Mehr.

Mehr.

ich versuche es nochmal mit einem tagebucheintrag. tobi ist im büro und zockt. es ist 13.53, ich habe zeit für whatever i wanna do und ich .. sollte eigentlich singen. aber ich lerne zur zeit ein neues lied, das meine gesangslehrerin und ich noch nicht durchgesprochen haben, da finde ich es immer etwas sinnlos, das lied bis zum erbrechen „falsch“ zu lernen. denn am ende sagt sie, nee nee, das singste in der bruststimme und dann war alles fürn arsch. ich will in dem, was ich tue, einen sinn sehen.

deshalb schreibe ich auch jetzt tagebuch. ich habe mich schon immer gefragt, woher dieser drang kommt, in dem, was man macht, einen sinn sehen zu wollen. also ich meine.. nicht allgemein, sondern ich. mir is so vieles scheißegal, aber.. immer, wenn ich zeit für irgendetwas habe, dann will ich am ende ein produktives ergebnis haben. ich meine, das ergebnis muss jetzt auch kein picasso oder spielberg oder einstein sein, aber.. es muss zumindest überhaupt irgendein ergebnis geben. gestern habe ich drei stunden lang gemüse geputzt, geschnitten und eingefroren. dann muss ich unter der woche nur noch das zeug auftauen, würzen und in den topf schmeißen. fertig. das ist sinnvoll. und das beruhigt mich auch innerlich, wenn ich etwas tue, bei dem am ende irgendetwas bei rum kommt. oder auch nur ein beknackter instagram post. wenn ich weiß, da gibtsn ergebnis, dann ist es gut. ich habe schon öfter versucht rauszufinden, warum ich so ticke, denn ich denke, zu jedem „tick“ gibt es einen grund. aber da bin ich noch nicht wirklich dahintergestiegen. und das mit einem beknackten natürlichen drang des menschen blabla zu erklären ist für mich unbefriedigend.

 

passend dazu .. habe ich mir .. gedanken gemacht. naja, nicht wirklich, aber irgendwie… finde ich gerade keine echte befriedigung mehr. also nicht, dass ich unzufrieden bin, ich .. laufe gerade leer. ich sehe gerade keine ziele mehr, keine dinge mehr, die ich erreichen will. ich meine, ich für mich. ich habe es ja neulich schon mal erwähnt, aber.. ich fühle mich, als wäre ich hier fertig. ich meine nicht hier im tagebuch, sondern hier im leben. entgegen dem, was ich als kommentar dazu bekommen habe, dass es sich mehr wie erdung als wie ein ende anfühlt, so fühlt es sich für mich immer mehr wie ende an.

wisst ihr, was ich lustig finde? .. einfach mal so ein gedanke, der mir gerade in den kopf kommt. ich glaube ja, dass nach dem tod etwas passiert. also nicht, dass wir sterben und dann zack bums und das wars, sondern.. ich denke schon, dass irgendetwas daraufhin folgt. was, keine ahnung, aber schon irgendwas. und ich kann mir das ganze reinkarnationsding mit seelen und so am ehesten vorstellen. wo ich natürlich auch hier wieder sage, ja blabla, und woher kommt das dann und wie ist das entstanden und blaaaahhh, keine ahnung. aber wisst ihr, was ich irgendwie interessant finde? .. ich glaube irgendwie, es gibt menschen und dinge, die werde ich wiedersehen, sollte ich irgendwann nicht mehr leben. also bei manchen dingen, da habe ich vertrauen, dass, wenn diese in diesem leben verloren gehen, dass sie nicht für immer verloren sind, sondern nur für diese episode, und dass sie irgendwann wieder zu einem zurückkommen. nicht alles, aber manches.

aber was ich ganz komisch finde, ist.. das glaube ich nicht bei tobi. auch wenn das wirr klingt, aber ich glaube, tobi treffe ich nur in diesem leben. und wenn er stirbt oder wenn ich sterbe, dann.. sehe ich ihn nicht wieder. und das ist das, was – okay, das klingt jetzt echt krass – mich so an diesem leben festhält. also nicht, dass ich mich umbringen will oder son schrott, aber etwas.. das mich wieder hierher zurückholt, weil ich weiß, ich habe nur dieses eine leben mit ihm. ich glaube, das liegt hauptsächlich daran, dass.. in erster linie er das so sieht. tobi sagt, wenn wir tot sind, sind wir tot und dann wars das. tschüss und vorbei. und wie ich heute morgen im anderen eintrag schon schrieb… wenn das für ihn so ist, wenn das in seiner welt so ist, dann ist es für ihn auch so. auch wenn das natürlich quatsch ist, sollte ein leben nach dem tod existieren, wird es nicht davon geprägt sein, ob wir daran glauben oder nicht. … oder doch? .. naja, kann alles sein. aber irgendwie.. hat das so einen cut in die sache reingeschnitten, als tobi meinte, er glaubt an gar nix und wenn wir sterben, dann isses vorbei und fertig.

