Suche.

Suche.

ich war eben wieder laufen. seit ewigkeiten. okay, das letzte mal war am dienstag, aber davor war ich ewigkeiten nicht. das letzte mal kurz vor der messe, kurz vor meinem geburtstag im juni. danach hatte ich eine fußverletzung, weil ich zuhause an der treppe abgerutscht bin und mir dabei meinen zeh kaputtgeschlagen hatte und danach hatte ich gürtelrose. seither nicht mehr laufen gewesen und meine kondition muss ich jetzt auch wieder von vorne aufbauen. aber ist okay. ich bin froh, dass ich überhaupt den „absprung“ wieder geschafft habe, bzw. nun wieder gelaufen bin. normalerweise wäre das ja so gewesen, ich hätte das dann zum anlass genommen, nie wieder laufen zu müssen, so wie viele hobbies, die ich irgendwann angefangen und dann nach kurzer zeit wieder sein gelassen habe.

 

es ist september. ich versuche das immer von mir wegzuschieben, ich versuche alles von mir wegzuschieben, schon seit einem jahr. seit einem jahr halte ich mir die ohren zu, werfe mich strampelnd auf den boden und jammere: „nein nein!“ und statt es ehrlich zuzulassen, statt endlich loszulassen, hechte ich jedem kleinen kick, jedem mini furz an hochgefühl hinterher, indem ich tagtäglich hier von jedem kleinsten moment erzähle. hier hat er das gesagt, hier hat er das gemacht.

aber es richtig, richtig, echt zuzulassen, das mache ich nicht. ich kann viel reden und viel schreiben, wenn der tag lang ist. auch wenn er kurz ist. und vieles weiß man auch und man weiß, dass man es weiß. aber trotzdem ist ohren zuzuhalten und „nein nein“ zu jammern so viel einfacher. und so viel angenehmer. oberflächlich gesehen.

 

es ist september und für mich ist es unfassbar, dass märz, februar, dezember so viele monate schon her ist. für mich fühlt es sich so an, als wäre weihnachten vor zwei monaten gewesen.

doch wenn ich mir in gedanken zurückhole, wie er damals war, dann fühlt es sich unfassbar lange an. wie er anfangs mit seinem stuhl zu mir hergerollt ist, ganz nah, wie er mit seinem gesicht meinem für einen chef viel zu nah kam, mich richtig offensichtlich anflirtend anlächelte und mir ein kompliment zu den muffins machte, die ich für meinen einstand mitbrachte. und auch nur das so deutliche ausformulieren allein in diesem satz ist schon wieder das, was ich weiter oben schrieb. sich tagtäglich in irgendwelche gedanken, kleinigkeiten, und in dem fall erinnerungen, die nicht mehr wiederkommen, reinsteigern, um sich ein kleines bisschen an hochgefühl zu verschaffen.

glaubt nicht, ich weiß nicht, dass ich mich seit monaten im hamsterrad befinde, mal schneller, mal langsamer renne, aber niemals aussteige. ich weiß das und tief im innern ist mein problem, dass ich gar nicht aussteigen will. magersüchtige, die eigentlich gar nicht zunehmen wollen. klingt lustig, wenn ich das so mit magersucht vergleiche. ich zähle mich zwar nicht zu denjenigen, die mal magersüchtig waren, aber ich hatte meinen fuß auf jeden fall schon einmal viel zu tief drinnen und ich muss sagen, das war eine weitaus angenehmere sucht, und ich glaube sogar nicht mal, dass ich das mit der rosa-roten-rückblick-brille idealisiere, sondern glaube, dass das wirklich so ist. besser auf mich zugeschnitten eben. klingt bescheuert und ich sage, um himmels willen, nicht, dass es angenehm sei, magersüchtig zu sein, aber für mich hatte das hungern zumindest die illusion, dass es um mich ginge. hier geht es nicht um mich. es geht um ihn. jeden tag, jede minute, jede sekunde. alles dreht sich um ihn. als sich mein leben noch ums essen drehte, oder viel mehr ums nicht-essen, da beherrschte die waage mein leben und das war so viel angenehmer als mein leben von meinem chef – nicht nur arbeitstechnisch – bestimmen zu lassen.

