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Monat: Oktober 2018

Achterbahn.

Achterbahn.

emotionale achterbahn innerhalb von 45 minuten.

vorher hab ich in meiner mittagspause ein bisschen die firmenplattform durchgeschaut. auf der suche nach bilder von ihm. habe dann sogar auch welche gefunden, die schon sechs jahre alt waren. damals hatte er noch einen etwas anderen haarschnitt und mehr auf den rippen. direkt voll in love und musste ein kleines „awww“ unterdrücken, als ich die bilder sah, damit die leute im Büro nicht aufhorchen würden.

als es dann zeit war, mit ihm in die mittagspause zu gehen, bin ich lockerfröhlich vor ins Büro geschlendert, aber da er bis pünktlich zum mittagessen im outlook blockiert war, hatte ich mich innerlich schon mal darauf eingestellt, dass es mit dem mittagessen nicht klappen würde, da er ja im termin versacken könnte wie so oft. trotzdem vorgeschlendert, in der Hoffnung, dass es doch was wird, sehe ihn schon im Büro sitzen und freue mich innerlich. in letzter zeit war es zwar nicht mehr so, aber ich bin noch gebrandmarkt von der schlechteren Zeit, als er etwas distanzierter war, in der er immer sagte, er käme nach. die letzten wochen kam er aber immer direkt mit, wenn ich ihn zur mittagspause abholen wollte.

ich schlenderte ins Büro, er drückte am handy rum und ich witzelte: „nicht so viel backgammon zocken“, er schüttelte konzentriert den kopf und zeigte mir sein handydisplay: „nein nein. guck, ich arbeite.“ dann setzte er seine brille ab – die, die er so hasst – grinste mich breit an und fragte frohlockend: „können wir das in zukunft unterlassen, in der kantine witze über projekt x zu machen?“ ich war komplett irritiert, vorallem, weil sein gesichtsausdruck auch überhaupt nicht zu seiner aussage passte. inkongruenz, wenn verbale und nonverbale signale nicht zusammenpassen. projekt x ist das Projekt, das ich derzeit bearbeite. ich hatte vor einer weile souvlaki von unserer terminlichen zeitschiene zu diesem projekt erzählt und dieser macht seither witze darüber, dass es zu Iange dauern würde. nachdem holly letzte woche in der Frühstückspause mal ausgerastet ist und souvlaki kurz aggressiv angezischt hatte, war mir schon klar, dass ihm diese witze auf den piss gehen (bzw. ich wusste es grundsätzlich schon, ich kenn ihn ja mittlerweile), deshalb hab ich diese witze auch schon sein lassen, aber seit souvlaki das mit der zeitschiene hörte, hat sich das irgendwie verselbstständigt. Also .. ich hatte es ihm halt „normal“ nebenbei gesagt, als ich so erzählte, an welchem projekt ich derzeit dran bin, nicht mit dem Gedanken, dass er dieses weitererzählen oder witze drüber machen würde. generell dachte ich nicht, dass diese info überhaupt von großem belangen für ihn wäre.

er grinste mich also bis über beide ohren an, während er mich fragte, ob wir das in zukunft bitte unterlassen könnten. ich stand nur irgendwie perplex da und antwortete entsprechend stockend: „äh..“ er führte es fort, immer noch super grinsend, aber immer noch dieser total unpassende inhalt zur mimik: „und wenn in zukunft von der nicht vorhandenen projektierung (sprich, meine Position, die ich ja immer noch nicht bekleidet, weil die prozesse so lange dauern, deshalb mache ich ja diese Füllarbeit, auch projekt x genannt) die rede ist, dann lassen wir auch diese witze sein, wir projektieren bereits und fertig.“

ich gebe Ieider zu, dass ich grundsätzlich mit kritik voll gar nicht umgehen kann. ich hasse das auch selber an mir. nicht, dass ich dann wütend werde – das nur bei kleinen, unwichtigen sachen – bei wichtigen sachen geht mir der arsch auf grundeis. ich werde nervös und flatterhaft, bekomme Tränen in den augen und möchte am liebsten sterben. kein selbstvertrauen.

ich versuchte die contenance zu wahren, setzte mich kumpelhaft und locker, wie ich es immer tue, auf die tischkante seines schreibtisches hin und meinte: „äh, klar. mir ist letzte woche schon, als du souvlaki so angezischelt hast, aufgefallen, dass dich das nervt. seither hab ich die witze auch runtergefahren“, ich versuchte leicht zu grinsen. seine grinse hingegen war allerdings unverändert, er antwortete darauf: „sehr gut. und in zukunft lassen wir die ganz weg.“ – „ja, is okay, kein ding.“

mein erster richtiger einlauf von ihm. das mit dem kaffeeautomaten damals mit dem witzbold konnte ich nicht ernst nehmen. das war einfach nur eine.. bockige tour von einem eifersüchtigen kerl. kein einlauf vom chef.

um ehrlich zu sein, mir ging der arsch hauptsächlich auf Grundeis, als ich den anfangssatz: „können wir das in zukunft unterlassen“ hörte, weil ich dachte, es hätte etwas *damit* zu tun.

er stand auf und wir Iiefen zusammen zur kantine hoch. ich war nervös und flatterhaft, zerbrochen und den Tränen nahe und musste kämpfen, mich zusammenzuhalten. ich weiß selber, dass das super übertrieben und hochemotional ist, aber ich weiß, dass ich mit kritik und strafe einfach gar nicht umgehen kann, ich reagiere darauf einfach mit angst und panik. tja, vieIen dank frau mutter, haben sie mir erfolgreich 27 jahre lang eingeprügelt. im wahrsten sinne des wortes. schimpfe vom chef ist mir immer überdurchschnittlich unangenehm, unangenehmer als den meisten anderen, wie gesagt, aufgrund meiner kindheit eben, aber in *dieser* konstellation, wenn man unglücklich in seinen chef verliebt ist und dieser es auch noch weiß, war es nochmal ein klopper oben drauf.

