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Schlagwort: musik

Es riecht nach September.

Es riecht nach September.

manchmal, wenn ich zu beginn der mittagspause auf arbeit die treppen hoch zur kantine gehe, dann riecht es nach letztem jahr. es riecht nach september, als ich bei der firma neu begonnen hatte und wir mittags endlich pause hatten und zusammen vom schulungsraum zur kantine gelaufen sind. während der schulung wurde das essen bezahlt und so gingen natürlich alle in die kantine. jedes mal, wenn ich mit den schulungskollegen dort hingelaufen bin, kam der gedanke daran, einen kleinen blick auf meinen chef zu erhaschen. es war die zeit, als noch alles neu war, als ich mich noch nicht traute, mit ihm zu reden. es ist die zeit, in der jemand interessant ist, aber noch nicht mehr. neugierig, nicht mehr.

manchmal, wenn ich die treppen hinauflaufe und mir dieser ganz bestimmte geruch – ein gemisch aus den gerüchen der küche, dem duft von draußen, der zugluft durch’s treppenhaus und wohl einfach dem ganzen gebäude – in die nase steigt, denke ich daran, wie das ganze noch gar nicht lang her ist und doch so lang. ich bin erst seit kurzem in der firma, erst seit september, und doch fühlt es sich schon nach vergangenheit an. nach einer phase, die schon nicht mehr zum jetzt gehört.

am meisten merke ich sowas an der musik. wenn ich musik höre, höre ich ein lied wochenlang, von morgens bis abends in dauerschleife. sobald ich dann ein neues lied gefunden habe, das mir gefällt, höre ich das dann immer in dauerschleife. irgendwann fällt mir dann wieder ein song in die hände, den ich vielleicht vor diesem oder dem letzten gehört habe und merke, dass das ganze auch schon wieder wochen und monate her ist.

das ist jetzt. dieses lied ist jetzt. ich kann nicht sagen, woran ich denke, wenn ich diesen song höre, denn er ist gegenwart. er erinnert mich an nichts. noch nicht. ich sehne mich irgendwie nach dem moment, wenn dieser song vergangenheit sein wird. wenn mir plötzlich – so wie es fast immer ist – einfällt: ach, stimmt, das hab ich doch auch erst vor gar nicht so langer zeit ständig gehört. – doch wenn ich ihn dann einlege, merke ich eigentlich, wie vergangen er schon wieder ist.

wenn ich ihn höre, werde ich vermutlich daran denken, wie ich in der badewanne lag. in der badewanne. der nachmittag, nachdem ich ihm sagte, was ich empfinde. vermutlich werde ich daran denken, wie ich in diesem warmen, klaren wasser lag, nur dieses lied hörte, und wie sich alles.. zart anfühlte. zart, fein, zerbrechlich. es fühlte sich so an, weil ich mich fühlte, als stünde ich kurz vor dem zerbrechen. ich hatte mich geöffnet, ich hatte die karten auf den tisch gelegt, ich wurde verletzt. ich lag nur da und spürte diese bittersüße zerbrechlichkeit.

 

dies war die holly-ärmste woche seit ich in dieser firma arbeite. gestern und vorgestern war er auf dienstreise. von montag erzählte ich ja bereits im letzten eintrag. dienstag schafften wir es nicht, zusammen mittag zu essen, denn der platz bei mir war schon voll, weil er sich verspätete, er steckte noch in einem meeting fest. der tag heute war.. arm. nicht im sinne von armselig, sondern es war arm an .. kontakt. in der frühstückspause redeten wir zwar, aber.. ich war still. nicht so wie sonst. die mittagspause war .. arm. ich war wieder still. nicht, weil ich still sein wollte, doch.. ich hatte nichts zu sagen. ein paar witze hier und da, aber im grunde genommen still.

ich glaube, heute morgen hat er es gemerkt. er hat erstmalig gemerkt, wie ich ihn ansehe. er erzählte beim frühstück von den vergangenen zwei tagen, die er auf dienstreise gewesen ist, lästerte kräftig über misslungene pläne, aber nicht aggressiv, sondern eher amüsiert-verwundert. ich musste die ganze zeit darüber schmunzeln, wie er sich echauffiert hatte. es ist witzigerweise die übliche reaktion, also personenübergreifend, die man auf hollys gemecker hat. souvlaki reagiert auch immer so. doch während souvlaki mich anschmunzelt, wenn holger mal wieder rummosert, lächele ich holly nur an. und erstmalig hat er, glaube ich, gemerkt, dass ich ihn nicht schmunzelnd, seine meckerei belächelnd, anlächle, sondern dass ich verliebt bin und ich ihn immer so anlächeln würde, egal, was er zu sagen hätte. vielleicht interpretiere ich da aber auch zu viel hinein. mir ist bewusst, dass ich hypersensibel und hyperaufmerksam bin, während andere leute einfach nur.. stumpf sind. stumpf und grob in ihrer wahrnehmung. aber ich meine ebenfalls gemerkt zu haben, dass er mich.. immer so angesehen hatte. anders. aufmerksamer. nicht aus neugier, sondern weil sein wissen über meinen gefühlszustand ihn automatisch dafür hat sensibler werden lassen.

