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Tag: 19. Juli 2021

Mitgefühl.

Mitgefühl.

es ist 20.36 und somit viel zu spät für diesen montagabend, um noch einen tagebucheintrag anzufangen, aber nun gut, ich fang jetzt trotzdem einen an.

richtig seltsam. ich bin vorher unter die dusche gegangen und meine mutter hat mir plötzlich im whatsapp geschrieben, dass mein vater ins krankenhaus eingeliefert wurde, also vom altenheim auf die intensivstation.

ich war letzte woche am freitag dort, eigentlich eher „zufälligerweise“, ich war seit corona nicht mehr im altenheim meinen vater besuchen, also eigentlich seit anfang letztem jahr schon nicht mehr. ganz lange wars so, dass nur eine person kommen durfte (damit meine ich immer die gleiche), das war dann meine mutter. und ja, letzte woche hatte ich dann eh urlaub und einen termin in dem ort, sodass ich zusammen mit meiner mutter hingefahren bin.

mein vater war schon die ganze letzte woche krank. angefangen hat alles damit, dass ein pfleger ihn drei tage hintereinander lang immer mit eiskaltem wasser im intimbereich gewaschen hat (keine ahnung, ob mein vater sich „gewehrt“ hat bzw etwas gesagt hat, grundsätzlich kann man meinen eltern ja nie so recht glauben, egal, was sie behaupten, da die ja eigentlich total oft lügen oder eben irgendwie in ihrem sinne die wahrheit verdrehen). durch diese kalte „intimdusche“ hat sich mein vater dann eine blasenentzündung geholt und irgendwie dadurch (???) sind dann die.. bakterien (???) auf den magendarmtrakt geschlagen (???) und seither hat er eben durchfall und ihm ist schlecht und er isst nichts mehr.

der grund für die einweisung ins krankenhaus war dann wohl nun, dass seine nieren vergiftet waren, weil er wohl seit tagen nicht mehr auf die toilette ist. also .. ich bin kein arzt und habe keine ahnung, und meine mutter, ja, also das ist immer sehr schwierig, ihr zu folgen, weil sie zum einen ja hardcore unaufmerksam ist und oftmals nur einen bruchteil von dem mitbekommt, den man an sie hinträgt, und zum zweiten dann mit ihrem kaputten deutschen und zum dritten dann noch die kaputte kommunikation über handy und ihre emotionale aufgewühltheit und aufregung darf man dann auch nie vergessen. aber das sind so die brocken, die ich widergeben kann.

und jetzt habe ich vor lauter berichterstattung „vergessen“, was so die .. emotionen waren, die mich schlussendlich dazu bewegt haben, diesen eintrag zu schreiben.

selbstverständlich habe ich zunächst mir sorgen gemacht, ich meine, wenn man hört intensivstation etc. vorallem bei meinem vater, der quasi ein sammelsurium an krankheiten ist. und an .. ungehorsam. von wegen, ja also, die tabletten brauch ich jetzt nicht nehmen oder die nehme ich halt einfach zehn stunden später und dann alle auf einmal. und essen und trinken, joa.. purer zuckersirup gefühlt is auch in ordnung bei meiner diabetes.

so recht… „über’n berg“ bin ich jetzt auch noch nicht mit meiner sorge, dazu ist die .. berichterstattung zu lückenhaft, um da komplett abzuschalten.

natürlich habe ich gleich daran gedacht, dass ich ihn.. freitag noch gesehen habe. und irgendwie, dass… wenn nun das schlimmste eintritt, ob es dann quasi irgendwie was .. „schicksalhaftes“ war, dass ich ihn noch gesehen habe. meine mutter hat dann ein foto von ihm geschickt, wie er halt in seinem bett liegt und .. das ist mir auch aufgefallen, als ich ihn am freitag nach knapp anderthalb jahren wiedergesehen habe, ihm fehlen unten zwei zähne. die waren das letzte mal noch da. und dann denkt man zurück, wie es .. früher war. vor vielen jahren, lange vor dem schlaganfall, der jetzt nun auch schon wieder zwölf jahre her ist.