die pause über versuchte ich lockerfrohlich zu sein. wir liefen zusammen hoch und mir wollte einfach kein einziges thema einfallen, um das unangenehme schweigen irgendwie zu durchbrechen. „sag mal, wenn du den film mit lady gaga sehen willst, hast du dann den mit Christina aguilera auch geguckt?“ das thema wollte ich mir eigentlich aufheben. jetzt war ich aber froh, dass ich es heute morgen nicht geschafft hatte, ihn auf den lady gaga-film anzusprechen. „christina aguilera hat einen film gemacht?“ – „ja schon Iänger. mit cher. kennst den nicht?“ – „echt, mit cher? nee, kenn ich nicht“. antwortete er verwundert, als er im speisesaal ein tablett nahm. er stellte sich an die schlange und ich meinte, ich reserviere schon mal Plätze.

wir saßen bei souvlaki, dem zollstock und dem fo-menschen. der sympathische war auch dabei, und mir fiel es um ehrlich zu sein schon schwer, holly nur in die augen zu schauen, welcher mir direkt gegenüber saß. irgendwann meinte souvlaki so: „was ist Ios? du bist so ruhig. ganz ungewohnt.“ ich glaube, für holly war es auch komisch, als souvlaki mich das fragte. „ach nix, ich bin nur müde. ich war gestern auf einem kindergeburtstag“, wir witzelten etwas über kinder und Geburtstage, doch für mich war es sehr schwer, innerlich meine emotionalen scherben aufzusammeln und zusammenzukleben. ich wollte es dabei belassen, mich mit Müdigkeit zu tarnen. hin und wieder lachten wir zwar etwas und ich brachte auch so ein paar jokes in die Runde, aber nachdem souvlaki gegangen und dann eh nur noch chefs übrig waren, zog ich mich aus der konversation zurück und Iieß die herren über wichtige dinge reden. Fußball zum beispiel.

holly und ich liefen alleine zusammen zurück, wir unterhielten uns über den kindergeburtstag, auf den ich nachher muss und als sich die wege an seinem Büro trennten, wünschte er mir direkt ein schönes Wochenende, was ebenfalls ungewöhnlich war, da ich ihn ja eigentlich noch im laufe des tages hatte sehen können. ich war eh schon zerbrochen und dieser wunsch zum schönen wochenende war nochmal ein tritt obendrauf. ich blieb beim witzbold stehen, der einmal mehr unwissend den job hatte, mich aufzuheitern. machte er zwar, aber das ist in so einem fall ein tropfen auf den heißen stein.

und so setzte ich mich kaputt an meinen platz. was mach ich jetzt?

ich weiß, was ich jetzt mache. ich rufe jetzt bei DM an. genau. ich wollte schon seit gestern dort anrufen und fragen, ob sie die neue kollektion von hatice schmidt reinbekämen. die ab montag nächster woche in den filialen sein soll, aber ich traute mich nicht. so oft kein problem, aber ganz selten schlägt sie doch wieder zu, die gute alte sozialphobie. aber wenn ich eines gelernt habe, dann dass man bei einem tief sich nicht drin rumsuhlen darf, sondern einen neuen impuls braucht. und wenn es schon nicht der witzbold schafft, dann vielleicht die hati.

ich ging aus dem Büro, nahm mein Handy, ich hatte angst. keine ahnung wieso, mittlerweile fällt mir telefonieren so leicht, aber dieser anruf bei dm war wie aus 2016, als meine sozialphobie den gipfel erreichte. „dm-filiale in xy, hallo, was kann ich für sie tun?“ – „ja hallo, suza mein name. ich wollte nur kurz fragen. ob ihr auch die kosmetikmarke l.o.v führt.“ – „ja, die führen wir“, in der stimme, vermutlich ein junges Mädel in den 20ern, war ein Iächeln zu hören, freundlichkeit. „ah super. bekommt ihr denn die tage eine limited edition rein, wissen sie das?“, ich weiß, dass ich im plural in die du-form wechsle. ich mache das öfter. ich finde, das lockert das Gespräch auf. – „ähm, wie heißt denn die limited edition? also von wem ist die?“ – „hatice schmidt.“ jetzt war das Lächeln in der stimme noch stärker zu hören:“ ja, die kriegen wir rein. ich weiß nur noch nicht genau wann.“ – „ah alles klar. Super, vielen dank. das wars schon! Tschühüss“, säuselte ich und bekam selbiges als antwort zuruck.

dieses kurze telefonat. diese gute Iaune. die Fröhlichkeit und freundlichkeit von dieser jungen dame auf der anderen seite der Ieitung. Das alles hat mir einfach die scherben weggefegt. keine ahnung, ob sie nur gut drauf war, ob schon mehrere wegen hati nachgefragt haben oder ob sie gar hatice und ihre videos selber mag, aber diese Wärme in der stimme schaffte es einfach in sekundenschnelle mir ein solch ein überwältigendes Gefühl der Erleichterung, der sicherheit und der zuflucht zu vermitteln, dass alles… wieder gut war.

mir ist klar, dass das sehr.. hochsensibel ist. aber solange es wenigstens auch in die gute richtung geht. ist das für mich vollkommen okay so. im gegenteil. sonst wars ja langweilig.

und ich weiß, dass er es auch hätte ganz anders sagen können, so wie er zb souvlaki angeranzt hat.

Suzaku

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