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Tag: 17. Juli 2022

Sonntagnachmittag.

Sonntagnachmittag.

es ist 13:09. ich sitze daheim auf dem sofa im wohnzimmer. meine mutter und tobi sind vor über einer stunde gefahren. tobi fährt meine mutter nach hause und anschließend geht er zu seinen eltern. die haben zum kaffee und später zum grillen eingeladen, schon bevor mein vater gestorben ist. ich hab keine lust. tobi und meine mutter fahren noch davor ins altersheim bzw. waren bereits, um den rollstuhl abzufotografieren, weil ein käufer auf ebay nach weiteren maßen gefragt hat.

ich hab so viel im kopf, ich könnte millionen seiten tagebuch schreiben. die woche war so viel los. ich bin froh, dass ich es geschafft habe nach und nach den letzten eintrag irgendwie zu vollenden. ich hatte es ja bereits erwähnt, ich wollte eigentlich die anderen tage genauso oder ähnlich ausführlich niederschreiben, aber meine mutter war ja hier und da war dann keine zeit und auch kein nerv für. irgendwie schade, also für die zukunft, weil dann weniger protokolliert ist, aber im moment eigentlich auch scheißegal.

seit gestern bin ich total müde. die tage nach dem tod war immer irgendwas los. dienstag war natürlich ganz schlimm, da kam man gefühlt aus dem heulen nicht mehr raus. und mit jedem tag hat es nun abgenommen. also man weint schon noch mehrmals am tag bzw. über den ganzen tag verteilt immer mal wieder, aber jeweils nur kurz und dann gehts wieder. dieses übermannende zusammenbrechen, dass man vor schmerzen gar nicht mehr weiß, wo vorne und hinten ist, das ist seit mittwoch rum zum glück weg. vorerst. und seit gestern ist meine laune irgendwie auch nochmal anders geworden. ich bin kaputt und eigentlich nur noch desinteressiert, apathisch, teilnahmslos. ich mach halt alles einfach irgendwie mit. ich könnte eine milliarde sachen daheim erledigen, bad putzen, küche putzen, ich sollte eigentlich auch mal wieder kochen, da ich letztes wochenende für die gesamte woche eingekauft habe, aber die gesamte woche nicht ein einziges mal gekocht habe und nun alles vor sich hinwelkt. aber ich hab weder das interesse, noch die lust, noch die kraft irgendwas davon zu machen. gestern ganz kurz das häuschen vom hamster geputzt und eine ladung wäsche gewaschen. wäsche ist meine lieblingshausarbeit. und da hat es bis heute gebraucht, bis ich eine einzigen korb an wäsche zusammengelegt und in den schrank geräumt habe.

mir ist alles scheißegal. wenn ich morgen wieder zur arbeit fahre und mir da irgendwas zu viel wird, geh ich halt wieder heim. mir auch scheißegal. mein chef plant schon mords die projekte für mich ein, so wie ich es vom affen gehört habe. alle sollten wohl zunächst meine projekte letzte woche übernehmen, aber wenn wer was nicht blickt, dann einfach auf meine rückkehr warten. so in der art, wenn ich wieder da bin, werde ich schon alles genauso hardcore abarbeiten wie sonst. am arsch. als damals vor ein paar jahren bei meinem kollegen – ich nannte ihn im tagebuch immer „der, dessen vater gestorben ist“ – naja, als sein vater verstorben ist, hat schon am nächsten tag oder sogar noch am selben mein gruppenleiter bei ihm daheim angerufen, weil er ein paar geschäftssachen besprechen wollte. ist mir sowas von scheißegal, was mein gruppenleiter erwartet oder für mich einplant oder whatever. und wenn se mich rausschmeißen, dann wärs halt so. wär mir gerade auch wurscht.

witzig, wie ich gerade einfach nur den ist-stand tippe. eigentlich wollte ich von den letzten tagen schreiben, aber selbst das.. puh, ist anstrengend. nicht mal das emotionale da dran, sondern einfach nur die menge. das war alles so viel. emotional gesehen bin ich gerade eh.. naja, wie ich schon sagte, desinteressiert, teilnahmslos. ich tippe hier halt einfach irgendwas runter, weil ich mich unter druck gesetzt fühle, irgendwas meinem zukünftigen ich und meinen lesern abzuliefern. the show must go on.