das fehlt mir. es fehlt mir – ja, lustig, dass ich das hier in meinem öffentlichen online-tagebuch, quasi der inbegriff meines egos, schreibe – dass es um mich geht. auch, wenn ich das vor lauter holly hier holly da in den letzten monaten nie wirklich geschrieben habe, gedacht habe ich es schon öfter. okay, gewusst, darüber nachgedacht auch nicht. aber mein selbstwertgefühl ist tief im innern zur zeit wieder richtig tief im keller. ich weiß nicht, ob es nur daran liegt, dass ich alles tun und ihn niemals für mich gewinnen kann, oder ob es auch schon an dem vorangegangenem tief liegt, das ich august letzten jahres hatte, als so diese ganze.. tobi-chrissy-thematik wieder aufkam. bzw. eigentlich schon monate vorher, das im august letzten jahres war ja nur so der moment, in dem ich es irgendwie realisierte bzw ausdrücken konnte. der eintrag war damals privat geschrieben und den hatten auch nur ganz wenige leser zur verfügung gestellt bekommen, zumal meine neuen leser seit fenzas.de ja eh gar nichts davon wissen. aber im august letzten jahres hatte ich schon mal so ein tief, als ich aus langeweile mal die bilder von unseren festplatten anschaute und mir lauter bilder von tobi und seiner exfreundin kamen. eigentlich interessieren mich expartner von meinem aktuellen partner immer sehr, ich finde das total spannend und frage mich auch immer, was man von der ex auf die neue partnerin (sprich mich) schließen kann.

aber wenn ich an tobis exfreundin denke, dann kommen mir da sofort die tränen genauso wie wenn ich an meine mutter denke. und ich weiß auch, warum das so ist. nämlich weil es das gleiche ist. ablehnung. ich weiß, dass es in anbetracht der derzeitigen situation total irrsinnig klingt, ich, der ich in meinen chef verschossen bin, und tobi, der trotzdem bei mir bleibt und alles akzeptiert, um mich weiterhin zu halten. aber zuerst war die ablehnung da. 2006. ich weiß, ich fange immer und immer wieder damit an, aber ich glaube, ich werde niemals in der lage sein, das vollständig loslassen zu können. genauso wie ich die ablehnung meiner mutter niemals vollständig akzeptieren können werde. tobi hatte sich damals für chrissy entschieden und nicht für mich. genauso wie meine mutter sich jeden tag ihres lebens immer für meinen bruder entschieden hat. tobi hat mich erst genommen, als chrissy ihn verlassen hatte. ich weiß, dass tobi mich liebt und ich weiß, dass meine mutter auch irgendwie an mir hängt (es fällt mir schwer hier „lieben“ zu sagen, weil ich tatsächlich noch nie von meiner mutter derartiges gehört habe und alles, was in diese richtung ginge, sich für mich auch völlig fremdartig anhören und anfühlen würde), aber ich weiß das eigentlich irgendwie nur verstandesmäßig. emotional fühlt es sich für mich nicht so an und ja, verdammt, mir ist die derzeitige lage bewusst. aber ich glaube, so kindheitsmacken kann man einfach nicht abschütteln. vielleicht andere, aber ich glaube, es gibt menschen, die werden das niemals können und ich glaube, ich gehöre zu dieser spezies.

ich könnte so vieles gerade erzählen, es hat sich so viel angestaut. rein informativ. es gab wieder eine kleine auseinandersetzung mit meiner mutter. gestern waren wir auf einer hochzeit. holly hatte am donnerstag geburtstag. wieder eine enter-tasten-geschichte am freitag. aber all das verblasst neben diesen anderen, emotionalen themen, zumindest für mich.

 

ich hatte das damals in der klinik ja in einer gruppentherapiestunde besprochen und alle in der runde fanden das schockierend, als ich das unserer aushilfstherapeutin – da unsere eigentliche urlaub hatte – erzählte, aber irgendwie… wurde das eben aufgrund dessen, dass es eben nur die aushilfstherapeutin war, trotzden nur schnell abgehandelt bzw. ist das durch den übergang zu unserer eigentlichen therapeutin dann untergegangen – aber ich musste die tage mal seit langem wieder daran denken, wie meine mutter mir damals, als ich so .. keine ahnung, zwölf, dreizehn, vielleicht auch vierzehn, ich weiß es nicht mehr, war, erzählte, sie wolle sich umbringen. dass sie fürchte, es sei nur eine frage der zeit.

wir hatten damals einen bügeldienst, also meine mutter war damit selbstständig und bügelte in einem kleinen zimmer etwas weiter „hinten“ im haus (weg vom wohnbereich, das war ein separater geschäftsbereich, in dem der bügel- und mangeldienst war), und seit dem zeitpunkt, als ich realisierte, wie krass depressiv meine mutter war, ich meine, als kind merkt man das schon, aber man schiebt es auch da so irgendwie ein bisschen weg und checkt es auch nicht so ganz, seit diesem moment hatte ich immer angst zu ihr nach hinten in diese bügelstube zu gehen. nachmittags, wenn sie hinten stand, radio hörte und die hemden anderer leute bügelte und ich mit meinen hausaufgaben fertig war. wenn ich fragen wollte, wie lange sie noch bügeln würde, wann sie fertig wäre, damit wir zusammen kochduell oder irgendsoeinen quatsch im fernsehen gucken könnten. oh gott, mir fällt erst jetzt auf, wie ich damals sogar immer ihre nähe gesucht habe, indem ich mit ihr so ein zeug gesehen habe, einfach, weil sie sich für diese ganzen kochsendungen interessierte. oder ganz früher noch glücksrad. ich hatte immer angst einfach spontan nach hinten zu gehen, oft stand ich einfach nur in der küche und lauschte, ob ich das drücken des bügeleisens gegen das brett hören konnte. wenn dann dieses „klack“ kam, oder das geräusch vom metall der hitze vom bügeleisen, da wusste ich: „okay, sie ist nicht tot, ich kann also nach hinten gehen.“ ich hatte immer angst, wenn ich in das bügelzimmer gehen würde, würde sie tot auf dem boden liegen und ich müsste dann die polizei rufen oder den notdienst, ganz allein, denn mein vater war arbeiten und mein bruder flüchtete immer vor dem ganzen scheiß zuhause und war immer mit dem fahrrad unterwegs. ich war stets davon überzeugt, irgendwann würde sie da in einer blutlache regungslos auf dem boden liegen. und ich hoffte und betete immer, dass nicht ich diejenige wäre, die sie finden würde, sondern bitte irgendjemand anderes.

