazu noch, kann ich dann doch nicht einfach so ausblenden. was er darauf antwortete, mag für einen leser, der den tonfall nicht hören kann, patzig und bockig klingen, sich rechtfertigend. aber es war eher.. ruhig, erklärend. er meinte, er sei so ein flapsiger kerl und witzelt oft halt irgendwas. „mit der käthe, mit der ich auch schon seit zwanzig jahren befreundet bin, rede ich ja auch sowas.“ SOWAS habe ich dich mit ihr noch nie reden hören und ich hab euch schon oft flapsig albern gehört, dachte ich. und zu dem zeitpunkt kannten wir uns zwei monate, keine zwanzig jahre. sowas geht nicht. ich war sauer. ich bin doch kein idiot. als ob ich mir ALLES, ALLES eingeredet hätte, als ob ich ALLES falsch aufgefasst hätte, alles. manche sachen sagt man einfach nicht, wenn man sich erst zwei monate kennt, flapsig hin oder her, betonung hin oder her. schon gar nicht als chef zur mitarbeiterin. manche sätze sind einfach faktisch vom inhalt her schon ein absolutes no go, das kann nicht mal mehr die betonung entkräften oder wettmachen. ich war nicht sauer, weil er mich so hinstellte, er war nicht beschuldigend oder sowas, mit keiner miene. er war stets lieb und fürsorglich, das ganze gespräch über, er war vorsichtig und erklärend. aber ich war sauer, weil er das alles nicht kapierte, ich war sauer, weil er nicht checkte, was ich meinte. doch nun kam etwas, was meine bockige wut im innern auflöste. „ich muss aber auch fairerweise sagen, es wäre für mich anders, wenn ich nicht verheiratet wäre. wäre ich single, wäre das hier alles ganz anders.“

 

 

ich muss leider zugeben, wenn ich mir meine texte hier selber nochmal durchlese, dann klingt das in meiner formulierung so.. flüssig. kontinuierlich. es klingt alles.. romanhaft. das war es aber definitiv nicht. es war stockend und unbehaglich. er hat so oft nicht wirklich… verstanden, was ich meinte. ich fühlte mich innerlich irgendwie abgespeist, aber nicht, weil er mich abspeisen wollte, sondern.. weil er es nicht verstanden hat. sein nicht vorhandener tiefgang hat mich abgespeist. das, was die anderen immer an ihm auf geschäftlicher ebene kritisieren, prallte mir mit voller breitseite auf emotionaler schiene entgegen. hier wahrscheinlich sogar noch schlimmer.

 

ich erinnere mich noch an zwei sachen des gesprächs. ich erinnere mich, dass er mir einmal sagte, dass alles, was er mir gegenüber sagte, auch so gemeint war. immer, wenn er sagte, dass er mich lieb hätte oder so, das wäre ehrlich gemeint gewesen. und die andere sache, die fand ich auch abstrus. ich saß heulend vor ihm und er meinte, er fühle sich geehrt und freue sich darüber – er wirkte auch etwas überrascht -, dass „so junge, heiße mädels auf mich fliegen“. kein passender satz, wenn ein junges, heißes mädel vor dir sitzt und heult, weil es eben auf dich fliegt.

wir redeten nicht lange. zwanzig minuten oder so. wenn überhaupt. nein. das kann nicht sein. viertel stunde? .. um zehn nach acht mussten wir spätestens draußen sein, denn dann würde bald die alarmanlage eingeschaltet werden. ich fuhr meinen rechner um 19.51 runter. er drängte darauf, dass wir das gebäude verlassen. er wollte mehrmals gehen und warf immer so einen „also!“-spruch in den raum. mich störte das. ich fühlte mich wieder im wort abgeschnitten.

wir liefen beide raus, ich war total kaputt vom heulen und dem gespräch. über der mitarbeiterbrücke laufend fragte er mich, ob es zuhause nun sehr stressig deshalb wäre. „ja, mein freund ist schon eifersüchtig, aber er ist nicht so der gesprächige typ.“ – „aber das ist jetzt nicht alles wegen mir?“ – „nee, sowas passiert ja immer nur, wenn eh schon was im argen ist..“ – „das meinte ich..“ wir liefen zusammen nebeneinander her und sprachen für eine weile nicht. auf dem parkplatz angekommen wollte ich etwas wissen: „sag mal, jetzt muss ich aber mal was fragen..“ – „ja?“ – „hast du das nicht schon vermutet? im ernst, ehrlich. konntest du dir das nicht denken?“ .. „hmm“, er überlegte. „ich weiß nicht, ich glaub, ich bin da resistent gegen sowas oder hab da einen blinden fleck.“ hmm.

