Letztes Telefonat.

Letztes Telefonat.

so, hier bin ich wieder. hatte ja gestern schon gesagt, dass ich eventuell heute nochmal schreibe.

tobi ist gerade fahrrad fahren, also der hat sich so ein mountain e-bike geholt, und joa.. ich sitze auf der couch, es läuft sogar zur abwechslung mal keine musik (wobei ich das sicher gleich ändere) und trinke nebenbei meinen kaffee mit – selbstverständlich – selbstgemachter milch. diesmal hafer-cashew. wobei das nicht so mein favorit ist, hafer wird so schleimig bei der mila, aber tobi mags, von daher..

 

ich hatte ja gestern schon angedeutet, dass ich noch über etwas anderes, eher etwas trauriges, schreiben wollte, aber um ehrlich zu sein, weiß ich nicht, ob ich jetzt nochmal alle gedanken und die „stimmung“ aufgreifen kann, die ich zu diesem vorfall hatte. trotzdem will ich es irgendwie festhalten.

und zwar ist eine kollegin von der arbeit letzte woche plötzlich verstorben. es war keine nahestehende kollegin, also keine aus meiner abteilung oder gruppe, aber etwas gekannt habe ich sie trotzdem. ein wenig eben.

sie hatte – mit ein paar anderen – zeitgleich mit mir in der firma angefangen, wir hatten ja damals auch alle zusammen cad-kurs, also 3d zeichnen, der ging so ungefähr einen monat, und ein paar monate später war dann ein zweiter kurs mit der gleichen gruppe. wir waren um die sechs, sieben schüler und hatten demnach auch den ganzen tag miteinander zu tun und haben miteinander geredet. sie hatte damals frisch ihren techniker abgeschlossen und damals während dem kurs waren wir auch jeden tag zusammen mittagessen und haben halt viel gequatscht, weil alle noch recht jung waren. tatsächlich war ich der älteste der gruppe und die anderen kannten sich zwar nicht direkt, aber waren alle aus der gleichen gegend (also da, wo die firma ist), ergo, sie waren alle auf den gleichen schulen und hatten halt mehr anknüpfungspunkte als ich, trotzdem wars ne nette kleine gruppe. und später, als ich dann immer zum mittagessen mit holger in die kantine ging, hab ich diese eine kollegin auch öfter getroffen und ab und an mit ihr und ihren kollegen gequatscht, war auch ein paar mal mit ihr und ein paar von dem kurs zusammen mittagessen (wenn holger mal nicht konnte oder kein platz mehr an seinem tisch war). sie war immer mit einem von dem kurs zusammen beim essen, weil er der bruder von ihrem freund ist und der hat zufälligerweise auch mit uns zusammen in der firma angefangen, daher „kenne“ ich den auch.

mein kollege, also der affe, hatte am freitag, genauso wie ich, auch homeoffice, und wir hatten uns mal wieder wegen irgendwas arbeitsmäßiges gegenseitig im whatsapp ausgekotzt, also via sprachnachricht, und irgendwann meinte er so: „hast du das eigentlich mitbekommen von der xyz..? die ist ja da letzte woche bei dem halbmarathon verstorben.“ – ich bin aus allen wolken gefallen und hab erstmal den sound (also die sprachnachricht) dreimal nochmal angehört, weil ichs nicht glauben konnte. – „hab ich das jetzt richtig verstanden, du hast gesagt, die ist GESTORBEN?“ – „ja.. ich dachte, du hast das schon mitgekriegt, ich weiß gar nicht, ob die du gekannt hast. die hat in der abteilung abc gearbeitet.., müsstest ja eigentlich mit ihr zu tun gehabt haben.“ – er hat mir dann ein foto von der todesanzeige aus der zeitung abfotografiert, der text, die aufzählung der angehörigen und daneben ein bild von genau ihr. hätte er mir diese anzeige nicht geschickt, ich hätts nicht glauben können. ich meine, ich hätts nicht geglaubt, weil.. keine ahnung, das ist doch noch gar nicht so lange her gewesen, dass ich mit ihr telefoniert hatte? und .. da wird sie doch noch im system gelistet, im firmentelefonbuch, mit bild und… keine ahnung. purer schock. in solchen momenten merkt man einfach, wie das hirn aussetzt und da so eine denkblockade einsetzt und irgendwie.. nix mehr geht, außer ..  eine das hirn überflutende verwirrung.

sie war konstrukteurin für eine der maschinen, die zu meinem maschinenpool, also meinem bereich, gehört, ergo, wenn ich genau die maschine bearbeitet habe, habe ich immer direkt sie angerufen (weil ihr chef so ein griesgrämiger typ ist, da wars immer ganz gut, wenn ich sie dann fragen konnte xD).

