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Schlagwort: geburtstag

Kein gemeinsames Weihnachten mehr.

Kein gemeinsames Weihnachten mehr.

ich habe mir neulich, als ich die treppen vom keller hochgelaufen bin, einen zeh angeschlagen. der zweite, der neben dem großen. er ist ganz blau angelaufen und es hat noch tagelang so sehr weh getan, als wäre es gerade erst passiert. einen tag später war ich dann beim 60. geburtstag von tobis onkel und da dieser bauer ist, sind wir noch bei schönem wetter etwas um den hof spaziert und raus auf’s feld. dabei stieß mein schmerzender zeh immer wieder an den schuh an, sodass ich wohl ganz krumm gelaufen sein musste, ich merkte es zumindest schon während des gehens, dass ich versuchte, mich irgendwie so zu bewegen, dass der zeh nicht so sonderlich schmerzte. am abend schon tat mir das ganze fußgewölbe weh, während es dem zeh nun mittlerweile wieder besser geht. blau ist er dafür aber immer noch. die tage über ging es dann immer besser, sodass es gestern ganz weg war und ich vormittags eine kleine runde von vier kilometern gelaufen bin. doch nun tut mir erneut das ganze fußgewölbe wieder weh. tja. sport ist doch einfach nichts für mich. und treppen laufen wohl auch nicht. bleib auf der couch und es wird dir nichts passieren lol.

mein vater ist ja neulich ins krankenhaus eingeliefert worden. was er hatte, weiß ich immer noch nicht. er hat ja die ersten paar tage meistens geschlafen und war auf der intensivstation, doch da meine verwirrte ads-mutter hauptsächlich die „betreuung“ managte, wird wohl – bis auf jeden, der die krankenakte liest – die info, was er hatte, für immer im verborgenen bleiben. tobi und ich sind dann nach dem geburtstag seines onkels ins pflegeheim, wo er nun liegt, gefahren und wollten ihn besuchen, doch das ganze endete mal wieder in einem großen fail, denn als wir dort waren, war weder irgendeine rezeption bzw verwaltung besetzt, noch konnten wir meine mutter telefonisch erreichen, noch stand er im besucherregister, sodass es nicht möglich war, rauszufinden, in welchem der vierhundert zimmer er nun liegt. toll. also sind wir wieder unvollendeter dinge abgedampft.

da es nun mittlerweile – wie eigentlich schon seit jahren – nicht mehr tragbar ist, dass meine, eigentlich ebenfalls nicht ganz so fitte, mutter meinen vater daheim pflegt, wurde nun beschlossen, dass er entweder in ein altenheim oder eben in sonstige vollzeitpflege muss. also im ernst, ihr würdet die hände über euren kopf zusammenschlagen, wenn ihr wissen würdet, wie das seit jahren bei denen abgeht. also schon so .. unleckere sachen, die .. keiner wissen will. also so sachen mit.. urin und so. und .. mehr als nur urin. also .. lauter so … leckereien halt. nun ja. (man merkt schon an meinem schreibstil, dass ich eigentlich überhaupt keinen bock habe, davon zu erzählen..)
zunächst war es dann von meiner mutter so abgeklärt, dass wohl eine unterbringung im altenheim mit der rente meines vaters und dem zuschuss von der krankenkasse wohl vollends gedeckt sein würde, sprich, mein bruder und ich müssten den geldbeutel hierfür zum glück nicht öffnen. das war ja, so muss ich egoistischerweise leider zugeben, meine größte sorge. das war zumindest der stand von letztem montag. gestern war dann mein bruder mit familie spontan bei meinem vater im pflegeheim (wo er nur für die nächsten drei wochen untergebracht ist, in kurzzeitpflege, bis er dann ins altenheim gebracht werden soll), meine mutter kam auch noch vorbei, und so wurde irgendwie alles nochmal genauer .. besprochen. was weiß ich. da blickt doch keine sau durch. auf jeden fall war dann die neue information, dass nun doch noch 700 euro an monatlichen kosten von meiner mutter, meinem bruder und mir gedeckt werden müssten. meine mutter ist ja eine ganz arme sau, die hat ja jahrelang von meinem vater aus nicht arbeiten dürfen, demnach hat sie nicht mal eine ordentliche rente, mit der sie hier in deutschland überleben könnte – zumal sie die rente erst ab märz nächsten jahres bekommt. zur zeit ist sie ja noch arbeitslos und da sie ja nur ein paar jahre teilzeit gearbeitet hat, ist nicht mal das arbeitslosengeld der rede wert. sprich, da gibts nichts zu holen. mein bruder ist verheiratet und hat zwei kinder, der wird da also auch nicht so viel dazu tun müssen im vergleich zu – und jetzt kommen wir zum spaßigen teil – mir superreichen und finanziell komplett unabhängigen, unverheirateten und kinderlosen luxustechnikerin. öhöhöhöhöhöhö.