und irgendwie.. ist dieses argument „selber schuld“, weil er eben so .. dickköpfig dummdoof ist, so .. egoistisch, wie so eine art.. schlüssel, der aber nicht öffnet, sondern verschließt. nämlich die eigenen emotionen, das mitleid, mitgefühl, die zuneigung, die man sonst eigentlich hätte, hat. ich meine, der hat sich quasi mit volle karacho selber in die scheiße reinmanövriert und das ist immer so der „rettungsanker“, der einen zurückholt, wenn man sich in sorge und negativer emotion verliert.

genau das gleiche ist es auch bei meiner mutter. wenn man so .. die enttäuschung empfindet, dass sie einen nicht wirklich liebt, nicht so, wie man es sich gewünscht hätte, dann kommt da der rettungsanker: „ach, die checkts doch eh nicht. die is doch eh mega hohl und rafft gar nicht, was man selber alles hingekriegt hat.“ und ja, ist auch so.

 

aber eigentlich.. bin ich ihnen nicht böse. beiden nicht. das klingt so .. gandhi mäßig, aber .. wenn ich meine eltern anschaue, beide, sie sind einfach kleine kinder. es wäre.. noch viel dümmer von mir, ernsthaft sauer zu sein. das ist, wie wenn man als elternteil einem dreijährigen kind ernsthaft böse wäre, weil es etwas kaputt gemacht hat. damit mache ich mich selber lächerlich. und nicht nur deshalb, um „meinetwillen“, weil ich mich nicht lächerlich machen will, sondern.. keine ahnung. wenn ich mir die anschaue, das entzieht sich auch jeglicher logik, irgendwie sauer zu sein. ich meine, klar war mein vater egoistisch und klar war meine mutter auch in ihrem sinne egoistisch, bzw. beide waren mit ihrem eigenen drama untereinander so beschäftigt, dass sie keine richtige zeit und aufmerksamkeit ihren kindern entgegenbringen konnten und ja, oberflächlich betrachtet hätten mein bruder und ich allen grund, sauer zu sein, aber.. sie sind beide einfach opfer ihrer eigenen kindheit. und sie hatten nicht die reife und stärke dies zu überwinden, so wie – pardon – ich das womöglich habe. ich weiß, das klingt jetzt sehr esoterisch und da wird mir auch nicht jeder einer meinung sein, was vollkommen okay ist, jedoch ist es für mich unter’m strich stimmig, so wie für manch andere.. keine ahnung, gott. aber für mich sind die beiden einfach junge seelen. keine ahnung, ob reinkarnation und wiedergeburt und alles existiert, darauf kommt es auch gar nicht an, sondern es kommt darauf an, dass man für sich etwas findet, das sich stimmig anfühlt. und für mich – sei es nun seelen, geister, schicksal oder was weiß ich – aber für mich sind beide noch ganz junge, naive wesen, die noch viel lernen müssen, die hier ihre fehler machen und vielleicht sogar irgendwann irgendwie irgendwo daran wachsen, so, wie ich vielleicht auch noch vor kurzem oder vor langem eben meine fehler gemacht habe und daran gewachsen bin. so wie ich vielleicht noch vor zehn jahren ernsthaft böse war. auch wenn es für uns außenstehende, vorallem als kinder, die wir in dieser position eigentlich zum teil opfer waren/sind, eine sehr große herausforderung ist, so brauchen solche junge, naive wesen unterstützung und mitgefühl, nicht verachtung und wut. so schlau und erhaben sich das alles anhört, höre ich aber oft genug selber nicht auf meine eigenen worte, das ist mir bewusst. da fällt schon mal ein gehässiger kommentar gegenüber meiner mutter, wenn sie mich zum tausendsten mal wieder wegen irgendeinem scheiß anruft, den ich ihr eigentlich schon x mal erklärt habe.

was mit meinem vater nun ist, ich weiß es nicht. also .. er ist halt auf der intensivstation und man kümmert sich. er hat einen katheter bekommen. alles weitere ist schwierig aus meiner mutter rauszubekommen. wenn man mit ihr redet, muss man eigentlich ein umfassendes wissen über das jeweilige thema haben, um sich anhand der bröckchen an information, die man bekommt, sich sein bild vollends zusammenzuspinnen.

 

themawechsel.

