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Autor: Fenzas

Ich fühlte mich lebendig.

Ich fühlte mich lebendig.

es ist 1:01 und ich kann nicht schlafen.

ich sitze im wohnzimmer, bin müde und wirr im kopf, liege aber schon seit anderthalb stunden wach. der tag lässt mich nicht los. es läuft evanescence mit einer live-version von „lost in paradise“.

 

er war noch bei mir im büro. abends, als die anderen schon gegangen waren. ursprünglich wollte er etwas abklären, mit einem kollegen. der ging gerade, sie unterhielten sich noch kurz und als dieser dann weg war, setzte er sich auf den stuhl neben mich. er unterhielt sich mit mir, obwohl ich an meinem platz und somit vor meiner beschissenen kalkulation saß, über die ich mich erst ne stunde vorher bei ihm im büro ausgekotzt hatte.

wir redeten vom wochenende, was er vorhabe. seine nichte habe geburtstag. – „oh, dann gehts ja direkt weiter mit nichte und neffen bespaßen“, leicht genervt rollte er mit den augen, grinste aber auch dabei. – „und bei dir?“ – ich erzählte, was ich vorhatte. ich fragte ihn irgendwann frech und direkt heraus, weshalb er eigentlich so probleme mit seinem vater habe, das habe er ja mal erwähnt. wir sprachen noch etwas über familienprobleme, er regte sich über seinen vater auf: „jedes mal nehme ich mir vor, ruhig zu bleiben, aber spätestens nach zwanzig minuten bin ich auf 180.“ ich meinte: „immer, wenn man sich so sehr über das verhalten anderer aufregt, frage ich mich, warum das eigentlich so ist. das ist doch nur ein spiegel seiner selbst und sagt wesentlich mehr über dich selber aus als über den anderen.“ er überlegte. wir schwenkten um zu flacheren themen. dem wetter und was unsere pläne für heute nachmittag seien. – „ich mach jetzt noch eine viertelstunde was fertig und dann geh ich heim, laufen“, sagte er.

es war der perfekte augenblick. es war nahezu keiner mehr im büro, bis auf eine einzige mitarbeiterin, die ruhig vor sich hinarbeitete. ansonsten absolute stille. die sonne schien zwischen den schlitzen der halb herunter gelassenen rollläden. der perfekte moment. ich wusste das und trotzdem stieg noch nicht mal die nervosität in mir hoch, diese unbeschreibliche angst, bevor man etwas tut. die angst, die einem klarmacht: „jetzt ist es soweit.“ meilenweit war ich davon entfernt und das, obwohl es der moment hergegeben hätte.

„also, wenn man sich nicht mehr sieht, dann wünsch ich dir einen schönen abend. bis morgen.“ er lächelte mich an, als er das büro verließ.

tief durchatmen. ich überlegte, ob ich jetzt zu ihm gehen sollte. zu ihm ins büro.

„wenn du es wirklich so machst, abends irgendwann mal nach dem weggehen, unter alkohol, und – nehmen wir an – er geht drauf ein und zieht am nächsten tag den schwanz ein und rudert zurück.. wäre das nicht schlimmer?“, fragte mich am tag zuvor eine freundin. sie hatte recht. das wäre schlimmer. zum ersten mal öffnete sie mir damit die augen. ich wollte immer, dass seine pure, ungehemmte emotion antwortet. nicht die überlegte, nüchterne chefseite. ich wollte die wahrheit. die wahrheit tief im innern, die wahrheit, die man so oft auch vor sich selber verleugnet. aber das wäre schlimmer. so hätte ich nicht nur für immer ein absolutes weird-feeling auf arbeit geschaffen, sofern es überhaupt je soweit gekommen wäre, sondern das absolute aus für tobi und mich.

müdigkeit überkommt mich. aber ich mag den eintrag trotzdem weiterführen.