nicht, dass es .. wie ein problem klänge, es ist an für sich kein problem, und … das klingt jetzt auch nicht nach trennung oder so, im gegenteil, aber.. was auch dazu beiträgt, dass ich es mir nur schwer vorstellen kann, tobi nach diesem leben nochmal zu .. „treffen“, das ist, weil wir irgendwie überhaupt nicht miteinander „connecten“. ich frage mich allerdings auch, warum das dann so gut läuft zwischen uns. aber auch wenn ich ihm damit womöglich unrecht tue, aber manchmal empfinde ich tobi irgendwie fast schon autistisch. auch wenn ers natürlich nicht ist und nur im vergleich zu mir, die ja .. wahrscheinlich sehr krass in die exakt andere richtung geht, das auf mich so wirkt. aber ich finde es schon fast verstörend, wenn.. tobi und ich zum beispiel eine dokumentation über … irgendwelche menschen sehen, wo es zum beispiel um schicksalsschläge geht, oder .. um ganz andere situationen, wie es ist mit einem behinderten menschen zusammenzuleben, oder .. wie es ist, obdachlos zu sein oder .. keine ahnung. muss ja auch nicht mal immer nur negativ sein. aber halt .. situationen von menschen, die sich mit den eigenen überhaupt nicht überschneiden. und dieses .. krasse … desinteresse an menschen, das finde ich so.. verwirrend. ich meine, klar, jeder hat so sein ding und ich bin halt genau das gegenteil. er wird das auch so verwirrend finden, dass ich mich null dafür begeistere, wie .. keine ahnung, irgendwelche mikrochips entstehen und aus welchen metallen irgendwie irgendwas hergestellt ist oder keine ahnung. und man kann unterschiedliche interessen und unterschiedliches wissen ja auch nicht werten, ich meine,.. keine ahnung, ist es jetzt sinnvoller zu wissen, wie alles physikalische aufgebaut ist, mit welchen minus- und pluspolen und keine ahnung alles zusammenspielt, oder wie.. unterschiedliche menschen zusammenspielen? .. kann beides gleich wichtig und wertvoll, aber auch gleich unsinnig und nutzlos sein.

 

ich will jetzt natürlich auch nicht solche großen töne spucken, denn am ende ist die laune nach … fünf sekunden, ads-like, eh verflogen, aber.. hm. ich habe ja schon öfter nun in den letzten einträgen darüber geschrieben und heute ja nun auch schon wieder, aber.. wenn ich so auf mein leben schaue, was so in der vergangenheit war und wie sich alles weiterentwickelt hat bis zum jetzigen zeitpunkt, in dem ich hier sitze, um genau 14.30, es läuft „two beds and a coffee machine“ von savage garden und draußen ist es grau in grau, dann ist es einfach so, als hätte ich keine .. offenen baustellen mehr. nichts, wo ich mehr an mir rumdoktern kann, nichts, wo ich mehr an mir produktiv sein kann. und vielleicht ist das auch gut so, ich meine, vielleicht muss ich auch genau da jetzt sein. vielleicht ist es nun gut, dass ich die letzten 35 jahre die augen auf mich selbst gerichtet habe.

meine kindheit mit einer mutter, die vor ihrer familie aus den philippinen hals über kopf in eine ehe fernab ihrer heimat geflüchtet ist, um sich ihr leben lang unterdrücken zu lassen.

ein vater, der nur an sich selbst denkt, nachdem er nie liebe erfahren hat, da er selbst auch nur durch sexuelle gewalt gezeugt und immer abgelehnt wurde.

emotionale und physische gewalt seit frühester kindheit. ablehnung. niemals „ich hab dich lieb“.

süchte, ängste, selbstzweifel, depressionen. hungern, selbst verletzen.

reiner. nicht einfach nur „r.“, sondern reiner.

 

ich kann ihnen vergeben. allen. vorallem mir. da ist nichts mehr, das meine wut entflammt, oder tränen in die augen treibt. ich habe ihnen verziehen.

vielleicht ist es gut, dass diese baustellen alle .. erledigt sind. und die augen auf anderes gerichtet werden können. weg von sich. vielleicht ist das die neue herausforderung.

