Ein verregneter Sonntag.

Ein verregneter Sonntag.

es ist 13.52 an einem verregneten, grauen sonntag. tobi sitzt wie immer mal oben im büro und zockt irgendwas und ich sitze im wohnzimmer mit dem laptop auf dem schoß und höre „breathe no more“ von evanescence.

eins meiner absoluten… naja, nicht „lieblingslieder“ von wegen, hab ich am liebsten, aber vermutlich mein wohl liebstes tagebuchschreiblied. ich kann mich bei diesem song einfach konzentrieren und komme irgendwie runter und zu mir selbst. und das nun seit siebzehn jahren.

 

eigentlich „sollte“ ich so viele andere sachen machen, als jetzt hier zu sitzen und tagebuch zu schreiben. und so richtig lust auf den eintrag habe ich auch nicht, also so diese richtige innere, pure lust, von wegen: „woah ja, da hab ich jetzt bock drauf.“ – nee, ich fühle nur, dass ich .. ein bisschen in meiner derzeitigen wunde rumstochern sollte. verarbeitung irgendwie, keine ahnung.

eigentlich sollte ich sport machen. oder singen. gesungen habe ich schon wieder seit dem unterricht nicht mehr und es ist schon sonntag. normalerweise wollte ich doch eigentlich sogar donnerstags und freitags nun auch singen, stattdessen habe ich sogar nun den samstag schon wieder weggelassen. sport machen wäre auch mal keine schlechte sache, ich muss unbedingt abnehmen. das muss ich eigentlich schon seit corona. mittlerweile sind es – seit dem teneriffa-urlaub – wieder 58-59kg, die ich auf die waage bringe, und das ohne sport. das heißt, auch für das gewicht isses ziemlich viel speck. das merke ich auch. meine ganzen jeans müssen schön sortiert werden nach „pass ich grad noch rein“ und „absolut unmöglich“.

aber ich kann mich gerade null aufraffen. eigentlich zu gar nichts. ich möchte irgendwie nur… rumliegen und rumleiden, wenn ich ehrlich bin. das „will“ ich eigentlich nicht, aber irgendwie.. kann ich mich zu nichts anderem aufraffen, weil mich das schlechte gefühl schon wieder einnimmt.

trotzdem…. so ein bisschen angst habe ich, diesen tagebucheintrag zu schreiben. nicht, weil ich hier jetzt mords die enthüllungen oder was weiß ich tätigen werde, sondern.. weil ich mich einmal mehr mit gedanken und emotionen beschäftigen möchte, die mir unangenehm sind. es gibt unangenehme sachen, mit denen man sich gerne konfrontiert, weil der „schmerz“ (übertrieben gesagt) heilsam ist, während es sachen gibt, die unangenehm-unangenehm sind, also einfach nur ätzend. das gleich gehört eher in die letzte sparte.

gestern waren ja diese komischen kollegen von tobi da, was aber nun mit dem vorigen absatz rein gar nichts zu tun hat, ich erwähne es nur der form halber. ein bisschen chronologie des alltags, sozusagen. zum glück musste ich mich, wie sich am freitag spontan rausstellte, nicht groß mit ihnen beschäftigen, da monobraue (kennt noch jemand den namen? haha – meine exkollegin aus der vorigen firma, ich weiß schon gar nicht mehr, wie ich die andere kollegin genannt hab.. irgendwas mit pulli, kann das sein? ach – pullitante!) sich für gestern ganz kurzfristig angemeldet hatte. damals, als ich zur anderen firma gewechselt habe, hat sich monobraue gleichzeitig in münchen beworben, weil sie einfach.. keine ahnung, sie wollte einfach nach münchen ziehen. und seither wohnt sie eben da und kommt alle paar wochen bis monate mal hier vorbei, da ihre family hier ja noch in der gegend wohnt. und dieses wochenende war sie spontan wieder mal da und so konnte ich schön den ganzen abend mit ihr auf der couch verbringen, während diese ätzenden kollegen mit tobi im esszimmer saßen und gegrillt haben.

auch wenn ich zunächst diese ablenkung gar nicht wollte, weil ich mich gerne in meinem schlechten gefühl hätte weitersuhlen wollen, wars am ende – aber das war mir vorher schon klar – gut, dass sie dann da war.

ich habe in einer bestimmten angelegenheit gegen meine moral und meine wertvorstellungen gehandelt, zumindest hab ich das bis gestern noch gedacht, und hab es irgendwie .. nicht bereut, da ich es genauso wieder machen würde bzw. zumindest weiß, warum ich mich so verhalten habe wie ich es eben habe, aber.. natürlich habe ich mich nicht gut gefühlt. – „ich finde überhaupt nicht, dass du gegen deine moral gehandelt hast, im gegenteil, du warst immer straight und hast dich volle granate deinen überzeugungen nach verhalten. nur stellst du deine moralvorstellung jetzt im nachhinein eben in frage….“, so monobraue.