ich glaube zwar nicht, dass dies mit der situation während des frühstücks im zusammenhang steht, erwähnenswert ist es für mich aber trotzdem. für sich geschlossen. unabhängig zum morgen. und zwar schaute er mich nicht mehr so häufig während des mittagessens an. er saß mir direkt gegenüber, souvlaki neben ihm, also zu meiner diagonalen rechts gegenüber. der sympathische saß neben mir, zu meiner linken. ich war quasi in hollys blickfeld direkt in der mitte zwischen souvlaki und dem sympathischen. sie redeten und lachten, ich hielt mich meistens aus dem gespräch raus, da es lange nur um fußball ging. doch das hielt holly noch nie davon ab, mich immer zwischendurch immer anzugrinsen und mich trotzdem irgendwie in die diskussion reinzuziehen. heute nicht. ich fing irgendwann sogar aktiv an zu zählen, wann er mich ansehen würde. von sich aus, ohne, dass ich etwas sagte. es waren ein- bis zweimal. nur, wenn ich was sagte, sah er mich an.

dass ich das nicht in verbindung zum frühstück ansehe, liegt nicht daran, dass ich.. mich selbst nicht so verletzen will, mir hoffnungen oder sowas machen möchte. wirklich nicht. es liegt da dran, dass ich ihn mittlerweile kenne. ich weiß, dass er sehr einfach gestrickt ist. ist was gut, sagt er: „das ist gut“, ist was schlecht, sagt er: „das ist schlecht.“ – aber er geht nicht taktisch vor. denkt nicht um zwei, drei ecken. nein. ich mag das, dann mag ich das und dann tue ich das. bums, was die konsequenz davon ist. vermisse ich meine mitarbeiterin genauso wie sie mich, während ihres urlaubs, dann sage ich das auch. egal, was diese aussage mit ihr macht oder machen könnte.

es hat anders weh getan, nicht mehr von ihm angesehen zu werden. nicht so, wie ich es erwartet hatte. nicht, weil er mir fehlt, als .. fantasie des liebhabers. ich vermisse es, nicht mehr seine bezugsperson zu sein. nicht mehr die zu sein, zu der man hingeht und sagt: „du, du weißt doch immer, wo holly ist.“ ich vermisse diesen premiumstatus. wobei ich auch hier wieder total überstürze. ich hatte dieses gefühl auch hin und wieder vor meinem geständnis schon. genauso, wie ich das komplette gegenteil empfunden habe, denn dein herz ist ein porsche, schrieb mir mal ein leser. das ist es. man muss mir nur einen krümel hinwerfen und ich rase in eine richtung, nicht ich, sondern meine gefühle, egal, in welche richtung.

ich weiß aber, dass ich mich in diesem premiumstatus, zumindest zur zeit, nicht mehr wohlfühle. nein. ich schon. aber ich fühle mich unwohl, weil ich einbilde, er fühlt sich nicht wohl, mir diesen premiumstatus weiterhin zu geben. weiß nicht. ich interpretiere schon wieder zu viel. dein herz ist ein porsche. nächste woche ist er wieder genauso pupsig zu mir, wie er es oft auch schon war und dann ist wieder alles zucker. sollte dies aber wider erwartens nicht so sein, würde ich.. irgendwann etwas sagen. keine ahnung was. nein. ich glaube, ich werde ihn auch so auf alle fälle nochmal ansprechen. ob alles klar zwischen uns ist. immer noch. ob es für ihn immer noch nichts wird komisch ist.

heute lief ich zum feierabend zusammen mit einem ganz lieben kollegen aus der firma. ich unterhalte mich ab und zu mit dem, ich muss immer lachen, wenn ich mit ihm rede, das ist einfach ein klassischer witzbold. wie affäre, wie ich ja eine gute freundin schon seit über fünfzehn jahren nenne. affäre ist genauso. oder buffy, mein alter zockerkumpel. es gibt so menschen, die muss man gar nicht lange kennen, womöglich redet man gerade erst zum zweiten oder dritten mal mit ihnen und man hat schon einen richtig krassen lachkrampf und tränen in den augen. so ist der witzbold.
wir liefen zusammen raus, unterhielten uns irgendwie über holly – er hatte sogar damit angefangen – und da meinte ich so: „er träumt ja davon, mit 55 in rente zu gehen, aber das wird er nicht ganz schaffen.“ – „ach, könnte er aber, oder? seine frau scheffelt doch richtig dick kohle.“ – „ja schon, aber als geschäftsführerin wird die sicherlich noch eine weile arbeiten wollen.“ – „ha, dann muss er halt alleine in rente gehen.“ – „ja, ich hab ihn neulich schon gefragt, ob sie dann auch so früh aufhört und er so: ‚is mir doch scheißegal, was die macht.‘ lol“ – wir lachten beide dreckig, weil er auf arbeit sein großes maul aufmacht, daheim würde er sich aber niemals trauen sowas zu sagen. daraufhin ergänzte er, immer noch dreckig lachend: „jaja, martina hat ihn neulich gesehen, wie er blumen gekauft hat. hochzeitstag. von wegen, mir doch scheißegal, ne?“ – das tat weh. es tat weh.. diesmal als fantasie des liebhabers.

all i feel is this cruel wanting.

ich sehne mich nach der zeit, wenn dieser song vergangenheit sein wird. wenn ich nach einer weile zufällig wieder über dieses lied stolpere und mir einfällt: ach stimmt, da war ja was. die zeit, wenn mir auffällt: die phase ist ja jetzt nun auch schon wieder um. genauso wie es mir jetzt auffällt, wenn ich die treppen zur kantine hochlaufe und es nach letztem jahr riecht. es riecht nach september.

 

fenza.

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