erst vor.. keine ahnung, drei, vier wochen hatte ich eine maschine von ihr in einem meiner projekte. da gings eher da drum, dass wir die kundenanforderungen, so wie es ursprünglich geplant war, nicht abdecken konnten, und daher auf ihre maschine ausweichen wollten. und da ich vom kopf her so in der ursprünglichen geschichte drin war, hab ich sie kurzerhand angerufen und hatte ihr eine frage gestellt, die.. total dumm war. also man muss sich die frage so vorstellen, ich hatte ursprünglich ein projekt mit einem standmixer und sie konstruiert aber flugzeuge. und ich wollte sie dann fragen, wie man bei ihrer maschine (=flugzeug) die mixerklingen austauscht. sie war dann irgendwie – zu recht – perplex am telefon und ich hatte vor lauter detailverliebtheit und hirnerei total vercheckt, dass sich die frage eigentlich bei ihrer maschine erübrigt, aber sie hat mir dann trotzdem ganz lieb erklärt, wie die situation bei ihrer maschine ist. und kaum, dass sie zwei sätze sagte, dachte ich mir innerlich: „oh gott, bin ich dumm, stimmt ja, das gibts da gar nicht…“ – ich hab sie dann aber trotzdem zu ende erklären lassen und meinte so: „ach gott, ich war jetzt total in der anderen sache drin..“ sie hat trotzdem nicht geblickt, was ich meine, hab aber gleich gemeint, dass es sich erledigt hätte, ihr gedankt und hab aufgelegt. da dachte ich mir: „oje, bei der nächsten frage fragst lieber den griesgrämigen chef, das war jetzt zu peinlich XD“, obwohl die echt eine super liebe war und total locker drauf. grundsätzlich war sie auch eine der wenigen, wo ich mir dachte: „wow, die is ganz normal mir gegenüber“, denn ich bin es gewohnt, dass gleichaltrige (oder jüngere) mädels mich immer bitchy behandeln und ich gar nicht mit denen zurecht komme.

und zwar war die so eine ganz sportliche, also die hat auch immer bei so tough mudder und sowas mitgemacht und war generell so ein ganz fröhlicher, lebenslustiger, junger mensch. letzten sonntag war ein halbmarathon, an dem sie mitgemacht hat, und da ist sie irgendwann zusammengebrochen. man hat sie dann versucht vor ort wiederzubeleben, sie ist dann auch ins krankenhaus eingeliefert worden, aber da war sie schon hirntot. am dienstag wurden die geräte abgestellt. letzten monat ist sie 28 jahre alt geworden.

 

und seitdem lässt mich das nicht mehr los. also es ist jetzt nicht so, dass ich daheim sitze und heule, so gut kannte ich sie dann auch wieder nicht. ich meine, den kurs zusammen, hin und wieder beim essen oder aufm gang getroffen, ab und an geschäftlich telefoniert, das wars. aber.. das lässt mich trotzdem nicht los. ich meine.. klar, sie war „nur“ eine entfernte kollegin, aber.. das wirkt alles noch so real. ich meine, ich kann mich immer noch an ihre stimme erinnern, wie sie geredet hat und wie ihre brille aussah und so. und wie sie mit den anderen beim essen zusammensaß und all sowas. und.. 28? .. 28, das ist doch nichts. das is so.. keine ahnung. wenn ich an diesen kurs zurückdenke und alle waren jünger als ich und wie ich da mit denen zusammen gehockt bin und sie haben sich über irgendwelche lehrer aus der gleichen schule unterhalten und .. das soll nicht arrogant klingen, aber ich habe die gruppe wirklich jünger als mich empfunden, und wenn ich mir vorstell, dass die jetzt.. tot ist. ich meine tot tot, richtig tot. wenn ich mir vorstelle, ich bin 36, nur 36 und habe sie schon .. überlebt.

ich meine, ich kenne mehrere leute, die früh gestorben sind, alle zum glück nur flüchtig. zum beispiel den einen kumpel von katrin, mit der ich ausbildung gemacht habe, damals. der schwerst depressiv war und sich mit tabletten umbringen wollte und im letzten moment doch den notarzt angerufen hat, weil er doch noch weiterleben wollte und als der notarzt bei ihm war, war er schon tot. er war anfang zwanzig. oder nadins ex, der betrunken nach dem volksfest auf eine zuggleise gefallen und überfahren worden ist. der war mitte zwanzig. aber.. selbst, wenn ich all diese menschen nicht so gut kannte oder wir uns nicht nahe standen, das hat mich jedes mal irgendwie schockiert.

