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Tag: 25. Juli 2022

Reaktion.

Reaktion.

montag und ich bin genervt.

auf arbeit ist es recht ruhig, zumindest personell gesehen. diese woche haben wahnsinnig viele leute frei, wir sitzen nur zu viert in einem großraumbüro. mein gruppenleiter hat auch frei. er hat mich letzte woche gefragt, ob ich seine vertretung mache. wobei „gefragt“ klingt so, als hätte ich eine wahl gehabt, es war eher so, dass er mich gefragt und gleichzeitig in einem satz die frage auch beantwortet hat. um ehrlich zu sein, mich nervt das. also nicht die vertretung für ihn machen zu müssen, sondern so behandelt zu werden. generell, muss ich sagen, ist meine empathie und rücksichtnahme für die anderen in den letzten tagen drastisch gesunken. in den ersten tagen nach meiner rückkehr auf arbeit habe ich noch mitgefühl gehabt mit den leuten, von wegen: „oh, sie wissen auch nicht, wie sie mit mir umgehen sollen, oh sie sind selber überfordert.“ – das ist weitestgehend verschwunden. also, nee, halt. das klingt jetzt so patzig und garstig, dieses: „das ist weitestgehend verschwunden.“ – ja, es ist anderen gefühlen gewichen, aber ich meine das nicht mit dem bockigen gefühl eines teenagers.

jetzt, wo ich selber wieder atmen kann, kann man sagen, reflektiere ich die letzten tage bzw. bald zwei wochen. und ich muss sagen, ich bin im nachhinein etwas .. schockiert, verstört, verwundert, wie die umwelt auf so einen trauerfall reagiert.

ich kenne das ja von der klinik. ich meine, einen tabu-fall zu haben. sogar damals, als ich mich als bi geoutet hatte. das hab ich ja neulich schon mal erwähnt. die leute reagieren alle so unterschiedlich und auch nicht unbedingt stimmig zu dem, wie sie sonst erscheinen. das klingt jetzt vielleicht gemein, aber ich hab von absoluten zwischenmenschlichen flachpfeifen ein sehr freundliches, lieb gemeintes beileid ausgesprochen bekommen und von leuten, die mir eigentlich nahestehen und von denen ich dachte, da käme übelst was, kam gar nichts oder was total … bescheuertes. wobei ich nicht bewerten will, wie sich andere leute verhalten, weil ich das unfair finde, da das wirklich nicht einfach ist und ich wirklich jedes kleine bisschen wertschätze, also der wille zählt auch, meine ich damit. und abgesehen davon kann kein noch so schönes wort irgendetwas lindern. aber „total bescheuert“ ist für mich zum beispiel zweifelsohne einfach so zu tun, als wäre absolut gar nichts, obwohl man ganz genau weiß, was eben ist (und ich das auch weiß, dass der andere das weiß). oder noch viel schlimmer, einem aus dem weg zu gehen. sich hinter trennwänden zu verstecken oder so. nur zwei kollegen hatten den schneid irgendetwas zu mir face to face zu sagen, alle anderen haben mich entweder komplett gemieden oder so getan, als wäre nichts. und wie gesagt, ich will da gar nicht auf den einzelnen rumreiten, denn niemand ist perfekt und ich habe auch schon oft irgendeinen scheiß gebaut oder war total überfordert mit der situation.

nee, ich bin viel mehr von der gesellschaft schockiert, von der groben masse. ich meine, ich weiß, dass sowas schwierig und unangenehm ist. damals, als der vater von „der mit dem verstorbenen vater“ verstorben ist, wusste ich auch nicht so recht, was ich sagen sollte und hatte bedenken, dass es verletzender rotz ist, den ich da sage, aber .. genau das meine ich ja. ich bin schockiert, wie es ist. und ich sage das nicht mit dem unterton, dass ich mich mit erhobenem zeigefinger da hinstelle und sage: „mähmäh, alle anderen sind so kacke“, sondern viel mehr, dass ich.. gerne da was ändern würde, oder dass ich die innere motivation habe, mich von der allgemeinen masse hier abzuheben.