am mittwoch sind meine mutter und ich direkt zum altersheim gefahren, mein bruder auch, und haben das zimmer aufgeräumt. einen tag zuvor, am dienstag, standen wir alle in dem raum und haben geweint, während mein toter vater in dem bett lag. einen tag davor, montag, hat er noch gelebt und wir alle haben ihn das letzte mal gesehen. und am mittwoch waren wir drei schon in den zimmer und haben alles sortiert, aufgeräumt, weggeschmissen. die vom altersheim haben nicht erwartet, dass wir bereits am nächsten tag kommen und klar schiff machen würden, aber .. ganz ehrlich, am liebsten vorgestern als gestern. einfach so schnell wie möglich alles erledigen. keine ahnung mehr, wie alles genau detailliert war, wie wir uns begrüßt haben und so. doch, eins weiß ich noch, meine mutter und ich waren zuerst da und haben vor dem altersheim draußen gewartet, bis mein bruder auch angefahren kam. mein bruder lief zu uns her, ich ihm entgegen, während meine mom im schatten vor dem haupteingang blieb, er und ich haben uns umarmt und er fragte: „na wie habt ihr geschlafen?“, ich wollte irgendwas antworten zwischen „gar nicht“ und „beschissen“ und entschied mich für: „wahrscheinlich genauso beschissen wie du.“

das aufräumen war… ok. es war echt ok. wir haben wenig bis gar nicht geweint. wir waren sogar schon so weit, dass wir witze über die situation machen konnten. ich glaube, das muss man einfach irgendwie, damit man das alles schafft. mein vater war ja doch immer sehr faul gewesen und hat oftmals auch das duschen ein bisschen aufgeschoben (oder auch ein bisschen mehr, viel mehr). und als ich das badezimmer aufgeräumt habe, habe ich irgendeine flasche mit türkischer aufschrift gefunden, geöffnet und dran gerochen. genauSO hat mein vater oft gerochen. ich bin grinsend aus dem badezimmer raus und hab zu meinem bruder und meiner mutter gesagt: „da, riecht mal da dran“ und meine mutter gleich: „boah, ich hasse diesen geruch. immer, wenn euer vater keinen bock zum duschen hatte, hat er sich mit diesem zeug eingesprüht. ich hab so oft wut gehabt, einmal hab ich die flasche aus dem fenster in den garten geschmissen.“ ich bin lachend ins badezimmer zurück und meinte: „dann kipp ich das zeug jetzt weg.“ ich hab den gesamten inhalt langsam – da die öffnung so klein war – ins waschbecken geleert, während das wasser aus dem wasserhahn lief, und je länger das dauerte, desto beißender war der geruch, weil man von dem zeug – wie ich jetzt merkte – echt wenig brauchte, da das so intensiv war. ich hab zwischendrin aufgehört, hab den kopf aus dem badezimmer gestreckt und meinte zu meinem bruder und meiner mutter: „also ins badezimmer kann man heute nicht mehr gehen, so stinkt das.“ wir haben irgendwie rumgewitzelt und ich meinte noch so: „also wenn ich in fünf minuten nicht mehr aus dem bad komme, könnt ihr gleich den bestatter nochmal anrufen. ihr wisst ja jetzt, wie alles geht.“ mein bruder lachte und meinte: „sagst mir halt schnell, welche urne du am schönsten fandest und schreibst mir bitte noch vom bad aus deine musikwünsche für die beerdigung.“

es ist so unwirklich. die meiste zeit, seit mittwoch, ist es für mich gar nicht so, als ob er tot wäre. nicht, dass ich es leugnen will oder so, sondern.. es fühlt sich so unecht an. ich starre so oft die bilder an, die ich von meinem vater gemacht habe, einfach, um glauben zu können, dass er tot ist. nochmal irgendwelche beweise haben.