 

als tobi und ich letztes jahr in dresden waren, oder war es leipzig? ich weiß nicht mehr.. na jedenfalls im urlaub, da sind wir durch die stadt geschlendert. vor dem starbucks saß ein obdachloser, der schon etwas älter war.. wir sind zweimal an ihm vorbeigekommen, ich habe beim ersten mal ihm nichts geben können, weil ich kein passendes bargeld bei mir hatte und tobi.. keine ahnung, das ist seltsam, aber mir fällt es schwer mit tobi darüber zu reden, was so .. in mir vorgeht. ich meine, auch worüber ich hier schreibe zum beispiel. ich könnte tobi nicht um geld für den obdachlosen bitten. als wir das zweite mal an ihm vorbeikamen, stand der obdachlose etwas weiter weg und hatte seine sachen sortiert.. ich bin zu seinem becher gelaufen und habe geld hineingeworfen, bin dabei kurz in die knie gegangen und wie ich gerade das geld in den becher fallen ließ, schaute der obdachlose von weiter weg zu mir her. ich habe ihn angelächelt und er mich und bin zurück zu tobi, der erst gar nicht kapiert hat, wo ich abgeblieben war, schon ein paar schritte weitergelaufen ist und mich mit blicken in der menge gesucht hatte.

 

die backstreet boys konzerte, die von letztem jahr australien auf dieses jahr australien verschoben wurden, werden mit ziemlicher sicherheit auch dieses jahr nicht stattfinden. und selbst wenn, dann dürfte ich da ganz sicher nicht einreisen. ob sie die konzerte nochmal verschieben oder sie sie dann ganz canceln, keine ahnung.

ich habe mir drei meet and greets gekauft und vier konzertkarten. zweieinhalbtausend euro alles zusammen. nur die karten, ohne hotel und anreise.

ich wollte kevin nochmal wiedersehen. und keith auch. ich wollte wissen, wie sie reagieren, würden sie mich heute wiedersehen. ich meine, nach all dem, was seither war. ich wollte mich bei beiden bedanken. und ich wollte noch mehr lustige momente, wie damals mit yukari in jakarta. „omg, look look“ – „WHAT?“ – „look, over there.. it’s mike.“ – „fuuuuuck, we got the right one. they’re here.“ – momente wie diese.

ich will einmal keith umarmen. nur ein einziges mal.

was so meine backstreet boys manie betrifft, habe ich so viel mehr erreicht als ich es je zu träumen gewagt hätte. eigentlich… was alles betrifft. mein ganzes leben. es hat so viel mehr geklappt als ich gedacht hatte. ich hab so viel mehr bekommen, als ich dachte, dass ich erreichen könnte.

es ist einfach so unglaublich.. aufzufallen. von all den millionen fans weltweit, den tausenden mädels, da .. sieht er mich. da sehen mich beide. ich bin es nicht gewohnt gewesen, gesehen zu werden. nicht bei meiner mutter, nicht bei meinem vater.. und reiner, der hat auch nicht gesehen, wie ich gelitten habe.

 

ich habe mir überlegt, das geld zu spenden. ich habe diese karten gekauft, weil ich .. mehr liebe wollte. mehr freude. mehr aufmerksamkeit.

ich kann nicht mehr kriegen. ich habe bereits mehr bekommen, als eigentlich… hätte wahr werden können.

suzaku

6 Gedanken zu „Mehr.

  1. Auch, wenn du immer wieder sagst, dass es nicht deprimierend klingen soll, dass alles schon erreicht ist, machen mich solche Einträge immer wieder traurig. Vielleicht auch nur nachdenklich. Aber wo ich dir zustimme: du hast schon einiges erreicht. Danke, dass wir bisher daran teilnehmen können.