und mich schockiert, wie schnell sowas geht. ich meine klar, ich bin meister darin solche tragischen sachen auf youtube anzugucken. ich gucke ständig irgendwelche berichte und dokus über schicksalsschläge und auch, wenn mich die auch oft mitreißen, ist das dann doch nochmal was anderes, wenn man die person – wenn auch nur oberflächlich – kannte. ich meine.. heute vor einer woche war der halbmarathon. wenn nur heute vor einer woche jemand zu ihr gesagt hätte: „boah, nimm da lieber nicht dran teil..“ oder „komm, lass doch an dem tag zusammen was anderes machen..“ ich meine, die vorstellung allein, dass sie vielleicht noch samstagabend gechillt fern geguckt hat und am dienstag ist sie tot. das is doch.. ich weiß auch nicht.

auch wenn das doof klingt, aber.. ich hab dann an unser letztes telefonat gedacht, als ich sie wegen dieser dummen frage angerufen hatte und wie peinlich mir das hinterher war (ist halt mein psychoding, von wegen dumm und so), wo ich mir noch vorgenommen hatte, ich rufe sie erstmal nicht mehr wegen irgendeinem schwachsinn an. und jetzt.. werde ich sie nie wieder anrufen. selbst, wenn – auch wenn sie das hundertpro nicht dachte – ihr damals nach unserem telefonat durch den kopf ging: „meine fresse, ist die suza dumm…“, dann.. ist das jetzt vollkommen irrelevant, denn sie ist jetzt tot. diese gedanken, die sie damals vielleicht hatte, sind jetzt.. verloren. weg. das is so schockierend, alles. wie schnell alles plötzlich so endgültig ist. und alleine das in worte zu fassen wirkt so .. flach, abgenutzt, phrasen, die man immer wieder hört, von wegen: „so schnell so endgültig“, blah, hört man zig mal in zig filmen, in zig fernsehberichten. aber es IST so. und dieses „IST“ wird erst wieder spürbar, wenn man sowas erlebt. und dann auch nur ne weile. und irgendwann ist dieses spürbare wieder stumm.. dumpf.. nicht mehr zu bemerken. und diese phrasen sind wieder nur phrasen. und das meinte ich mit „ob ich diese gedanken nochmal so aufgreifen kann“ zu beginn des eintrags.

 

keine ahnung. seit ich das gehört habe, seit diesem satz: „hast du das eigentlich von der x mitbekommen? die is ja letzte woche bei dem halbmarathon verstorben..“ – seit dem lässt mich das nicht mehr los. ich denke die ganze zeit an.. x sachen. an ihre familie, ich meine, wie gelähmt die eltern sein müssen. und wie zerbrochen die zukunft von ihrem freund jetzt ist. das is alles so krass. ich meine, beim laufen tot umgefallen. mit 28. mir gehen da auch so viele dämliche gedanken durch den kopf. zum beispiel, dass sie nicht mehr erlebt, wie .. die welt sich vielleicht wieder etwas normalisiert. keine masken, kein corona. und dass sie den techniker nun irgendwie.. umsonst gemacht hatte. vier jahre lang hatte sie etwas davon. ich meine, man macht ja so eine ausbildung für die zukunft. das ist, wie wenn man ganz viel anlauf nimmt, um über einen abgrund zu springen, aber bevor man den abgrund überhaupt erreicht, verstirbt man. und was wohl mit ihrer brille passiert? sie hatte immer wahnsinnig dicke brillengläser, auf den privaten fotos im facebook sieht sie mit kontaktlinsen ganz anders aus als auf arbeit, wo ich sie eigentlich noch nie ohne der brille gesehen habe. und ich frage mich tatsächlich, ob ich ihr damals sagte, dass ich ihren namen schön finde, auch wenn er halt recht einfach ist, also kein schnickschnack. aber er erinnert mich immer an heidi, also die zeichentrickserie. ist mein erster gedanke, wenn ich an ihren namen denke, und ich frage mich, ob ich diesen ersten gedanken damals auch schon geäußert habe, als sie sich vorstellte. kann mich nicht mehr erinnern.

 

ach, ich weiß auch nicht.. das is einfach alles.. krass.

 

ich weiß jetzt nicht, was ich nun noch mache. eigentlich hätte ich jetzt noch weitergeschrieben, aber ich weiß nicht worüber und nach dem thema erscheint mir jetzt auch alles irgendwie.. unpassend. vielleicht bügel ich jetzt. keine ahnung.

suzaku

2 Gedanken zu „Letztes Telefonat.

Kommentar verfassen

Durch die weitere Nutzung der Seite stimmst du der Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen

Die Cookie-Einstellungen auf dieser Website sind auf "Cookies zulassen" eingestellt, um das beste Surferlebnis zu ermöglichen. Wenn du diese Website ohne Änderung der Cookie-Einstellungen verwendest oder auf "Akzeptieren" klickst, erklärst du sich damit einverstanden.

Schließen