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Tag: 20. Juli 2022

Tiefe.

Tiefe.

als damals deine mutter gestorben ist, fühlte ich mich schrecklich und ich hatte mitleid mit dir. aber ich hätte nicht gedacht, dass das so ist. es ist, als wäre ich in einer parallelwelt, in der ich den ganzen tag außerhalb meines körpers umherlaufe.

an dieses zitat aus dawsons creek muss ich in den letzten tagen oft denken. zwar fühle ich mich nicht wie außerhalb meines körpers oder wie in einer parallelwelt, aber es stimmt, ich hätte nicht gedacht, dass das so ist.

ich lag gestern mit tobi im bett, vor dem einschlafen, und dachte mir, wie krass soetwas ist. ich hab immer gewusst, dass, wenn nahestehende sterben, das schlimm ist, ich hatte mir das so vorgestellt wie.. keine ahnung, damals, als mein vater den schlaganfall erlitten hat, oder wie übler liebeskummer, depressionen oder sowas, nur eben viel, viel schlimmer, aber ich hätte nicht gedacht, dass.. weiß auch nicht. ich dachte, mein fokus läge in erster linie auf dem emotionalen, wie ich auch immer war, sehr emotional, dass man weint, schreit, ausrastet ohne ende. aber ich hätte nicht gedacht, dass der halbe körper versagt. ich weiß, dass körper und geist zusammengehören. und ich hab schon einiges erlebt, was jetzt nicht so der burner war, wissen ja einige von euch, aber .. ich fühle mich einfach wie komplett überfahren. physisch. ich hab heute meiner gesangslehrerin abgesagt, sie weiß ja, was los ist. ich habe aber nicht abgesagt, weil ich daheim sitze und heule, was sicher viele meinen, ich hab abgesagt, weil ich heim komme und einfach nur schlafen will. weil ich so fertig bin nach der arbeit, dass ich gar nichts mehr geschissen krieg, und das, obwohl ich gerade mal fünf stunden oder so im büro bin. weil ich hardcore platt und am arsch bin. und total verwirrt und gar nicht mehr weiß, was ich gemacht habe und was nicht. vorher hat mich mein gruppenleiter gefragt, ob ich so ein bestimmtes projekt gestern mit einer konstrukteurin besprochen und rückmeldung an eine andere fachabteilung gegeben habe und ich konnte das nicht beantworten. und das, obwohl ich eine halbe stunde mit dieser konstrukteurin darüber telefoniert und mehrere unterlagen dazu geprüft habe, ich hab hinterher sogar dem einen aus der fachabteilung den ganzen sachverhalt nochmal am telefon erklärt, nachdem er mich auf meine email hin angerufen und eine rückfrage hatte. ich wusste zwar von welchem projekt der gruppenleiter gesprochen hat und um was es da ging, aber ich wusste nicht mehr, dass ich mich eine stunde gestern damit befasst, darüber eine mail und protokoll geschrieben habe. wie komplett weg.

ich hab auch das gefühl, je mehr zeit vergeht, desto weniger krieg ich geschissen. desto schwächer und müder werde ich. manchmal fühlt es sich an, als wäre ich betrunken, so dieses taube, neblige gefühl im gesicht.

tagebuchnotizen. eine notiz war: „jeder leidet anders.“ die tage, in denen meine mutter letzte woche da war und ich quasi rund um die uhr mit ihr zusammen gewesen bin, war es irgendwie krass (und irgendwie auch gar nicht), wie die trauer immer in wellen kommt, aber immer unterschiedlich. mal hat sie plötzlich angefangen zu heulen und ich fühlte mich ganz normal und der traurigkeit trilliarden kilometer weit weg. mal wars umgekehrt. was für meine mutter auch ganz schwierig war, war die verbrennung meines vaters. sie hat mich ständig gefragt, ob ich glaube, ob er schon verbrannt wurde oder nicht. wir haben die bestatterin nicht danach gefragt, als wir alles organisatorische geklärt haben, aber meine mutter hätte das wohl anscheinend gerne gewusst, was mir aber erst durch ihre vermehrten fragen danach bewusst wurde. ich habe ihr angeboten, also letzte woche schon, beim bestatter anzurufen bzw. dass mein bruder nachfragt, der musste sowieso noch rückmeldung bzgl. des termins geben. am samstag hat er den bestattungstermin geklärt und da haben mein bruder und ich dann auch direkt auf whatsapp geschrieben und er meinte, er habe die bestatterin nicht angetroffen, nur eine kollegin. die habe aber wohl gesagt, anhand der daten, wann mein vater verstorben sei, glaube sie, dass er vermutlich schon verbrannt wurde. als ich das meiner mutter sagte, ist sie sofort in tränen ausgebrochen. mich hingegen hat das null komma gar nicht gekratzt, ob er schon verbrannt wurde oder nicht. er ist sowieso schon tot, es ist eh schon beschissen. es ist … „witzig“, wie jeden etwas anderes triggert.

