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Schlagwort: schlaflosigkeit

Ich bin kein Läufer.

Ich bin kein Läufer.

5:46. nachdem ich jetzt seit über zwei stunden wach liege, weil ich durch tobi’s schnarchen wach wurde und nicht mehr einschlafen konnte, bin ich nun aufgestanden und schreibe tagebuch.

gestern war der geburtstag meines bruders. das erste mal seit der versöhnung im letzten jahr durch den fast tödlichen herzinfarkt meiner mutter wieder eine gemeinsame geburtstagsfeier. ich weiß schon, warum ich die letzten vier jahre während des streits als relativ angenehm empfunden habe. weniger solcher feste. nicht, dass ich meinen bruder so ätzend fände, aber auf manch andere kontakte könnte ich verzichten.

wir sangen für meinen bruder „happy birthday“. meine mutter saß neben ihrem sohn und lachte, er habe ja erst in ein paar stunden geburtstag, 23:50 sei er erst geboren worden. alle lachten und grinsten sich an. neugierig, ebenfalls gut gelaunt, überkam es mich: „du mama, wann wurde ich eigentlich geboren?“, sie drehte sich verwirrt zu mir um, schließlich habe ich sie ja gerade aus dem gespräch mit ihrem sohn gerissen, und sagte: „keine ahnung.“ – ok. cool. – „weiß ich gar nicht mehr. irgendwann nachmittags?“ – leicht fassungslos schmunzelte ich, prustete sogar ein bisschen: „war ja wieder klar.“ – es fiel der schwiegerfamilie meines bruders  sofort auf. dieses ungleichgewicht. um die situation aufzulockern, scherzte ich: „tja, ich weiß auch nicht, wie viel ich wog. egal, ich weiß ja, was ich jetzt wiege. ist viel wichtiger“, ich lachte. die schwiegermutter meines bruders, eine der wenigen menschen der schwiegerfamilie, die ich leiden kann, grinste sofort: „so viel kann es ja nicht sein, so schön schlank wie du bist!“ – alle bei tisch, die den.. ich nenne es mal „konflikt“ verstanden haben – meine mutter zähle ich nicht dazu, meinen bruder ebenfalls nicht (ich las mal, bevorzugte kinder seien sich selten dessen bewusst..) -, waren froh um diese vorlage des themenumschwungs.

mein vater liegt seit sonntag im krankenhaus. ich war gerade laufen, als am spätnachmittag das grüne licht für whatsapp stehend am handy aufblinkte. – „dein vater ist ins krankenhaus eingeliefert worden.“ – teilnahmslos joggte ich weiter. so viele milliarden male wie das schon passiert ist, juckt es einen irgendwann nicht mehr. diese ständigen dramen, die die zwei haben. ständig ist dies und das. als ich zuhause war, schrieb ich ihr. keine ahnung, was er habe. sie säße auf der intensivstation, aber kein arzt habe bisher mit ihr geredet. wahrscheinlich hat sie sich nicht bemerkbar gemacht. alles muss man selber machen. aber ich hab keine lust mehr auf selber machen. 31 jahre haben gereicht. weil man von meiner mutter nie wertvolle informationen bekommt, habe ich meinem bruder geschrieben. – „hat mama erzählt, dass unser vater wieder im krankenhaus ist?“ – „ja, die schreibt mir schon seit zehn uhr morgens im halbstundentakt.“ oh achso. um fünf uhr nachmittags ist ihr dann eingefallen, dass da ja noch irgendwo eine tochter steckt. naja. muss gestehen, dass ich froh war, bis um fünf meine ruhe gehabt zu haben.

man weiß bisher nicht, was er hat. vermutlich einen zweiten schlaganfall, wurde heute bei kaffee und kuchen diskutiert. vermutlich kommt er nicht mehr nach hause zurück. vermutlich diesmal wirklich das heim. ich sehe mich schon mit meinem bruder und meinem vater irgendwo nach polen fahren, wegen der pflegekosten.

man merkt, wie teilnahmslos ich bin. die teilnahmslosigkeit ist nur ein schwacher ausdruck für meine wut, die ich gegenüber den beiden habe. meinem vater gegenüber wegen seinem egoismus mein ganzes leben lang, meiner mutter gegenüber wegen unserem kaputten verhältnis. die wut ihnen gegenüber, seinem kind einen solch beschissenen start ins leben bereitet zu haben. mich macht zugegebenermaßen auch aggressiv, wenn ich sehe, wie meine mutter mit ihren enkeln spielt und sich freut. ich fühle mich dämlich, mit knapp 33 immer noch sauer und enttäuscht darüber zu sein, dass meine mutter das mit mir nie gemacht hat. vermutlich ist das aber auch nur die gefühlsduseligkeit, die durch die müdigkeit kommt. ja, das ist es ganz sicher. alles gut.

gott sei dank bin ich an meinem geburtstag beruflich auf der messe. lieber verbringe ich meinen geburtstag mit 50 kollegen und nochmal so vielen fremden mitarbeitern unserer partnerfirmen als mit der familie.