 

der affe, ich nannte ihn früher den unselbstständigen affen, auf der arbeit, dem geht es auch nicht gut. ich finde ja selber, dass er sich sehr gemacht hat, wesentlich mehr, als ich es ihm zugetraut hätte und das habe ich ihm auch schon mehrmals gesagt. (sowohl, dass ich es anfänglich anders eingeschätzt hatte, aber auch, dass er mich sehr positiv überrascht hat.) mein gruppenleiter ist ja der meister darin einem das gefühl zu geben, der dümmste dreck, der je auf dieser erde gelebt hat, zu sein (muss bei meiner mutter in lehre gegangen sein HÖHÖHÖ SEHT IHR, GEHÄSSIGER KOMMENTAR!). und der affe ist vom typ her auch eher der ruhige, schüchterne typ.

letzte woche hat er dann etwas für ein kundenprojekt machen und anschließend, zusammen mit dem gruppenleiter, zum kundenmeeting gehen müssen, um genau das zu besprechen, was er eben gemacht hat. ich will da gar nicht zu sehr ins detail gehen, ich kann nur sagen, ich hätte mir da auch sehr schwer getan. es ist schlichtweg nicht möglich, in dem detailgrad, in dem es der gruppenleiter gerne hätte, sich so schnell einzuarbeiten, um genau dieses so super kompetent dem kunden zu präsentieren. also das funktioniert nicht und ich hätte mich vor dem kunden zwar nicht ganz so schlecht angestellt, wie es laut meinem gruppenleiter wohl der affe hat, liegt aber nur da dran, dass ich eine freche schnauze habe, bzw. keck und flirty sein kann. und meistens gut kaschiere, dass ich keine ahnung habe. der affe ist dann eher so, dass er nervös wird und man ihm auf tausend kilometer ansieht, dass er ins schwitzen gerät. trotzdem wäre ich genauso hohlibohli gewesen, nur hätte etwas professioneller gewirkt, schätze ich. am ende des gesprächs hat unser gruppenleiter dem affen dann eine email geschrieben, dass er sich so einen auftritt nicht nochmal leisten kann und dass er nach seinem urlaub (also der urlaub des gruppenleiters) nochmal auf ihn zugeht und im einzelgespräch über die sache sprechen möchte. und jetzt ist er zwei wochen in urlaub. geil. einfach mal schon sowas ankündigen, damit man zwei wochen lang nicht schlafen kann. zumindest wäre es mir früher so gegangen an der stelle des affes und genauso geht es ihm gerade auch. ganz ehrlich, ich seh da eins zu eins mich da drin. der affe hat mir dann in der mittagspause (also wir saßen beide an unserem platz, ungefähr zwei meter coronakonform voneinander entfernt) die email abfotografiert und im whatsapp geschickt und mir erzählt, dass er total am boden zerstört ist. er hat auch noch in der pause am arbeitsplatz geweint, konnte es aber ganz gut verstecken, ich war, denke ich, die einzige, die es gemerkt hat. und das auch nur, weil wir parallel im whatsapp darüber geschrieben haben.

da springt auch einfach mein helfersyndrom an, wenn ich das sehe, vorallem.. ich finde wirklich echt, dass der affe gar nicht so schlecht ist, nur ist mein gruppenleiter eben so ein idiot, biste einmal in einer schublade, kommst du da nie wieder raus.

jedenfalls ist der affe eigentlich schon .. anderthalb jahre, seit eben das ganze geht, auf anschlag und die mail hat ihm jetzt den rest gegeben. „am liebsten würde ich jetzt gehen und einfach nie wieder kommen“, „am liebsten einfach drei, vier monate krank machen, eben eine auszeit“, „ich halte das nicht mehr durch, am liebsten nur weg, egal was und egal wo und wie“. sätze, die ich wirklich nur zu gut kenne. sätze, die ich fühle und nicht einfach nur höre. auch schon freitagabend nicht einschlafen zu können vor lauter sorge, weil irgendwann wieder montag ist. ich habe ihm natürlich dann auch von meinen erfahrungen erzählt, dass das ganze bei mir auch so angefangen hat und dass er da raus muss. und auch, dass ich ehrlich finde, dass er seine arbeit wirklich gut macht und dass das nicht an ihm liegt, sondern der gruppenleiter einfach behindert ist und er unmögliche forderungen stellt, denen man nie gerecht werden kann. er hat dann noch mehr angefangen zu weinen, als er gemerkt hat, dass „irgendjemand hier in dem laden hinter mir steht“. ich bin noch echt am überlegen, ob ich nicht selber zum gruppenleiter gehe und etwas sage. ich kenn meinen gruppenleiter und weiß, dass .. wenn der affe das gespräch mit ihm hat, er sowieso gar nix bewirken kann. ich auch nicht wirklich, denn schublade bleibt schublade, aber .. je mehr schubladen sich rühren, desto eher blickts mein gruppenleiter dann doch.