da mein bruder und meine schwägerin mindestens genauso wenig bock haben für meinen vater irgendwelche kohle monatlich abzudrücken, und mein vater genauso wenig bock hat, in einem heim in deutschland zu versauern, wurde also der uralte und stets doch so .. allgegenwärtige plan neu aufgerollt, und zwar meinen vater auf die philippinen zu verschippern. wobei mir da schon ganz schlecht wird. mein vater schafft es nicht mal mich 45km weiter als beifahrer im auto zu besuchen, wie will der da bitte die knapp elftausend kilometer zu seinem neuen zuhause fliegen? ooooooooook. aber 700 euro monatlich sind nun mal 700 euro monatlich.

meine schwägerin hat sich also heute nochmal schlau gemacht, mit der kasse, heimen und .. irgendwelchen.. anbietern für .. internationale wir-verfrachten-eure-matschigen-eltern-ins-ausland-damit-ihr-nicht-für-ein-heim-blechen-müsst telefoniert und siehe da.. der aktuelle plan ist also: mein vater fliegt in zwei wochen mit einem professionellen pfleger und meiner mutter auf die philippinen. oha. er kommt also im bestfall gar nicht mehr in ein altenheim, sondern direkt von der kurzzeitpflege ins ausland. die krankenkasse unterstützt dieses vorhaben wohl generell (ist ja eigentlich logisch, die haben auch keinen bock für irgendwelche heime aufzukommen..), da gibts wohl einige zuschüsse und joa.. es gibt ja bereits ein haus auf den philippinen und meine mutter fliegt dann erstmal für drei wochen mit und richtet halt das haus entsprechend her, was da halt noch so zu machen ist, fliegt danach wieder nach hause und löst so die nächsten monate die wohnung in deutschland auf, bis sie eben ab märz nächsten jahres ihr bisschen rente bekommt und dann auch rübermacht. und dann.. isses.. vorbei. das ist eigentlich das, worauf ich in diesem eintrag hinaus will: dann ist es vorbei. nie wieder dämliche anrufe, dass ich dieses und jenes machen soll, nie wieder ein .. fenza, wir brauchen dies und das, fenza, du musst das und das machen, fenza hier, fenza da, fen fen fen. einfach nur .. puff und weg. elftausend kilometer abstand.

dann ist es vorbei mit irgendwelchen besuchen, es ist vorbei mit .. gemeinsamen geburtstagen, gemeinsamen weihnachtsfeiern, etc.

was für eine komische vorstellung. es wird nie wieder ein gemeinsames weihnachtsfest geben. ich meine so.. mit allen. meinem bruder, meinen eltern und mir. und – auch wenn das krass klingt – aber generell auch der gedanke, wie oft ich dann meinen vater in meinem leben noch sehen werde. ich meine, ich werde garantiert nicht alle paar monate auf die philippinen fliegen, um sie zu besuchen. ich rechne mal ganz schwer damit, wenn ich meinen vater in frankfurt in den flieger setze, dann kann ich an einer hand abzählen, wie oft ich ihn dann noch in meinem leben sehen werde. in seinem leben. in unser ganzem leben. jede verabschiedung könnte dann für immer sein.

ich war ja eigentlich eher ein spätentwickler. ich bin noch ganz lange und viel mit meinen eltern rumgehangen, immer im kampf um aufmerksamkeit. während viele schon mit dreizehn, vierzehn und so mit freunden ins kino gegangen sind, sich langsam von ihren eltern abgekapselt haben, war es für mich am samstag immer das größte, mit meinen eltern zusammen ins kaufland einkaufen zu gehen und vorallem abends mit ihnen einen film zu gucken. generell habe ich abends immer mit meinen eltern filme geguckt, viel mehr mit meinem vater, denn meine mutter ist auf dem sofa immer eingeschlafen. das war immer so unser gemeinsames hobby. irgendwann hing ich dann abends öfter am pc rum, habe mich langsam für gleichaltrige interessiert, allen voran mit dieser ganzen funonline-geschichte, als ich damals mit anne zusammenkam. ich weiß, dass es mein vater immer schade fand, wenn ich dann abends doch lieber in meinem zimmer blieb, als mit ihnen einen film schaute. er sagte immer, meine mutter würde so vieles nicht verstehen und mit mir könne man über viele sachen während des fernsehguckens spekulieren. wer der mörder ist. wie es weitergeht.