ich saß da. auf meinem stuhl, in meinem büro, vor meiner kalkulation. es war wie am tag zuvor. kneifen oder zu ihm gehen. kneifen oder zu ihm gehen. die zeit raste. ich klickte tausendmal ins telefonbuch, hinter seinem namen stand immer „anwesend“. jede sekunde hätte daraus ein „fehlt“ werden können. überlege es dir gut. und überlege schnell. jede sekunde kann es soweit sein und die chance wäre wieder verspielt. es würde ein weiterer tag vorbeigehen, wie die letzten wochen und monate, ohne, dass er klarheit gebracht hätte.

jetzt spürte ich die angst, die einem prophezeit, dass irgendetwas passieren wird. vorausgesetzt, der platz in seinem büro wäre dieses mal besetzt.

ich stand auf, meinen rechner hatte ich schon seit zehn minuten runtergerfahren, hinter meinem namen würde schon seit einiger zeit „fehlt“ stehen. ich lief aus meinem büro. in dem moment hörte ich seine stimme, etwas weiter weg: „also nadine, mach’s gut, schönen abend dir.“ er ging. er ging.

ich lief sofort raus, auf dem gang sah ich ihn ein paar schritte vor mir laufen. er trug seine schwarze bikerjacke.

„na da schau mal einer an, wer da ist!“, rief ich scherzend zu ihm. er drehte sich um, war etwas überrascht und fragte: „wo kommst du denn noch her?“ – „aus dem büro? wo soll ich herkommen?“ – „achso? dachte, du wärst schon weg“, er musste gesehen haben, dass ich schon seit einiger zeit nicht mehr „anwesend“ war.

ich wusste es. ich wusste, dass es jetzt passieren würde. wir liefen zusammen raus, unterhielten uns über stumpfsinnige themen wie das wetter und über das laufen. während wir die treppen zum ausgang hochgingen, fragte er mich, ob ich auch laufen würde. ich lachte: „ach du, das letzte mal seitenstechen hat mir gereicht.“ – daraufhin musste er auch lachen und wollte wissen, ob ich denn anfangs zu schnell losgerannt wäre. – „keine ahnung. womöglich. ich bin doch so impulsiv. bei mir muss alles fix gehen.“ er lachte.

auf dem weg zum mitarbeiterparkplatz, als wir über die firmeneigene brücke nur für mitarbeiter liefen, erzählte er von dem parkrempler letzten sonntag mit seinem a5. eine frau war ihm an der eisdiele reingefahren und wollte sich dabei auch noch verpissen. – „na wenigstens isses nur der firmenwagen“, bemerkte ich. – „ja, wäre es mein privater gewesen, hätte ich geheult. aber den traue ich mich eh nicht so oft zu fahren.“ ich scherzte, dass ich das auch nicht würde, hätte ich einen aston martin. als wir beim parkplatz ankamen, fragte er, wo ich geparkt habe. ich zeigte auf mein auto weiter weg. „schöne felgen hast du“ – „tja, man gönnt sich ja sonst nichts.“ ich lachte. bis hierhin. bis hierhin reichte mein pingpong-humor.

wir liefen noch ein stück und als sich die wege trennen sollten, meinte er lächelnd: „also, dann bis morgen.“

jetzt.

„du, holger?“.. er drehte sich um und meinte: „ja?“ .. er stand direkt vor mir. ich vergesse diesen anblick niemals. hole ich ihn mir jetzt wieder vor augen, fühle ich wieder dieses surreale gefühl in mir, das gefühl, wie als ob ich plötzlich in einer komischen parallelwelt wäre, wo fantasie zur realität wird. das merkwürdige gefühl, wenn ein moment, der schon tausend mal in anderer version gedacht und vorgestellt wurde, wahr wird, aber diesmal in ganz neuer ausführung. er stand vor mir, seine schwarze lederjacke war geöffnet, darunter das königsblaue poloshirt mit dem ralph lauren logo, diesem gestickten reiter, auf der brust, er blinzelte der sonne entgegen.