ich hab nicht wirklich ernsthaft die hoffnung, dass sich irgendetwas bessert. ganz ehrlich, die arbeit ist und bleibt beschissen, mein gruppenleiter gehört auch zu dieser unbelehrbaren sorte, der wird sich niemals ändern, ich kann den affen da total verstehen, aber .. ich bin auch nicht mehr so zart besaitet wie der affe. es geht aber, glaub ich, gar nicht darum, die arbeit zu verbessern, sondern irgendwie.. für jemanden einzustehen. hinter jemandem zu stehen, der hilfe braucht.

ich muss da irgendwie an marci denken. keine ahnung, wer sich noch an den erinnert. mein klassenkamerad aus der technikerschule, mit dem ich ja später dann immer ins buko gegangen bin. ich war ja in englisch immer ein glatter einserschüler und eine klausur hatte ich verkackt, einfach, weil man technische gegenheiten erklären musste, die ich aber nicht erklären konnte bzw. falsch erklärt habe. nicht aufgrund von schlechtem englisch, sondern von schlechten technischen kenntnissen. und die regel war, dass man nur punkte für technisch richtige fakten bekommt, egal, was für ein krass geiles englisch man hinschmettert. „bloß weil ich ein beschissener techniker bin, heißt das nicht, dass ich beschissen in englisch bin.“ – sah marci auch so. sah auch der lehrer so, der mich übrigens für einen muttersprachler hielt, so viel zu meinem englisch. ich hätte in meinem zwischenzeugnis (mit dem ich mich bewerben musste) eine zwei bekommen aufgrund dieser einzelnen klausur, nein, nicht mal wegen der ganzen klausur, sondern wegen dieser einzelnen aufgabe. marci meinte, ich solle mich beschweren und fragen, ob ich irgendeine zusatzarbeit schreiben kann, da alle wissen, dass mir die eins zusteht. – „nee, ich mach da gar nix. ich akzeptiere die scheiß note.“ daraufhin ist marci hinter meinem rücken zum lehrer gegangen und meinte, dass wir alle wissen, dass ich kein zweierschüler bin und es MUSS doch eine lösung geben, dass ich doch genau die note bekäme, die ich auch verdiene und die mir auch zusteht. daraufhin hat der lehrer mir die chance einer mündlichen prüfung gegeben, die ich angenommen und selbstverständlich sofort bestanden hatte. somit bekam ich die eins im zeugnis, trotz dessen, dass ich diese eine klausur verkackt hatte.

und genau das meine ich. ich hatte glück, dass ich die eins bekommen habe, dass der lehrer sich darauf einließ und mir den test angeboten hatte. aber darum gings gar nicht. ich hätte es auch akzeptiert, wenn die zwei geblieben wäre. heute.. ganz ehrlich, heute hätte ich längst vergessen, ob da eine eins oder eine zwei auf dem blatt papier stand. aber was ich niemals vergessen werde, ist, dass marci für mich eingestanden ist. und das, was da mit dem affen abgeht, das ist einfach.. unfair und scheiße. und das ist es auch nicht wert. ich weiß, wie das ist, wenn man sich wie der allerletzte dreck fühlt und – auch, wenn das so eine super ausgeleierte phrase ist – nix isses wert, dass man sich so fühlt. nicht mal der tollste job on earth, wovon unser job de facto lichtjahre entfernt ist.

 

mehr nicht. ist schon spät.

suzaku

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