und dann doch irgendwo in mir dieser zwiespalt. wie damit umgehen, wenn er nicht mehr lange lebt..
er nimmt seit ewigkeiten seine medikamente nicht mehr. die parkinson-tabletten hat er letztes jahr heimlich abgesetzt, weil er keine lust drauf hatte. daraufhin kam ja der große schub, seitdem er fast gar nichts mehr selber kann. diesmal wieder. egal, was ist, aber dieser typ lernt es nie. sein ganzes beschissenes leben ist das resultat seiner.. beschissenen dummheit, seiner beschissenen ichbezogenheit. oh keine lust auf tabletten, oh keine lust auf abnehmen, oh keine lust zum arzt zu gehen, oh keine lust auf blutzucker messen. – „mir egal, ich hab ja eine familie, die mich dann pflegen muss, wenn ich krank werde.“ – achso, schön. cool.

keine ahnung, was wird. keine ahnung, wie es weitergeht. die schwiegerfamilie plädiert dafür, dass meine mutter endlich dafür kämpft, sich nicht mehr um ihn kümmern zu müssen. ja. rein von der logik her vernünftig. ich muss leider sagen, dass es mir egal ist. dass sie ihr ganzes leben aufgeopfert hat, kann ich heute nicht mehr im glanz des ehrfürchtigen märtyrer-sterns sehen, obwohl ich das – trotz „jeder ist seines glückes schmied“ – bei jeder anderen person könnte und würde. sie ist ja nun wirklich eine arme sau. aber meine persönliche, beschissene beziehung zu ihr hat einfach meine mitleidsschublade komplett leergeräumt. kontingent aufgebraucht, kein mitleid mehr da. kann ihr nicht verzeihen, dass sie meinen bruder mehr liebt. bzw. halt, nein. das könnte ich schon. jeder hat seinen liebling. aber ich kann ihr nicht verzeihen, dass sie das nie versteckt hat. dann bin ich halt emotional unreif. ich glaube, es ist auch schwierig daran zu wachsen, wenn ständig immer wieder neue solcher klöpper kommen. oder vielleicht gerade dann?

weniger harte kost.

ich habe mir tatsächlich überlegt, ob ich klavierstunden nehmen soll. ich wollte mein ganzes leben lang klavier lernen. mit vierzehn bin ich zu meinen eltern gegangen und fragte, ob sie mir stunden bezahlen würden. das war noch zu der glorreichen zeit, als mein vater so viel geld verdient, aber es hauptsächlich nur für sich ausgegeben hat. nö. sei zu teuer. ich wollte als kleines kind kein klavier lernen, also darf ich es jetzt auch nicht mehr. ok. danach habe ich es nie wieder in angriff genommen, weil ich mich dafür zu alt fühlte.

ich bin kein läufer. ich bin kein sportler. ich war nie der sportler. okay, für eine zwei in sport hat es immer gereicht, irgendwie. kam auf die disziplin an. am sonntag lief ich zehn kilometer. auch, wenn das die meisten glauben, aber ich mache das nicht, weil ich in meinen chef verliebt bin und somit nach allem greife, was mich mit ihm verbindet. das erste stimmt zwar, das letzte nicht so wirklich.

zehn kilometer. ganz ehrlich, ich hätte niemals gedacht, dass ich überhaupt je nur eine minute durchjoggen könnte, geschweige denn zehn kilometer. das ist etwas, was mich antreibt. dinge zu tun, die man sonst nie macht. die man sonst nicht kann. obwohl ich schon tausend sachen im leben gemacht habe, von denen ich niemals dachte, dass ich das mal täte, so war joggen bestimmt das aller-, aller-, allerletzte, mit dem ich je gerechnet hätte. dinge, die man sonst nicht tut. rollen, die man sonst nicht ist.

als ich neulich mit der masterstudentin shoppen war, erzählte sie mir, dass ich mich toll schminke. habe sie schon oft gedacht. sie könne sich gar nicht schminken und schäme sich dafür, dass sie es nicht könnte, und deshalb täte sie das nie. ich bin eine tussi. ich bin, wie es mein chef sagte, ein „heißes, junges mädel“. ich gehöre zu der sparte frau, bei dem sich die männer denken: „damn“, wenn ich vorbeilaufe. das ist meine rolle. das bin ich.

mit siebzehn haben sich in meiner klasse alle geschminkt. zum teil fürchterlich, zum teil richtig gut. ich nie. niemals. ich konnte das nicht und ich habe mich geschämt, das auszuprobieren. in der drogerie ängstlich vor den schminksachen gestanden, bei jedem kleinsten tigelchen, pinselchen und bürstchen nicht gewusst, wofür das gut sein sollte. und wie das am ende aussehen soll. so tolle sachen wie youtube-tutorials gab’s da noch nicht. bis mich mina vier jahre später an der hand nahm und sagte: „so, ich erkläre dir jetzt alles.“ mac-crashkurs von einem make-up artist. seitdem sich dafür interessiert, impulsiv wie ich bin, nicht nur interessiert, sondern sich komplett reingesteigert und drin verloren. seitdem gehört das zu mir. seitdem bin ich das. die mit den tigelchen und pinselchen.

mit siebzehn hätte ich niemals gedacht, dass ich mal die tussi bin. ich war immer der weird’e außenseiter.

vor drei wochen niemals gedacht, dass mal eine horde besoffener männer mit nem bollerwagen voll alkohol durch ihr megafon „achtung, da kommt eine joggerin!“ brüllt und mich damit meint.

so wie ich jetzt nicht denke, dass ich mal klavier spielen kann und es vielleicht irgendwann können werde.

fenza.

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