mich überkam innere not. der satz steckte mir im hals.. ich nahm meine hand mit dem autoschlüssel an meinen mund, schützend vor dem satz, der da gleich ausbrechen würde. – „oh gott, ich kann’s dir nicht sagen..“ – er schaute mich immer noch mit genau dem gleichen blick an, den ich bis jetzt um kurz nach halb zwei nachts immer noch nicht deuten kann. vermutlich war er auch durch das blenden der sonne verfälscht. – die blanke panik übermannte mich, ich begann jetzt schon zu verzweifeln. – „ich bin in dich verliebt.“ ich hielt mir den mund zu. mein blick fühlte sich für mich an, als würde er sehr leidend aussehen.

die nachfolgende sekunde bis zur reaktion kam mir wie eine ewigkeit vor. es fühlte sich an, als würde er seit hundert jahren steif dastehen, ohne dass etwas passierte. in wahrheit war es sicher nur die übliche reaktionssekunde. er lächelte und sagte: „jetzt mach kein scheiß…“ in dieser sekunde wusste ich einfach… wie viel tiefer, vielschichtiger, facettenreicher ich doch bin. ich wusste es immer, aber es prallte das erste mal mir mit voller wucht entgegen. der schock, der mein nervensystem durchflutete, lässt meine erinnerung hier teilweise abreißen. ich fühlte mich.. verzweifelt, hilflos, ich fühlte mich, als würde ich nun gleich anfangen, mich um kopf und kragen zu reden. ich weiß nicht mehr, was ich danach sagte. er war mit der situation komplett überfordert, er konnte nicht wirklich etwas dazu sagen, er wusste nichts zu sagen, aber er merkte, wie aufgewühlt ich war. er versuchte mich mit seiner ruhigen miene wieder runterzuholen, und ich denke, auch aus unbeholfenheit irgendwie.. ruhe reinzubringen, er sagte: „jetzt schläfst mal eine nacht darüber.“ ich fühlte mich innerlich im wort abgeschnitten. abgefertigt. doch ich kenne ihn. ich schaute zu ihm, er war… unbeholfen. überfordert. ich glaube, er war es, der die nacht zum drüberschlafen brauchte. ich lächelte verzweifelt, während ich auf das weite feld hinter dem parkplatz schaute. – „ich schlaf da schon seit einem halben jahr nächte drüber.. ich wollte es dir schon so oft sagen. was glaubst du denn, warum ich ständig bei dir im büro aufkreuze?“ ich weiß die chronologie nicht mehr, es kann sein, dass ich das auch schon vorher oder erst später sagte. ich weiß auch nicht mehr, wann genau folgendes von ihm kam, aber es kam: „was soll ich nun darauf sagen?“ .. der schlechteste satz, den man auf sowas antworten kann, meiner meinung nach. nun redete ich mich um kopf und kragen. verzweifelt sagte ich: „ich weiß nicht, ich wollte es dir einfach nur mal sagen. weißt du, du machst mir mein leben zur hölle.“ .. ich weiß nicht mehr, wie wir uns verabschiedeten. unsere wege trennten sich, ohne, dass er eigentlich.. tacheles geredet hatte. er war einfach überrumpelt und komplett überfordert, ich kann es nicht anders beschreiben, sondern muss das immer und immer wieder wiederholen.

ich lief zum auto. wackelig. unsicher. es fühlte sich an wie: „keine antwort ist auch eine antwort“, denn das ist es auch. es war trotzdem… unbehaglich.

ich lief zum auto und dort angekommen hievte ich meine tasche auf den beifahrersitze, setzte mich hinein und .. blieb da stehen. ich konnte jetzt nicht losfahren. ich stand absolut unter schock. ich begann, phoebe eine whatsapp-sprachnachricht zu machen. ich musste nicht weinen, ich brach nicht zusammen, nur die ganze nervosität, der ganze schock steckte mir noch in den knochen. ich war gefasst, stabil, aber dennoch perplex. zwei minuten war ich schon am sprechen.. wobei sprechen so .. fließend klingt. ich stockte und sprach ein paar wortfetzen. stocken und wortfetzen.

plötzlich erschien es oben am smartphone. sein namen, links das grüne: „anruf annehmen“, rechts in rot „ablehnen“. ich brach den sound ab. keine nervosität mehr. ich war sicher. ich saß in meinem eigenen auto, in meinem reich, ich konnte sitzen und ich musste ihn nicht sehen. ich fühlte mich sicher, stabil. mein zeigefinger tippte auf grün.