an seinem auto angekommen – meines stand etwas weiter hinten – kam er wieder mit diesem.. es sei ja alles wie immer, es würde wie bisher weiterlaufen blablabla. gott, ich kanns nicht mehr hören xD jedes mal, wenn ich das höre oder daran zurückdenke, werde ich innerlich wütend. auch wenn er es nicht so meint, weil er dazu viel zu flach ist, ich weiß es ja. aber ja, wir standen an seinem auto und laut ihm wäre ja alles wie immer *arme in die luft reiß*. – „so und jetzt muss ich dich noch drücken“, er nahm mich in den arm. während der umarmung begann ich wieder zu weinen und hielt ihn fest. ich griff wahrlich nach dem letzten rest meiner schönen fantasie der letzten paar monate. die umarmung löste sich und ich weinte bitterlich. er stand da, einmal mehr total hilflos und wusste nicht, was er sagen sollte. er guckte hilflos, traurig und meinte: „ich weiß nicht, was ich sagen soll. ich stehe da wie ein begossener pudel.“ ich musste sofort lachen. tränenüberströmt gluckerte ich lachend: „ja, genau SO siehst du auch gerade aus.“ er grinste und musste auch leicht lachen. ich alberte dann, immer noch mit tränen im gesicht, aber wieder gut gelaunt: „weißt du was? vorher, als ich auf dich gewartet habe, habe ich mit meiner freundin gechattet und meinte so: ‚junge, bis der aus der besprechung draußen ist, hab ich mich schon in einen anderen chef verliebt.'“ wir mussten beide lachen. er grinste und sagte: „das kriegen wir schon hin..“

ich weiß nicht mehr, wie es genau dazu kam, aber es war, als wir an seinem auto standen. noch bevor wir über den begossenen pudel lachten. er meinte wieder, dass ich ihm viel bedeute und ich ihm wichtig sei. er wolle mich nicht verlieren und mache sich auch gedanken um mich. „ich habe mir auch heute morgen sorgen um dich gemacht, als du so lange nicht aufgetaucht bist. ich hab gesehen, du bist um 8.14 dann gekommen.“ – ich lächelte müde: „ja die motivation zur arbeit zu fahren war heute nicht mehr so groß wie in den letzten monaten.“ er lächelte auch.

wir verabschiedeten uns, ich lief zu meinem auto, er fuhr an mir vorbei, ließ die scheibe runter und meinte aus dem auto heraus: „bitte fahr vorsichtig.“ – ich musste schmunzeln und nickte grinsend: „ja.“

 

ich gebe zu, nach diesem text hier fühlt sich das gespräch gar nicht so schlecht an. nach dem eigentlichen gespräch empfand ich es aber .. abgeschnitten und unbefriedigend. es fühlte sich an, als hätte ich versucht einem zehnjährigen eine depression zu erklären. nicht machbar. da prallten welten aufeinander. wenn man das hier liest, klingt es alles so .. ja, romanmäßig. tja. bin halt ein richtiger romanschriftsteller lol, es klingt alles leidenschaftlich und toll lol.

 

 

und heute? .. heute war es wie immer. es war wie das leben vor dienstag. nun ja, vielleicht nicht ganz. ich bin morgens zu ihm ins büro, er zog sich gerade seine viel zu teure bikerjacke aus, während er mich grüßte. er fragte sofort, wie es mir ginge. fragt er jeden tag. kein mensch erwartet hier eine ehrliche oder ernste antwort, aber ich glaube, heute wäre es okay gewesen, hätte ich ehrlich geantwortet. wollte ich aber nicht. „joa, passt schon“, lächelte ich. „du, wegen den zehn stunden gestern.. ich war ja länger als zehn stunden hier und ich bin ja nach sechs auch noch da gewesen.. wie wird denn das jetzt geregelt? der gruppenleiter kriegt da doch auch ne nachricht….“ – „du trägst einfach sonderzeit ein, machst halt genau zehn stunden, mehr darfst du ja nicht.“ – „ja, der gruppenleiter meinte, es verfällt nach sechs, wenn ich keine sonderzeit eintrage, aber .. ganz ehrlich? .. ich hab nach sechs sowieso nix mehr gemacht…“ – er runzelte die stirn: „das ist doch scheißegal. du trägst sonderzeit ein, die stunden verfallen dir nicht. ich genehmige die.“ .. ich war etwas überrascht. – „öh. okay.“ – er nickte bestimmend: „ja, das machst du.“ – ich schmunzelte: „oköööö“ .. ich lief raus, drehte mich grinsend nochmal um und sagte: „das war ja auch anstrengend gestern, da stehen die zwei stunden mir auch zu. die waren nämlich echt sauer verdient!“ – er lachte und nickte: „aber echt.“ .. wir grinsten beide, als ich aus dem büro lief.

der restliche tag war wie immer. frühstückspause war wie immer, mittagspause auch. das einzige, was ich eingrenzte, ist, dass ich das auffüllen meiner wasserflasche nicht mehr nach seinen terminen abstimme. ich plane nicht mehr, ihm zu begegnen. wenn ich es zufällig tue, ist es okay, wenn nicht, dann muss es das in zukunft auch sein. sein outlook zu durchstöbern, erlaube ich mir noch. nach und nach lasse ich es los. ich muss. in den pausen begaffe ich ihn nicht mehr so, auch wenn ich das gern noch täte. ab und zu erlaube ich es mir, ihn anzuschauen, ihn zu mustern, aber sobald ich das tue, fängt es nach kurzer zeit an wehzutun. deshalb lasse ich es lieber.

nach und nach muss es einfach werden. nach und nach.

fenza.

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