ich habe schon so oft irgendwelche dokumentationen über tod und trauer gesehen. generell beschäftige ich mich sehr viel mit zwischenmenschlichem, schaue dokumentationen und lese berichte und so. tobi hat schon ein paar mal „bewundert“, dass ich mir ständig sowas reinziehen kann, palliativzeugs, irgendwas über hospize, behinderungen, schwere schicksalschläge und so. ich weiß aus der theorie ganz genau, wie menschen, die trauern, sich verhalten. und obwohl ich ungefähr zehn trilliarden stunden an dokumentationsmaterial gesehen habe, so habe ich mir oft gedacht, wenn andere menschen sowas sagten von wegen.. sie können das gar nicht glauben und gehen zum beispiel immer wieder zur unfallstelle oder sowas, dann konnte ich das immer nur schwer nachvollziehen. ich habe mir halt immer – zwar nicht ganz so platt, aber doch irgendwie – gedacht: „naja, tot ist tot. und man weiß ja, dass derjenige tot ist.“ (also wenn man das weiß) – aber man .. vergisst das schon irgendwie. oder .. keine ahnung, man vergisst das gefühl. dieser schockmoment, als tobi auf den parkplatz gefahren ist, nachdem ich die nachricht von meiner mutter gelesen hab, und das bewusstsein, dass mein vater tot ist, so stark war wie wahrscheinlich nie wieder, das .. verblasst irgendwie. und verblasst verdammt schnell. vorallem die letzten zwei tage ist die meiste zeit für mich einfach alles.. naja, nicht normal. ich fühle mich halt einfach.. desinteressiert und hab zu nichts bock. aber es ist nicht so, als würde ich 24/7 schluchzend daheim in mein kissen weinen. aber auch dieses .. ding, dass ich ständig auf die fotos starre, das ist auch so etwas, was ich in zig dokus gesehen hab und irgendwie nie richtig nachvollziehen konnte. generell dachte ich immer, das is hart creepy, fotos von jemand totem zu sehen, oder gar in echt jemand toten zu sehen, schon gar nicht deine nahen verwandten. eww.

meine mutter war ja jetzt die ganzen tage über da und wir sind jeden tag zum altersheim gefahren, um irgendwelche dinge zu erledigen und aufzuräumen. wir brauchen ja von mir daheim aus eine stunde hin und eine stunde logischerweise wieder zurück. aber hatten ja den ganzen tag zeit. das heißt, ich war 24/7 mit meiner mutter zusammen die letzten tage. und auch, wenn ich es irgendwie „ungern“ zugebe, aber auch ich hab meine mama gebraucht. es ist nicht nur so, dass ich mich um sie gekümmert habe, weil sie ja psychisch nicht ganz so krass auf der höhe ist (also schon immer), sondern ich hab meine mama gebraucht. so als letzte verbindung zu meinem vater. als letzte brücke zu ihm. es war schön die ganze zeit mit ihr über irgendwelche alten geschichten zu reden und zusammen zu lachen über irgendwelche blöden insider.

sie hat mir so viel erzählt. so viel wie in meinem gesamten leben nicht. ich sags euch, auch als meine langjährigen leser, ihr würdet aus den latschen kippen, wenn ihr die geschichten gehört hättet, die meine mutter erzählt hat. das hat mein komplettes, mein gesamtes bild auf meinen vater und auch auf die beziehung, die meine eltern miteinander geführt haben, verändert. sachen, von denen ich am liebsten gebrüllt hätte: „ALTER, WIESO HAST DU MIR DAS NICHT VORHER ERZÄHLT!?“

meine mutter hat fast ununterbrochen die letzten tage nur von der zeit erzählt, bevor wir kinder geboren waren. von der zeit weiß ich ja fast gar nichts, weil sie nie davon geredet haben, beide nicht. ab und zu hat mein vater was erzählt, aber gerade weil ich ja die ehe meiner eltern immer als „30jährigen krieg“ erlebt und angesehen habe, hab ich da nie näher nachgefragt, weil man sich ja nicht freiwillig in die nesseln setzen will. zumal meine eltern sowieso so hervorragend waren in irgendwas.. gefühlvollem, emotionalem zu kommunizieren oder halt generell über irgendwas nicht flaches zu reden. aber meine mutter hat mir quasi die ganze story von vorne bis hinten erzählt, wie genau sie sich kennengelernt haben und wie das war, als meine mutter nach deutschland kam.