„ja?“, sprach ich. meine stimme klang.. gefasst, traurig, vielleicht auch abweisend, auch wenn ich das nicht war oder fühlte. der innere schutzmechanismus, der einen bis zum extremen neutral sein lässt, um nicht ganz zu zerbrechen. – „fenza, alles klar bei dir?“ – „ja. warum?“, ich antwortete im gleichen ton. – „weil du nicht losgefahren bist.“ – meine stimme blieb bei der tonlage. „is‘ okay, passt schon“, mag für den leser patzig klingen, aber ich sagte es eher.. bedrückt, traurig, ruhig. nun begann er zu sprechen. sich dazu zu äußern. – „ich weiß nicht, was ich sagen soll. es ehrt mich ja, aber ich bin verheiratet.“ – in mir hallt der ton beim wort „verheiratet“ nach. ich mache mir keine hoffnung, natürlich nicht, bei einem solchen gespräch, aber.. es hörte sich alles.. komisch an. unbefriedigend. merkwürdig. ich weiß nicht. ich glaube, sogar mir fehlen mal die worte, um den ton zu beschreiben und das, was ich dabei empfand und empfinde, wenn ich hier zurückdenke. es hätte anders – angenehmer und doch brutaler, befriedigender und doch schmerzlicher – geklungen, hätte er gesagt: „aber ich liebe meine frau“, „aber ich empfinde nichts für dich“.

als ich das wort „verheiratet“ hörte, wurde es auf einmal real. diese .. „beziehung“ zwischen ihm und mir, die gerade in einem anderen rahmen stattfand. nicht mehr pingpong-humor zwischen kollegen, nicht mehr flirterei bei betriebsfeiern mit alkohol. nein. es klang jetzt wie.. ein zwischenmenschliches problem, ein beziehungsproblem. es fühlte sich plötzlich real an, ernst, echt. nun konnte ich endlich offen sprechen. – „meinst du, ich weiß das nicht? meinst du, ich hab eine andere reaktion erwartet? ich weiß, dass du verheiratet bist und dass du mein chef bist. meinst du, ich weiß nicht, dass es jetzt auf arbeit.. komisch wird?“, mein verzweifelter ton war wieder voll da. – „nichts wird komisch“, sagte er. „ich schätze sehr, dass wir ehrlich miteinander reden können, nichts muss komisch werden. und ich freue mich wie bisher auch weiterhin genauso, wenn du zu mir ins büro kommst und wir miteinander reden.“ – oh gott, wie ein geistesblitz durchfährt mich wieder, wie wir uns eigentlich verabschiedet hatten, bevor ich zum auto zurücklief. er sagte: „ich schlage vor, wir lassen das jetzt einfach mal so laufen…“, ganz genau. das sagte er, als er mir dabei über die schulter strich. er gab sich wie ein.. lächelnder, liebevoller, starker papa, zumindest fühlte es sich so für mich an, wenn auch die sätze, die er sprach, irgendwie eher.. unbeholfen, kindlich waren. daher auch dieses unbefriedigte gefühl, als ich zurücklief. naja. zurück zum telefonat. er meinte, nichts müsse komisch werden, warum auch. – „nichts wird sich ändern, alles bleibt so, wie es war“, es hörte sich für mich an, als wollte er mich damit eher trösten. für mich klang es jedoch abermals unbefriedigend. ich kann nicht weiter dein.. bürobonbon sein, dass dir den tag versüßt, auf meine kosten. ich denke aber, er sagte es, zugegeben, zwar auch seinetwegen, aber nicht nur, sondern auch meinetwegen. dass nichts anders werden müsse, dass ich mich nicht schämen oder hemmungen haben bräuchte. – traurig, unbefriedigt sagte ich: „hmm. wenn du meinst.. weiß nicht“, wenn sich das auch hier wieder für den leser eher bockig und patzig liest, was es mit meiner betonung aber sicherlich nicht war. – „sollen wir morgen nochmal drüber reden?“ – komische frage. sollen.. „möchtest du“ klänge anders. „können wir“ sowieso. aber sollen? ich habe gesagt, was ich sagen wollte. wenn du darüber reden willst, bitte. mein ton blieb einheitlich traurig, ruhig. – „ich wüsste nicht, was wir darüber noch reden sollten..“ – „fenza, du fährst jetzt bitte ganz vorsichtig heim. und wenn du daheim bist, dann schreibst du mir im whatsapp, dass du gut angekommen bist. machst du das?“ – „ja. mach ich.“ .. ich wollte noch nicht fahren. aber jetzt musste ich. schließlich würde er auf meine whatsapp nachricht warten.