ich frage mich so oft, was der letzte film war, den wir zusammen geguckt haben. ich frage mich so oft, was ich gedacht oder gesagt hätte, hätte ich an diesem letzten abend gewusst, dass es der letzte film war, den wir zusammen abends geschaut haben.

neulich habe ich mich auf arbeit mit dem großen bärtigen unterhalten. über seinen vater mit dem schlaganfall. wenn ich das thema anschneide, fragt er mich auch ganz oft viele sachen, ob mein vater bei seinem schlaganfall damals dieses und jenes auch so gemacht hätte, ob er auch so verwirrt war und ist etc pp. daraufhin meinte ich: „das schlimmste, finde ich, ist, du vergisst, wie der mensch vorher war. vor dem schlaganfall war der mensch vielleicht witzig, hat gelacht, hat auch mal jemanden imitiert und verarscht, war eventuell wortgewandt und ‚ganz normal‘ und plötzlich kommt der schlaganfall und verwandelt diesen menschen in eine ganz andere person. und je länger der schlaganfall her ist, je länger dieser zustand anhält, desto mehr verblasst die erinnerung an den menschen, der er vorher war.“ – der große bärtige nickte, ich erkannte an seinem gesichtsausdruck, wie er meine worte bedrückt nachfühlen konnte. nicht nur verstehen, sondern fühlen.

ich denke hier ganz oft, auch wenn es lustig klingt, an meinen hund. wir hatten früher einen hund, wir bekamen ihn, als ich sechs war. mein vater hatte in einer zeitungsanzeige gesehen, dass welpen zu verkaufen wären. daraufhin fuhren wir irgendwo hin, ich hatte keine ahnung als kind, um was es ging, plötzlich standen wir da in diesem keller von dieser frau und in dem korb saßen ganz viele kleine hunde und alle waren wild am rumwedeln und freuten sich. sie sprangen durch die gegend und mein vater schaute mich mit funkelnden augen an und meinte: „du kannst dir einen raussuchen.“ ich war komplett baff. ich streichelte dann einen der großen hunde und meinte: „den will ich, den wuscheligen.“ – „ja aber fenza, den kannst du nicht nehmen. das ist die mutter. die wollen die bestimmt nicht hergeben, willst du nicht einen von den kleinen süßen?“ – „nein, ich will den.“ – die frau hörte das, lachte und meinte: „den können sie auch haben, wir dachten bloß nicht, dass den jemand möchte.“ und so ließ ich die welpen dort und wir nahmen den großen mit.

ich habe diesen hund geliebt. wir hatten ihn auch viele jahre. ich weiß noch, in einer halloween-nacht, das war so ein, zwei jahre, bevor er dann gestorben ist, ist er abgehauen und kam nicht wieder. tagelang war er weg, wir suchten ihn überall und er war komplett spurlos verschwunden. bis dann mein bruder an einem baum einen zettel hängen sah, auf dem stand: „schwarzer pudel gefunden, blind, weiblich, abgegeben im tierheim xyz.“ – wir fuhren hin und er war es. blind war er zuvor nie. aber er war verwirrt, er war nicht mehr derselbe. jahre später, als mein vater dann den schlaganfall hatte und der hund längst gestorben war, wurde uns klar, dass unser hund in dieser halloween-nacht womöglich auch einen schlaganfall hatte, denn alles deutete daraufhin. oder irgendetwas anderes in der art. wir haben uns immer gefragt, was wohl in dieser nacht mit ihm passiert war, aber nach dieser halloween-nacht war er nicht mehr der gleiche. er war verwirrt, er nässte sich ein, war blind, verwirrt, er war nicht mehr so schlau und mit solcher schnellen auffassungsgabe wie zuvor, er war wie um hundert jahre gealtert. es war wie.. bei meinem vater. und je länger ich meinen hund in diesem zustand kannte, desto mehr vergaß ich, wie er vorher war. witzigerweise kann ich mich sowohl bei meinem hund, als auch bei meinem vater, nur daran erinnern, wie beide vorher waren, wenn ich sie mir lachend vorstelle. wie mein vater immer mit seiner rechten hand an seinen linken ellbogen fasste, wenn er lachte und sich mit dem ringfinger dann die tränen aus den augen wischte. genauso wie mein hund sich bellend, lachend, mit seinem kleinen stummelschwänzchen wild wedelnd an den boden presste, wenn man in babysprache irgendwas euphorisches zu ihm sagte. ich kann mich nur daran erinnern, wie sie vorher waren, wenn ich an diese sequenzen denke.

wie die zeit vergeht. vor sechzehn jahren fing ich an im internet tagebuch zu schreiben. ich weiß noch, mein allererster eintrag ging über den zigarrengeruch von meinem vater, der damals in diesem sommer 2002 im garten saß und rauchte.

fenza.

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