  2. Liebe Suzaku, mittlerweile lese ich deine Einträge seit doch etlichen Jahren – und immer, immer gerne. Mich machen solche Gedanken, wie du sie hier beschreibst, auch ziemlich nachdenklich. Was mir dabei immer wieder durch den Kopf geht: Ich könnte mir vorstellen, dass du eventuell aufgrund der ja nun schon seit einem Jahr völlig geänderten Lebensbedingungen diese Gedanken entwickelst – oder? Immerhin ist ein Jahr in deinem Leben prozentuell gesehen ein wesentlich größerer Anteil deiner Vergangenheit als zum Beispiel in meinem Leben, da ich ja doch viel älter bin. Aber: Die derzeitigen Bedingungen, die ja einen totalen Rückzug erforderten und noch immer erfordern und damit das Leben bis in die kleinsten Verästelungen verändert haben und noch immer verändern, ja, allgemein unsere Sicht aufs Leben wahrscheinlich für immer verändern wird – könnte es nicht sein, dass diese Umstände auch eine Rolle spielen? Oder siehst du das komplett davon getrennt und bist dir sicher, dass diese Gedanken auch in „normalen“ Zeiten aufgetreten wären? Findest du das jetzt doof, dass ich da „diese Zeiten“ ins Spiel bringe? Ich meine, ich hasse es, wenn Leute dauernd über „in Zeiten wie diesen“ oder „diese Zeit“ und blahblah reden, doch die Umstände, denen wir uns seit einem Jahr anpassen und beugen müssen, werden wohl auch Auswirkungen aufs Seelenleben haben, das geht an niemandem spurlos vorüber (am ehesten noch an einer alten Schachtel wie mir, die auch davor schon extrem zurückgezogen gelebt hat und den jetzigen Zustand eher genießt). Ich bin immer wieder gerührt und sehr angetan, welch eine kluge Frau du bist! Ich schätze dich, wenn auch „nur“ auf Entfernung, SEHR! Alles Liebe!

    1. vielen lieben dank für deine ausführliche nachricht, ich freue mich immer, wenn sich jemand hinsetzt, um mir ein paar zeilen zu schreiben 🙂 – und natürlich auch danke fürs kompliment 🙂
      ich weiß, was du meinst, ich muss jedoch trotzdem sagen, dass „zeiten wie diese“ bei mir weniger große spuren hinterlassen als jetzt zum beispiel bei anderen, da ich mich selber trotz meines „extrovertierten charakters“ eher als … ich sag mal, „physisch introvertierten“ menschen bezeichne. sprich, ich bin wie du gerne zuhause und genieße zeiten, in denen ich niemanden sehen oder eben raus muss, zu normalen zeiten verlasse ich im alltag auch nur dann das haus, wenns sein muss. ich glaub, wenn irgendein äußerer umstand einen größeren einfluss auf meine gedanken hat, dann vermutlich mein für mich nichts bringender, nerviger job, der nervt mich mehr als corona. wobei ich dennoch noch einmal betonen will, dass ich diesen momentanen zustand nicht unbedingt als depressiv erlebe, schließe aber nicht aus, dass es dahinkippen könnte. im moment fühle ich mich eher so von wegen, wie als ob ich mein tellerchen leer gegessen hab, noch an meinem tisch sitze und mir denke: „so und was jetzt?“ – ich denke, zu „normalen“ zeiten wäre ich auch irgendwann an diesen punkt geraten, aber vermutlich nicht so schnell, weil ich sicher noch eine weile von den sachen abgelenkt gewesen wäre, die aktuell nicht möglich sind (bsb, reisen…), und auch, weil mir wichtige kontakte, die mich zu dieser „vollendung“ (also zur inspiration bzgl meiner gedanken) schlussendlich gebracht haben, ohne corona gar nicht möglich gewesen wären.
      ich denke, die erkenntnis (also meine art zu denken) in den letzten wochen wäre früher oder später immer gekommen, aber zu normalen zeiten hätte ich es wohl einfach so hingenommen und mich wieder mit unnützem schmarrn abgelenkt, während corona mich jetzt dazu zwingt, meinen fokus darauf zu belassen (deshalb mein satz, dass ich nicht ausschließe, dass es ins depressive kippt). aus totaler zufriedenheit kann nämlich ganz schnell unzufriedenheit werden. ist wie lotto.. wenn man gewonnen hat, ist man erstmal überglücklich, weil man sich alles leisten kann – und dann ist man super unglücklich, weil man sich alles leisten kann. hmm.. ich kann da jetzt leider nicht irgendwas.. aufbauendes, tolles, positives zum schluss schreiben, .. wir werden sehen, wie es weitergeht. mit mir, mit uns, mit der welt. liebe grüße 🙂

  3. Ok, wenn es schon ein Ende ist, dann doch vielleicht das Ende einer Staffel statt dem Ende einer ganzen Serie! 🙂
    Irgendwas Verruecktes wird dein Drehbuch schon noch hergeben – vielleicht kuendigst du deinen Job und faengst in der Obdachlosenhilfe an. So oder so, ich feuer dich weiterhin an!
    Liebe Gruesse

    1. Danke dir! Tatsächlich habe ich sogar über sowas nachgedacht, also @ obdachlosenhilfe. Habe mich ja schon öfter erkundigt bei mir im Ort, aber is bissl schwierig… Grüß dich!

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