ich fuhr unter schock nach hause. ich weinte ein bisschen, aber ich fühlte keinen schmerz. nur diese nachwehen des unglaublichen schocks, dieser anspannung, dieser angst. ich wünschte, ich hätte mit schmerz weinen können.

in der einfahrt angekommen, schrieb ich ihm. „bin daheim.“ .. einige minuten später kam ein: „super. wir sehen uns morgen.“ – hmpf. ich antwortete darauf nicht mehr.

ich erzählte tobi alles. für tobi scheint sich gar nichts geändert zu haben. so wie es ihm heute ging, so gehe es ihm seit monaten. nichts habe sich geändert. „es bleibt immer noch bei dir. die entscheidung liegt bei dir. ob du weiter so viel zeit mit ihm verbringen willst, ob du dich so in dem job weiter wohl fühlst, ob du unsere beziehung fortführen möchtest. es ist alles wie es immer war, die entscheidung liegt immer noch bei dir, aber vielleicht kannst du sie jetzt leichter treffen.“

hat mich auch irritiert. diese aussage. ich habe mit.. enttäuschung, wut, eifersucht, traurigkeit, keine ahnung, allem gerechnet. nicht mit dieser.. stabilität.

„wieso tust du dir das an? wieso machst du nicht schluss?“, ich saß in der küche am esstisch und starrte durchs fenster auf das bisschen himmel, das ich zwischen den nachbarshäusern entdecken konnte. – „weil ich mir leider auch was an dir liegt und ich nicht einfach so schlussmachen kann..“

ich legte mich in die badewanne. unterhielt mich mit einer freundin aus der therapie, die meine situation zu gut verstehen konnte, da sie ähnliches mitgemacht hatte. ich rede seit monaten mit ihr darüber. sie brachte mich erstmalig, seit meinem geständnis, wieder zum lachen. trotzdem. ich kann nicht weinen. ich kann nicht weinen.

mittlerweile ist es 2:43. ich habe mit mehr schmerzen gerechnet. ich habe mit schmerzen gerechnet. ich rechnete mit .. theatralik. absturz. depression. ich bin gefasst. ich sitze hier, höre immer noch das lied und bin gefasst.

als ich in der badewanne lag, wurde mir erstmalig klar, wie viel zeit ich nun habe. wie viel freiheit. gedanklich. wie viele kapazitäten da sich auftun, wenn ich keine hpa-fantasien mehr habe. ich hoffe, die sucht nach dem kick quält mich nicht zu sehr. es war wie eine droge. schlimmer. das fiel mir erstmalig in der badewanne auf. ich meine, ich wusste das schon immer. als alkoholiker weiß man, dass es eine sucht ist. man spürt die sucht mit seinem ganzen körper. aber erstmals spürte ich als trockener alkoholiker, dass es eine sucht war. nämlich, dass da auf einmal so viel wegfällt. so viel gier. so viel aufputschendes.