 

weiß ich nicht. kann sein. die fähigkeit mich darauf zu konzentrieren, ob sie recht hat, wird durch das schlechte gefühl an sich überschattet.

am freitag.. da war alles irgendwie noch… gut. also nicht, dass es jetzt alles brutal schlecht wäre und ich kurz vor einer depression oder sowas stehe, aber am freitag.. da war ich noch in meiner unmoralischen, moralischen, was auch immer handlungsweise. und da war auch alles irgendwie.. noch .. in ordnung. und mit einem mal machte es eine kehrtwende. und die wende bzw. die richtung, in die es ging, fühlte sich zunächst sehr richtig und sehr gut an. bzw. ich habe gesehen, was ich dadurch gewinne und nicht, was ich dadurch verlieren könnte. und der gewinn schien mir in dem moment sehr groß zu sein, nein, eher sehr wertvoll.

je weiter der freitag jedoch fortschritt, desto mehr.. klopfte im hinterkopf der teil an, den ich .. verloren habe oder .. verlieren könnte. und am samstagvormittag war dann nochmal eine kleine sache, die mich total… mindfucken ließ. also auch wieder eben genau dieser sache anhörig, dieses „noch eine kleine sache“ klang jetzt so, als würde es ein anderes thema betreffen, dem ist aber nicht so.

und zwar.. ich glaube, tief im innern wusste ich schon freitagabend, was ich verlieren könnte, konnte es aber nicht so ganz greifen. wisst ihr, was ich meine? .. manchmal hat man nur so ein gefühl und .. merkt vielleicht gar nicht, dass man so ein gefühl hat, kann gar nicht deuten, was ist, bzw. dass etwas ist. man empfindet nur, ist sich darüber auch nicht wirklich bewusst. das ist, wie wenn man am ersten tag einer erkältung oder grippe steht, wenn man sich morgens noch ganz normal fühlt und über den tag hinweg entwickelt der körper so langsam fieber und man fühlt nur, dass man schwitzt, dass alles so ein bisschen minimal anstrengender ist, aber tatsächlich ist einem noch gar nicht so bewusst, dass man gerade fieber entwickelt und krank wird. erst am abend oder am nächsten tag, wenn man dann so richtig krank ist, blickt man nochmal zurück und stellt fest: „ach stimmt, gestern fiel mir alles auch schon ein bisschen schwerer.“ – und so richtig krank war ich erst am samstag, als eben diese eine kleine sache noch dazu kam. da wurde mir dann bewusst, dass ich wirklich was verlieren könnte. und auch was.

 

auch wenn es .. böse klingt, aber ich glaube, ich habe nicht mal angst davor, die sache an für sich zu verlieren, sondern ich habe angst, die chance zu verlieren, die sache zu regeln. dass es gar nicht mehr zu einem.. abschluss kommt.

und genau hier setzt auch die erkenntnis ein, dass .. monobraue recht hat. oder?

ich habe immer nach meinen moralvorstellungen gehandelt. was zwar in gewisser weise manchmal nicht die feine englische art war, aber.. ich darf mir eigentlich nicht einreden, dass .. mir die sache selber so viel wert ist, wie ich es zwischenzeitlich tat, also so richtig.. gandhimäßig. eigentlich .. seien wir doch ehrlich, gehts dir am arsch vorbei. ab einem gewissen punkt zählt nur: du oder ich. und im falle das falles .. kommt es ganz genau drauf an, wer „du“ ist. ist derjenige dir echt so viel wert? .. hm. mir fällt da der satz vom eintrag neulich ein, als ich meinte, würde ich mein leben für jemand anderen geben, würde ich es aufgrund des märtyrerdaseins machen und nicht, weil ich wirklich will, dass der andere lebt.

wobei sich das auch nicht richtig anfühlt. das ist es auch nicht.

wenn ich mich mal wieder selbst analytisch zerpflücke, weiß ich in der regel ganz genau, was stimmt und was zutrifft, egal, wie bitter die erkenntnis über mich selber ist. aber im ernst, das ist es nicht.

die sache ist mir wichtig. und die geht mir nicht am arsch vorbei.

und ich will so nicht sein. das ist nicht, wer ich sein will. wow. schon einen eintrag später mache ich selber die 180° wendung….

 

ich habe mich neulich mit jemandem darüber unterhalten, ab wann etwas eine sucht ist. – „man tendiert schnell dazu, irgendetwas eine ’sucht‘ zu nennen, das ist so krass subjektiv.“ – ich antwortete daraufhin: „ich persönlich definiere eine sucht, wenn es keinen platz mehr für das gibt, was man einst geliebt hat. und wenn man leidet.“

jetzt fällt mir auf, dass ich einen punkt bei dieser definition vergessen habe.

wenn man seine überzeugungen über bord wirft.

 

denn das ist es, was es ist. mir ist die sache wichtig. und ich habe meine moralvorstellung missachtet. aber ich weiß auch, warum ich das getan habe. aus genau dem gleichen grund, weshalb manche keinen platz mehr für das haben, was sie einst geliebt haben. oder weshalb sie leiden.

 

das erste mal seit freitag, ist dieses .. krampfartige gefühl in der brust etwas.. gelockert. mal sehen für wie lange.

 

ich wünschte, ich könnte genau das klären. das, was ich hier schreibe, was eh keiner kapiert, das möchte ich klären. aber wenn ich das tue, verspiele ich mir die chance, die sache irgendwann einmal abzuschließen, zumindest könnte ich sie mir damit verspielen. und schon allein der gedanke, dass ich mir DAMIT die chance verspielen könnte, lässt mich mich wieder aufregen und denken: „boah echt jetzt!? am arsch, ich machs trotzdem!“ – machen werde ich es aber nicht. aus genau dem grund, weshalb manche eben keinen platz mehr für die dinge haben, die sie einst liebten, oder weswegen manche leiden, oder gar ihre moralvorstellungen in den wind schießen. genau aus dem gleichen grund.. werde ich es nicht machen. damit ich mir die chance nicht verbummle.

 

ich weiß auch nicht. ich werde jetzt wäsche einräumen. und dann doch mal singen. keinen bock.

suzaku

Ein Gedanke zu „Ein verregneter Sonntag.

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