auch von vielen fetzen, die ich über die jahre hinweg mitbekommen habe, ging ich immer in der annahme, dass meine mutter nach deutschland eingeladen wurde und dann halt, so wie sie ist – sie kann ja nie „nein“ sagen, etwas überrumpelt wurde mit der hochzeit und dann „halt“ meinen vater geheiratet hat. dass das halt irgendwie war wie … „oje, was mach ich jetzt, naja, dann heirate ich den halt“ war. ich weiß, das klingt krass, aber diese vorstellung passt auch wie arsch auf eimer zu meiner mutter, denn selbst so hardcore große wichtige entscheidungen würde sie mit genau so einem satz treffen.

nach all den millionen geschichten, die ich jetzt gehört habe, muss ich sagen: meine eltern haben sich wohl wirklich geliebt. krass. dass ich das jetzt erfahre, nach dem tod meines vaters. – vielleicht ist das aber auch nur so eine momentaufnahme und es war doch nicht so wirklich so und die wahrheit liegt irgendwo dazwischen, also zwischen brutaler hass und „sie haben sich doch geliebt“. aber selbst ein „irgendwo dazwischen“ wäre letzte woche auch schon total unwirklich gewesen.

meine mutter hat von der zeit erzählt, als sie zusammen gelebt haben, bevor mein bruder geboren wurde. mein vater hatte damals eine wohnung in der stadt, also in meinem geburtsort, ganz oben in einem haus. das war so eine maisonettewohnung bzw. ein studio und laut meiner mutter muss die wohnung wohl übel geil gewesen sein. ich kenne nur ein paar wenige polaroidfotos von der wohnung, aber auf sowas sieht man ja nicht viel. aber als meine mutter all die geschichten erzählt hat, war das.. eh krass. es fühlte sich so nah und echt an, ich konnte mir plötzlich so gut vorstellen, wie die beiden zusammen in dieser wohnung gelebt haben, wie sie als paar waren. meine mutter meinte zum beispiel auch, dass mein vater jeden morgen ganz früh aufgestanden ist (what?), brötchen beim bäcker geholt und ganz schön den tisch mit allem möglichen – wurst, käse, marmelade – gedeckt hat (what!?!) und sie immer ein schlechtes gewissen bekam, als sie dann runterkam (also das schlafzimmer war oben im dachzimmer) und alles bereits superschön hergerichtet war für sie. mein vater hatte wohl immer seinen morgenmantel an, also sich direkt wieder umgezogen in schlafklamotten, und wenn sie runterkam, hat mein vater immer den morgenmantel geöffnet und gesagt: „komm rein, ist kalt“ und sie hat sich immer an ihn gekuschelt. sie hat davon erzählt, wie sie zusammen gebadet haben, weil die wohnung ursprünglich mal eine luxuriöse wohnung von einem ärzteehepaar war und die badewanne so groß gewesen ist, dass mehrere leute hineingepasst haben. sie hat erzählt, wie sie nachts immer im bett lagen und zusammen durch das dachfenster die sterne angeschaut haben.

„das war die schönste zeit“, haben sie wohl erst vor ein paar wochen zusammen gesagt. 1976 haben sie sich über brieffreundschaft kennengelernt, 1979 kam meine mutter nach deutschland und noch im selben jahr haben sie geheiratet. die hochzeit war wohl ziemlich hektisch geplant, weil meine mutter schwanger war. das kind hatte sie jedoch verloren, die geschichte kenne ich schon. zwei jahre später, 1981, ist mein bruder geboren worden.

sie hat auch erzählt, wie mein vater mal, als sie sich noch nicht getroffen hatte, meiner mutter rosen nach philippinen geschickt hatte. er hatte die rosen in nasses zeitungspapier gewickelt, aber als sie bei meiner mutter ankamen, waren sie schon alle verwelkt. sie fand es trotzdem so süß, dass sie sich erst gar nicht getraut hatte, meinem vater zu sagen, dass die rosen schon kaputt bei ihr ankamen xD das hat sie wohl erst viel später mal ihm erzählt. und so einen ganz dünnen ring mit vielen diamanten hatte er ihr auch auf die philippinen geschickt, den kenne ich sogar, wusste aber nichts von seiner herkunft.