dieser zustand ist in ordnung. ich habe angst vor den rollen, in die ich verfallen könnte. die rolle der verletzten. sich zurückziehen, der aufmerksamkeit wegen. der besorgnis wegen. die rolle der eifersüchtigen, der nachtragenden. du hast mir genauso hoffnungen gemacht, du hast nur geerntet, was du gesäht hast. und die rolle der.. letzten wochen, monate. so zu bleiben wie immer. noch cooler, noch witziger, noch charmanter zu sein, damit er erkennt, dass ich doch ganz toll bin. dass er mich jetzt in erwägung zieht, wo er weiß, dass er das könnte. die, die sich noch mehr hoffnungen macht. – aber allein das wissen, dass ich in eine der rolle rutschen könnte, schafft schon mal die erste distanz dazu.

ich habe angst, dass es weh tun wird. wie es weh tun wird. ich habe angst, weiter mit ihm in die pause zu gehen. ich habe angst, ihn anzuschauen und immer noch dieses schreckliche verlangen zu spüren. genauso habe ich angst, ihn gehen zu lassen. nicht mehr mit ihm pause zu machen.

man klammert sich als zurückgewiesene an die letzten .. grashalme. morgen das gespräch. mit sicherheit wird es ein gespräch geben. und wenn nicht, wenn er es so fortführt wie immer, dann.. lol. mehr als „lol“ könnte ich dazu gar nicht sagen. aber das wird er nicht. er macht sich sorgen.

er schrieb mir drei stunden später. nur kurz. nur was kleines. ich rechnete nicht damit. ich war gerade in der küche, schnitt das gemüse für das abendessen. da ich die ganze zeit mit diverser freundin im whatsapp schrieb und mein handy einmal mehr grün aufblinkte, drückte ich wie gewohnt auf die vorschau. – „alles gut?“, darüber sein name. schock. .. und was antwortet man darauf? .. ich war mittlerweile super gefasst, normal gelaunt. und jetzt brachte er mich wieder zum wanken. eine halbe stunde brauchte ich bedenkzeit, bis ich schrieb: „ja is schon okay.“ mehr nicht.

eigentlich keine lust auf diese analyse, aber sie gehört hier irgendwie der vollständigkeit wegen noch rein. ich glaube, er hätte nicht mit einem solchen erfolg gerechnet. ich glaube, er hat halt geflirtet und ich glaube, er hätte einfach nicht gedacht, dass es je fruchten könnte, da er.. ja, viel zu alt sei. ich meine damit nicht das alter selber, sondern alles, was da mit dran hängt. der große bärtige sagte mal: „manchmal tun leute einfach irgendwas, immer mehr, immer weiter und machen sich gar keine gedanken darüber, dass es ja wirklich klappen könnte. und dann sind sie verwirrt und perplex, wenn aus der jux-bewerbung auf den chefposten plötzlich ein konkretes jobangebot wird.“

ich sagte es vorher schon, und ich sage es auch jetzt noch einmal, und es mir egal, was hier wer darüber denkt, aber ich glaube trotzdem schlussendlich nicht, dass da rein gar nichts war. das glaube ich nicht. es ist nur genauso, wie ich es zuvor auch schon sagte. es ist nicht genug. aber das ist okay. denn unterm strich wäre das bei mir auch nicht genug. ich wusste schon immer, dass ich es immer bereuen würde und werde, sollte ich tobi für sowas verlassen.

noch geht es. einmal im jahr etwas machen, was man sonst noch nie gemacht hat. darüber habe ich erst neulich geschrieben. ich habe noch nie meinem chef gesagt, dass ich mich in ihn verliebt habe. abgehakt. das leben ist etwas spannendes. und auch, wenn ich viel gelitten habe und es mit sicherheit noch nicht vorbei ist – und wenn ich auch leider mitmenschen zum leiden brachte – und auch, wenn.. er es mit seiner .. emotionalen flachheit wahrscheinlich gar nicht so.. im vollen umfang nachvollziehen und aufnehmen kann, wie ich es als super emotionaler, sensibler, nachdenklicher mensch tue, so muss ich sagen… alles ist gut. alles in allem fühlte ich mich lebendig. und darauf kommt es an.

ich liebe mein leben. ich liebe es, dass es mich immer wieder überrascht.

es ist 3:12 und ich versuche jetzt zu schlafen, auch wenn es mir vermutlich nicht gelingen wird.

fenza.