was ich auch oft lese und erst jetzt so richtig nachempfinden kann, ist .. die schwierigkeit wieder ins normale leben zurückzufinden. nicht mal das eigentliche zurückfinden, also das „überhaupt“, sondern das „wann“. die dauer. es fühlt sich einfach anstrengend und schwer an. wenn man bedenkt, dass es für meine kollegen um mich herum schwierig und creepy ist, mich anzusprechen und viele mich „erstmal“ lieber meiden (was ich auch verstehen kann) und lieber so in ein, zwei wochen mal – wenn gras drüber gewachsen ist – wieder normal mit mir reden. es ist schwierig sich vorzustellen, dass .. in ein, zwei wochen gras drüber gewachsen sein soll. klar erwartet das irgendwie keiner, aber unterbewusst erwartet man es doch. und für die anderen ist es natürlich ein: „ewww, mal lieber ein bisschen warten“, aber für mich ist mein leben unwiderbringlich anders. und irgendwie will man gar nicht, dass die zeit vergeht, weil es dann so den anschein macht, als wäre nun alles wieder gut, also für die anderen. (für die anderen ist es auch irgendwann wieder gut). jetzt ist es noch so, dass man rücksicht nimmt, immerhin war es erst letzte woche. andererseits war es SCHON letzte woche. nicht, dass ich forever the center of attraction sein will, das will ich weder jetzt noch sonst irgendwann sein, aber zu wissen, dass man sich eigentlich .. auch mal .. nicht perfekt verhalten kann, beruhigt zumindest ein kleines bisschen. und ja, ein „nimm dir alle zeit, die du brauchst“ klingt schön, ist aber schneller dahergesagt, als man es tatsächlich auch meint.

dieses „man will nicht, dass die zeit vergeht“ erinnert mich auch an etwas, worüber ich mit meiner mutter geredet habe. etwas, das nicht bei jedem anders ist, sondern das uns beide gleichermaßen triggert. man will nicht, dass die zeit vergeht, weil man das gefühl hat, er wäre dann noch weiter weg. jetzt ist er noch so ein bisschen da, aber ich muss sagen, nach über einer woche auch schon nicht mehr. und je länger es her ist, desto weiter weg ist er, zumindest fühlt es sich so an. weg war er schon in der ersten sekunde.

als tobi, meine mutter und ich am samstag nach dem essen vom gasthof nach hause gefahren sind, dachte ich während der fahrt daran, dass von nun an mein vater weg ist. für immer. „für immer“ fühlt man aber nicht wirklich, man fühlt keine zukunft, sondern nur das jetzt. ich habe mir vorgestellt, wie ich als alte frau mal selbst sterbe und friedlich einschlafe und da vielleicht nochmal an meinen vater zurückdenke, der jetzt nun schon so viele jahre tot ist. da wurde mir bewusst, dass er wirklich für immer weg ist. dass ich noch (vermutlich, hoffentlich) ein ganzes leben ohne ihn vor mir habe.

doch diese momente des bewusstwerdens verfliegen sehr schnell. am mittwoch, genau heute vor einer woche, standen wir im zimmer meines vaters, um es aufzuräumen. das war noch ziemlich am anfang, kurz nachdem wir ins zimmer gingen und einfach.. uns umschauten. als wir uns im raum umsahen und uns dachten: „what the fuck. überlegt euch mal, was wir hier machen!?“ – überhaupt der gedanke, gestern standen wir da noch und haben geweint, am nächsten tag wird aufgeräumt. naja, wir unterhielten uns und sprachen vom alter meines vaters. ich meinte so: „in drei jahren werde ich 40. das kriegt baba schon nicht mehr mit“ und meine mutter und ich mussten plötzlich weinen. ein kurzer moment, in dem dir bewusst wird, was da gerade passiert.

aber soll ich euch auch mal was positives sagen? .. es gibt eine sache, die ich gelernt habe und für die ich sehr dankbar bin. klingt paradox, aber diese sache ist, dass ich jetzt weiß, wie es ist einen geliebten menschen zu verlieren. ich weiß, wie es sich anfühlt, wie beschissen es ist und wie unbeschreiblich krass tief der schmerz sitzt, sodass es nicht mal ein einziges wort gibt, in keiner sprache, das es auch nur annähernd beschreibt oder einer beschreibung auch nur nahekommt. und sogar das klingt ziemlich abgedroschen. ich spüre eine ganz neue dimension von schmerz und traurigkeit, und wenn ich mir vorstelle, dass so viele menschen diesen (und schlimmeren) schmerz schon vor mir kennengelernt haben, was ich aber nie nachvollziehen konnte, empfinde ich doch so eine art dankbarkeit, dass ich das jetzt tue. bevor ich das kennengelernt habe, habe ich mir bei solchen momenten, wenn um mich herum jemand einen lieben menschen verloren hat, immer so viele gedanken über das gemacht, wie ich demjenigen begegne, was ich sage, was ich in eine nachricht schreibe. jetzt weiß ich, dass es dafür keine worte gibt. man fühlt eine ganz neue verbundenheit, etwas, das man vorher nicht kannte. auch wenn jeder anders leidet, aber das hatten wir ja bereits.

suzaku

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