alles verändert hatte sich dann mit dem auszug aus dieser wohnung. dieses ärzteehepaar hat das komplette wohnhaus verkauft und meinen eltern die wohnung zum kauf angeboten. das wollten sie aber nicht, denn wenn sie kinder hätten, würden die ja in der stadt und ohne garten und so aufwachsen, obwohl die wohnung groß genug gewesen wäre laut meiner mutter, um dort kinder großzuziehen. daraufhin kam es dann zu einem deal zwischen der tochter von der halbschwester meines vaters und ihm. die geschichte kenne ich und die habe ich auch schon vor jahren im tagebuch erzählt. und zwar wollte mein vater ein haus in einem ort kaufen, jedoch war es wohl so – zumindest kannte ich bis vor ein paar tagen nur diese version – dass mein vater sich das haus erst in ein paar monaten leisten konnte, weil wohl irgendeine zahlung von der arbeit aus noch offenstand. und so hatten dann seine halbschwester (also meine „tante“, aber ich sträube mich, die alte so zu nennen) und ihre tochter das haus, auf das meine eltern ein auge geworfen hatten, gekauft, um es ihnen dann später weiterzuverkaufen. es war auch abgemacht, für wie viel das haus ge- und verkauft wurde etc pp. die neue version, die ich erst die letzten tage erfahren habe, war so, dass diese tochter (meine „cousine“, kotz) steuerlich einige vorteile durch den kauf dieses hauses hatte und sogar ihr gewerbe dort angemeldet hatte, was ihr irgendwie auch einige ersparnisse brachte, sodass von dem deal jeder etwas hätte. meine eltern sind also in dieses haus eingezogen, mein bruder wurde geboren, und sie haben das komplette haus renoviert, das war vorher mehr oder weniger nur kernsaniert. als dann mein vater das haus meiner „cousine“ abkaufen wollte, hatte die plötzlich ein drittel des preises draufgeschlagen und er so: „öh, moment mal, wieso das? das wurde anders ausgemacht!?“ und die so halt von wegen: pech… – daraufhin kam es zu so einem krassen streit – da hat mir auch meine mutter jetzt erzählt, was da alles für sätze gefallen sind, die ich nun aber nicht alle wiederhole – dass meine eltern das haus nicht gekauft haben und meine tante/cousine erstmal darauf sitzen geblieben sind. mein vater war über all das so wütend, dass er vor lauter hass und aggressionen die ganze einrichtung klein geschlagen hat und überall alles rausgerissen hat, was er über monate hinweg renoviert hatte. als seine schwester und dessen tochter das haus dann gesehen haben nach dem auszug meiner eltern, haben die wutentbrannt bei meinem vater angerufen, erstmal meine mutter angeschrien und mein vater hat dann in den hörer gebrüllt: „so wie ihr das haus gekauft habt, so bekommt ihr es auch wieder!“ – ich habe diese geschichte schon tausendmal anderen leuten erzählt, weil ich das so hammerhart GEIL finde, ich bin da so krass stolz auf meinen dad, dass ich da heute noch denke: cheerio, baba! richtig geile aktion. ich geb dir einen highfive in den himmel.