was ich zum beispiel finde, was überhaupt und absolut gar nicht geht, ist, wie die situation in meiner gruppe bzw. auch von meinem gruppenleiter gemanaged wurde. mein gruppenleiter hat mich am nächsten tag im whatsapp angeschrieben, ob ich komme oder nicht und ich soll bescheid geben. daraufhin hab ich angerufen und gesagt, dass eben mein vater gestorben ist (weil ich ja mit dem satz am vortag gegangen bin, dass er im sterben liegt), daraufhin meinte er: „mein beileid“ und danach wurden die projekte abgehandelt. nach meiner rückkehr sagte er wieder bei der projektabstimmung „mein beileid“ und ging dann in die abstimmung über. gut, was soll er auch machen, mich in den arm nehmen oder was? eww nein. aber nach meiner rückkehr habe ich mich den ganzen tag beschissen und unwohl auf arbeit gefühlt und wäre der nasenbohrer nicht gewesen, wäre der tag und vermutlich die gesamte woche einfach nur unfassbar unangehm und beschissen gewesen, also NOCH mehr als ohnehin schon. wo ich sage – einfach aus menschenverstand heraus und ohne mich jetzt als trauerbegleiter ausgebildet haben zu lassen – ich hätte vermutlich meinem mitarbeiter erstmal angeboten, ob er überhaupt darüber (im einzelgespräch) reden will und ihn halt fragen, wie es ihm momentan geht oder ob es irgendetwas gibt, wobei man ihn unterstützen oder irgendwie helfen kann. ich meine, es gibt so leute, die wollen sich sofort in die arbeit stürzen, um alles zu vergessen, dann gibts so welche, die wollen am liebsten gar nicht drauf angesprochen werden und denen es total gut damit geht, wenn alle so tun, als wäre nix, und dann gibt es so leute, die brauchen ihre zeit, die sind nicht so wirklich auf der höhe und denen könnte es eine hilfe sein, erstmal leichtere aufgaben zu bekommen. naja und dann gibts nochmal tausend andere varianten, wie leute mit trauer umgehen. und genau deshalb würde ich erstmal das gespräch mit meinem mitarbeiter suchen bzw. es anbieten. ich würde auch fragen, ob derjenige überhaupt möchte, dass der trauerfall groß vertratscht wird, dass jeder weiß, was abgeht. ich wusste zum beispiel gar nicht, wem mein gruppenleiter das alles gesagt hat, hätte ich nicht den affen als spitzel gehabt. (der mir ja erzählt hat, dass es sogar eine besprechung über mich gab.) ich bin auch neulich von einem anderen kollegen per teams da drauf angesprochen worden, der nicht in meiner gruppe ist, und diesen hab ich später gefragt, woher er das eigentlich wusste. – „hat dein chef erzählt, sei ihm nicht böse, ich glaub, ihm isses rausgerutscht.“ – ja lol. und dann muss ich sagen, hätte ich als chef zumindest eine beleidskarte durch die gruppen zum unterschreiben gehen gelassen, die muss ja nicht groß überreicht werden, sondern wäre auch einfach nur schön gewesen, wenn die wortlos auf dem platz liegt, von wegen: „wir haben an dich gedacht, wir sind bei dir.“ – ich meine, IRGENDWAS. das wäre, so glaube ich, auch für die kollegen einfacher gewesen, weil keiner dann mit diesem: „ewww, sagen wir jetzt was?“ konfrontriert gewesen wäre oder zumindest nicht in dem ausmaß wie es nun der fall war. ich meine, klar, es gibt trauernde, die würden das gar nicht wollen, so im „mittelpunkt“ zu stehen, aber indem man die karte einfach nur auf den tisch legt, bevor derjenige ins büro kommt, hat derjenige es ja selbst immer noch in der hand, wie er darauf reagiert und ob er reagiert. das könnte man sogar ja noch in die karte mit reinschreiben, dass alles okay ist und er sich keinen druck machen soll!? keine ahnung, mir fallen zig tausend milliarden sachen ein, die es für mich leichter gemacht hätten und die ich mehr „zum anstand gehörend“ empfinde als das, was schlussendlich gemacht wurde. genauso wie mich eine woche später zur vertretung zu machen, alter, das geht mal gar nicht!? .. und wenn, dann kann man wenigstens sagen: „ja, ich weiß, is gerade eine scheiß zeit, aber traust du dir das zu?“ oder sowas. aber dieses: „also suza, ich brauch eine vertretung *grins*, du hast das ja das letzte mal auch schon gemacht….“ und dann, noch dazu, hab ich nur arschloch-projekte am arsch kleben. finde einfach, wie das alles gelaufen ist, komplett unter aller kanone. und wenn man bedenkt, dass ich sogar noch in einer .. „gehobeneren“ schicht bin, also diese leute hier haben alle höhere abschlüsse (ja i know, iq ist nicht gleich eq) und die firma ist generell zwischenmenschlich eher.. naja, irgendwie.. nett? – da gibts ja ganz andere kaliber. und wenn das sogar hier schon so abläuft? .. ich habe das dringende bedürfnis in die „verbesserungsvorschlagbox“ einen zettel reinzuwerfen, auf dem drin steht: „schulung für führungskräfte bei tabu-themen wie tod, trauer, psychische probleme etc.“

was das angeht, muss ich sagen, verspüre ich einfach eine solche dankbarkeit, dass mir dahingehend eben so .. naja, nicht „die augen geöffnet“ wurden, denn wie gesagt, damals hab ich mit meinem kollegen ja auch schon darüber geredet, als sein vater gestorben ist. aber .. dass ich nochmal sensibilisiert wurde für das thema. und wann immer ich mitbekomme, dass irgendjemand anderes einen schicksalsschlag erlitten hat, ich von nun an *noch* mehr darauf achte, auf diese person zuzugehen oder ihr irgendwie meinen beistand anzubieten, weil es einfach so viel mehr menschen gibt, die das nicht tun.

was mich auch schockiert hat, sind ein paar einzelne freunde. ich hab z.b. eine freundin, mit der rede ich jeden gottverdammten tag. stundenlang. jeden shitty day im whatsapp. und die arbeitet in der notaufnahme, begleitet sterbende menschen in den tod. und die behauptet auch von sich aus, dass sie sich sehr mit dem thema tod und trauer befasst hat und befasst, weil sie das eben sehr interessant findet. die alte hat nicht mal eine millisekunde lang gefragt, wie es mir seither geht und seit zwei wochen hab ich nix mehr von ihr gehört. the fuck!?

ich sag ganz ehrlich, ich .. sterb jetzt nicht davon. mein gott. aber ich bin davon überzeugt, dass es menschen gibt, die sich da viel schwerer tun. ich rege mich irgendwie stellvertretend für die auf, die sich nicht aufregen, sondern die verunsichert und verletzt wären. die daheim säßen und denen noch mehr zum heulen zumute wäre als sowieso schon.

keine ahnung, ich wollte eigentlich noch viel mehr schreiben, aber mir fehlt jetzt die zeit dazu. zumal nicht mal dieses eine thema ordentlich abgehandelt wurde. nervt mich, weil jetzt dieses eine sache so „konzentriert“ in diesem eintrag ist, aber gut, dann passt es ja zu meiner laune.

 

suzaku

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