ich hatte das in der klinik der aushilfstherapeutin während der gruppensitzung erzählt und alle waren zutiefst schockiert und konnten erstmalig richtig verstehen, warum ich mich immer und immer wieder über jahre hinweg seit meiner kindheit als emotionalen mülleimer und stütze meiner labilen mutter anbot. weil ich einfach angst hatte, dass sie sich sonst umbringt, wenn ich ihren scheiß nicht fresse.

 

keine ahnung. irgendwie musste ich da neulich dran denken. hat überhaupt nichts mit tobi und holly zu tun. (zumindest nicht in nächster verbindung). ich hätte und habe immer alles für meine mutter gemacht und sie mochte mich trotzdem nie so wie meinen bruder. „sie wird sie niemals so lieben wie sie ihren sohn liebt“, meinte meine therapeutin, und ich müsse lernen, damit zu leben, dass ich diesen status niemals erreiche. und genauso fühlt es sich mit chrissy an, auch wenn ich weiß, dass es hier ganz anders ist. aber trotzdem lässt sich das emotional wunderbar auf die muttergeschichte bügeln. tobi hat mich damals abgewiesen und kam dann mit chrissy zusammen. als ich fünf jahre später nach einem kaffee fragte, wies er mich wieder ab. und als chrissy ihn nur tage später nach dieser kaffee-anfrage plötzlich betrogen und verlassen hatte, wollte er sich eine woche später mit mir treffen.

ich weiß, dass es dumm ist. ist mega dumm. alles ist dumm. die hpa-geschichte ist dumm. ich bin dumm. das schlimme ist, ich weiß es nur, und fühle es nicht. ich weiß verstandesmäßig, dass es dumm ist, tief im innern immer noch wegen solchen alten kamellen zerbrochen zu sein. aber anfühlen tut es sich trotzdem so.

witzig wie einfältig so eine psyche funktioniert. keine anerkennung in der kindheit = als erwachsener für immer auf der suche nach anerkennung. wie so ein trauma. lieber tobi, bitte mag mich lieber als chrissy. lieber hpa, bitte hab mich gern.

 

manchmal wünschte ich, ich könnte irgendwas richtig gut. richtig gut. singen, sport, ein instrument spielen, irgendein hobby. aber ich weiß, dass das neben leidenschaft auch mit arbeit verbunden ist und ich gehe in nichts richtig toll auf, in gar nichts. ich meine langfristig. außer in so einem müll wie hpa. so einem selbst aufopfernden, selbstzerstörerischen, unsinnigen mist. vielleicht noch in tagebuch schreiben, aber genau genommen ist das auch immer nur ein rumrühren im einheitsbrei – seit jahren. ich fühle mich manchmal von mir selber gelangweilt.

 

suzaku

3 Gedanken zu „Suche.

  1. Hallo Suzaku,
    was Du so schreibst, bewegt mich sehr. Es kommt offenbar in vielen Familien vor, obwohl ich dachte, bei mir wäre es etwas Besonderes.
    Ich war der geliebte Sohn einer „Opfermutter“, die sich jahrelang umbringen wollte. Meine kleine Schwester war dabei.
    Als ich 18 war, haute ich ab, schwängerte eine Frau, die ich nicht liebte und ließ meine Schwester mit der „Opfermutter“ allein.

    Ich heiratete, wurde geschieden, und hatte danach noch 5 (!) Ehen.

    Aber ich will Dich nicht langweilen.

    Nach 35 Jahren habe ich einen gangbaren Weg gefunden. Ich hoffe und wünsche Dir, dass Du einen solchen schneller findest.

    Gruß

    Berndt

  2. Vielleicht habe ich es ja auch verpasst, und du hast bereits darüber geschrieben. Aber wie funktioniert das Zusammenleben mit Tobi denn? Ich kann mir das so schwer vorstellen, und ich frage mich, wie er wohl darüber denkt und welche Auswirkungen das für euren Alltag hat. Muss ganz schön schwierig sein, diese Situation für euch. LG!

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