und ab da hätte sich mein vater wohl verändert. also so nach und nach. es kamen immer mehr so .. aktionen, dinger im leben, die meinen vater langsam verändert hätten. ab da wurde er aggressiver und egoistischer. was auch so eine sache, von der ich mir, als meine mutter mir das die tage erzählt hatte, dachte: WHAT THE FUCK, WIESO HAST DU MIR DAS NICHT FRÜHER ERZÄHLT!?, war.. da hatte vor jahren, ich glaube, nicht nur einmal, sondern mehrmals, mir meine mutter erzählt, dass mein vater gar keine kinder wollte. er hat halt welche bekommen, weil meine mutter wollte und er wollte halt nicht, dass sie wieder abhaut bzw. dass sie halt zufrieden ist. als wir dann die tage mal über mich und meinen vater gesprochen hatte, meinte meine mutter: „er wollte halt immer ein mädchen.“ – und ich so: „moment mal, du hast mir erzählt, dass baba gar keine kinder wollte?“ – „hä, wann?“ – „keine ahnung, öfter! du hast gesagt, baba wollte nie kinder und hat halt nur wegen dir eingewilligt und baba wäre ja immer nur egoistisch gewesen und wollte alles für sich nur machen!?“ – sie lachte verwirrt und sagte: „nee, vermutlich habe ich das halt mal gesagt, weil ich sauer war, haha.“ – ja wow. ich bin mein gesamtes leben mit dem bewusstsein aufgewachsen, dass mein vater uns nicht wollte. the fuck. und genau SO war das auch noch mit mehreren dingen, von denen ich dachte: „ja ähm, das hätte alles verändert, hätte ich das vorher gewusst.“ konnte ich aber so meiner mutter jetzt natürlich nicht sagen, die hätte sich ja noch mehr vorwürfe gemacht.

meine mutter meinte auch: „als du dann geboren wurdest, hat er seine ganze aufmerksamkeit auf dich gelenkt. vorher war ich immer sein schätzchen. da hat er immer alles gemacht, den tisch schön gedeckt, blumen gekauft und alles. als du dann da warst, warst du sein liebling.“ – jetzt, wo ich hier sitze und tagebuch darüber schreibe, weiß ich genauso wenig auf diese aussage drauf zu sagen wie da, als meine mutter mir das erzählt hat. das kann auch vielleicht etwas zu hobbypsychologisch gedacht sein, aber vielleicht ist das auch ein grund, weshalb ich mich nie so recht mit meiner mutter .. verbunden gefühlt habe. weil ich ihr den mann weggenommen hab. noch dazu sitzt halt diese philippinische, altmodische denkweise sehr tief in ihr drin, selbst, wenn sie es vermutlich abstreiten würde, aber auf den philippinen sind halt mädchen nicht so viel wert wie jungs. und ich habe mich mein leben lang nie so wertvoll für meine mutter gefühlt wie mein bruder.

die ersten zwei, drei tage habe ich mich furchtbar schlecht gefühlt. dass ich meinen vater nicht öfter besucht habe im altersheim. vorallem nachdem ich all diese geschichten gehört hatte, wie sehr mein vater an mir hing und wie lieb er früher mal gewesen ist. zwei tage ging es mir so, ohne, dass ich jemandem davon gesagt habe, weil ich einfach angst hatte, dieses gefühl zuzulassen, bis ich abends im bett, als ich endlich mit tobi alleine war, mich mit ihm darüber unterhalten habe. das schlechte gewissen hat mich fast aufgefressen, dass ich mir ein schönes leben mache, während mein vater alleine im altersheim verkümmert. als es ihm anfang des jahres so schlecht ging, hatte ich mir noch vorgenommen, dass ich jetzt mindestens alle zwei, drei wochen vorbeikomme. gemacht habe ich es nicht. mit tobi lag ich im bett und wir haben die letzten drei monate rekonstruiert, in denen ich schon nicht mehr meinen vater besucht hatte. „naja, wir waren im urlaub, danach war yukari da, dann hatten wir corona, danach war tobi im urlaub und ohne tobi zu gehen ist blöd und dann waren wir in köln. und jetzt ist er tot.“ so schnell sind drei monate um. und man denkt immer, man hat noch ein bisschen zeit. natürlich. vorallem als es meinem vater die letzten monate wieder besser ging und er sogar wieder zugenommen hatte. trotzdem habe ich mich unendlich beschissen gefühlt und ich weiß, dass in den drei monaten trotzdem genug zeit gewesen wäre, ihn zu besuchen. aber man denkt auch ganz rational und realistisch – ich fahre da zwei stunden hin und her und für ne halbe stunde an besuchszeit macht das ja keiner. würde niemand machen. das verbindet man halt einfach mit irgendwas, damits passt. vorallem, wenn man die meiste zeit eh im altersheim sitzt und nicht weiß, was man reden soll, weil .. selbst, als meine eltern noch fitter waren, da wurde nie viel geredet. die meiste zeit saß meine mutter am pc, desinteressiert und man sitzt seine zeit da ab und denkt sich: „warum bin ich überhaupt hergekommen, wenns keinen arsch interessiert, ob ich da bin?“ .. aber die letzten monate wäre es sicherlich nicht mehr so gewesen.

ich habe gestern unseren chat auf facebook gelesen, zwischen meinem vater und mir, zurück bis zur allerersten message. und habe festgestellt, dass ich mich ja ständig bei meinem vater gemeldet hatte. auch während corona, wo man nicht zu besuch kommen durfte. ich hatte das so gar nicht mehr in erinnerung. nein, das einzige, was mir in erinnerung blieb, war, dass ich die letzten drei monate nicht da war. dass ich hätte kommen müssen und dass mein vater bestimmt einsam war und sich gefragt hat, warum ich nicht komme. „warum hassen meine kinder mich eigentlich so?“, hat mein vater wohl meine mutter mal gefragt, hat sie erzählt. das hat mir übelst den schlag versetzt. bis vor letzte woche hätte mein altes ich gesagt: „ach, was der wieder labert, der fantasiert immer so rum“ und ich weiß auch, dass ich damit recht gehabt hätte, denn mein vater hat sich sehr viel eingeredet, wenn der tag lang war. und er hat sich auch immer alles so zurecht gelegt, wie es ihm gepasst hat. ich sag nur: auf die philippinen auswandern und all sowas. aber wenn dein vater gerade verstorben ist und du sowas hörst, macht das dich so fertig, dass du gar nicht weißt, wie du überhaupt weiteratmen sollst. zwei tage lang wäre ich fast an schlechtem gewissen erstickt, das war schlimmer, als der tod und der verlust an sich. ich habe meine mutter angeschaut und dachte mir die ganze zeit: „die hat alles richtig gemacht, die kann sich mit überhaupt gar nichts vorwürfe machen, die hat alles gegeben“, und sich quasi vom schlechten gewissen freigekauft. – bis sie dann vorgestern oder so heulend erzählt hatte, dass mein vater all die zeit im altersheim immer gesagt hat: „ich will wieder mit dir zusammen wohnen, ich will nicht hier im altersheim bleiben.“ er habe sogar schon eine einrichtung zum betreuten wohnen in der nähe rausgesucht und da angerufen. meine mutter meinte, dass das nicht gehe und sie niemals wieder zusammen wohnen werden, weil er einfach zu pflegebedürftig ist und sie das alleine niemals schaffen würde. sie hat geweint und hat gesagt, dass sie sich die ganze zeit vorwürfe macht, weil sie das mit dem betreuten wohnen doch hätte machen sollen und er jetzt einfach alleine im altersheim gestorben ist und bis zur letzten minute wieder zurück zu meiner mutter wollte. daraufhin ist mir irgendwie das licht aufgegangen, dass sogar sie sich vorwürfe macht, obwohl sie ihr leben lang sich komplett für ihn aufgeopfert hatte. und dass wahrscheinlich, selbst, wenn ich die letzten drei monate jeden tag dort gewesen wäre, ich mir trotzdem vorwürfe machen würde, denn es wäre nie genug gewesen und man würde immer noch etwas finden, was man hätte mehr machen können, so wie es jetzt meine mutter tut.

jetzt kann ich es auch verstehen. warum meine mutter all die jahre immer noch bei ihm geblieben ist. sie hatte immer die hoffnung, dass er wieder so wird wie früher, wie die ersten jahre, bevor wir kinder geboren waren. ich habe im nachhinein so viel mitleid mit meinem vater, denn egal wie und wo, mein vater hatte immer pech. er wurde geboren als kind von missbrauch (vermutlich, hat man ja niemals drüber geredet), meine oma war 17, als er zur welt kam, und sie war schwanger von ihrem eigenen stiefvater. verstoßen von der mutter und als schwarzes schaf bei seinem vater und seiner oma groß geworden. die erste ehefrau hat ihn betrogen mit quasi der gesamten stadt und man weiß bis heute nicht, ob das kind aus erster ehe überhaupt sein kind ist. verarscht von zig frauen. deshalb sagte mein vater ja irgendwann: „nie wieder lasse ich mich auf eine deutsche frau ein, das sind alles fotzen.“ später dann die sache mit dem haus und seiner halbschwester. generell wie dreck behandelt worden von der halbschwester und der gesamten familie, bis auf eben meine uroma, die für ihn wie eine mutter war. „dadurch ist dein vater so geworden“, immer verstoßen und verarscht, deshalb ist er am ende so egoistisch und stur gewesen, was meine mutter hat ausbaden müssen. ich weiß, dass das nur ein schwacher trost ist, der noch dazu auf die kosten meiner mom ging, aber immerhin hatte er sie. sie hat ihr leben lang alles versucht wieder gut zu machen, was andere bei ihm verbockt haben.

seit mein vater tot ist, zumindest die letzten tage, war ich viel enger mit meiner mutter. bis vor letzte woche hätte ich vermutlich n koller gekriegt, wenn ich mir vorgestellt hätte, dass meine mutter und ich von dienstagvormittag bis sonntagmittag tag und nacht gefühlt zusammen sind. und so fand ich das voll schön. schön, alte geschichten zu hören. schön, verbindung zu etwas altem zu haben. tobi ist für mich „neu“. meine eltern sind für mich „alt“, gehört zu meiner alten geschichte, zu meiner früheren vergangenheit. ich brauchte etwas altes. festhalten an dem, was noch da ist von früher. ich habe mich auch die letzten tage oft schlecht gefühlt, dass, jetzt, wo mein vater tot ist, ich enger mit meiner mutter bin. von wegen, wenn mein vater die letzten monate meine nähe nicht bekommen hat, verdient das meine mutter auch nicht. irgendwie doof, aber irgendwie, glaub ich, auch nachvollziehbar. aber ich glaube, das ist auch gut so. meine mutter hat sich um meinen vater gekümmert. und jetzt wäre es doch schön, wenn sich jemand um sie kümmert.

wir waren die tage, als sie da war, auch mit ihr bei unserem sushimann und bei tobis lieblingsgasthof. am mittwoch wollte ich nicht kochen nach dem ganzen tag voller aufräumen im altenheim, sodass wir spontan zusammen mit tobi abends ja dann beim sushimann waren. der chef von dem laden, also wir sind ja stammgäste und alle kennen uns, der hat dann auch gleich gesagt: „oh, ist das die mama?“ und hat sie auch gleich extra freundlich begrüßt. am ende, als wir bezahlt haben, meinte er noch so: „noch etwas zur verdauung? vielleicht warmer sake?“ – nur tobi und ich bekommen immer etwas zusätzlich angeboten, das ist da eigentlich nicht üblich. tobi kriegt immer einen schnaps, ich nehme nie etwas, da ich keinen alkohol mag. den sake haben wir noch nie gekriegt, weil der etwas größer ist. meine mutter und tobi haben zusammen den heißen sake getrunken, der hat ihnen auch beiden geschmeckt. als wir dann am freitag wieder dort waren – denn freitag ist unser sushi-tag, komme, was will – meinte der chef auch gleich gut gelaunt: „oh mama wieder da heute? schön!“ und sie haben am ende wieder sake getrunken.

tja. es ist mittlerweile 15.31 und ich .. hab hunger. ich weiß jetzt auch gar nicht, was ich machen soll. ich bin ja bis heute abend alleine. kochen sollte ich, aber um ehrlich zu sein, habe ich eigentlich nur bock auf unseren sushimann. da wäre ich gestern auch am liebsten nochmal hingegangen. klingt doof, aber am liebsten würde ich jetzt einfach jeden tag da hingehen. null bock auf kochen, null bock auf anderes essen. und unser sushimann vermittelt mir einfach ein kleines gefühl von.. geborgenheit.

alles, worauf ich sonst bock habe, kochen, dokumentationen schauen, haushalt, whatever. auf nix hab ich bock. am liebsten nur zum sushimann und .. zocken. ich würde jetzt gerne einfach nur mit tobi borderlands zocken und headshots verteilen. aber tobi ist ja nicht da. bin fast am überlegen, ob ich nicht all das alleine machen soll bis tobi wieder zurückkommt. aber mach ich eh nicht.

danke an alle für eure messages.

suzaku

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