Weil man nie weiß, wie lange es noch geht…

Weil man nie weiß, wie lange es noch geht…

was für ein tag.

eigentlich gibt es nichts neues zu erzählen, aber .. nun ja.

es ist 20.29, viel zu spät, um noch einen eintrag zu beginnen und eigentlich wollte ich nun ins bett gehen, aber irgendwie schreibe ich nun doch noch einmal.

heute ist der 31. januar 2022, an einem montag, mein gruppenleiter hat heute homeoffice gehabt und wir waren nur ganz wenige kollegen auf arbeit. affe, der nasenbohrer und zwei zeichner. alles total irrelevant und überhaupt nicht von bedeutung, aber .. irgendwie hatte ich jetzt so das bedürfnis auch etwas vom tag noch aufzuzählen. schneematsch gabs. und windig.

eigentlich fiel mir die arbeit heute nicht so schwer, aber lag daran, dass ich wenig bzw. leichte arbeit hatte. ich hatte das meiste schon letzte woche vorausgearbeitet. heute war abgabe und ich will da nie alles auf den letzten drücker machen, wenn es die situation auch anders zulässt.

 

es ist heute der 31. januar und ich habe heute immer wieder „this land“ gehört. auf arbeit via kopfhörer.

ich muss eigentlich sagen, .. die meiste zeit denke ich nicht daran. also .. nicht direkt. die traurigkeit schwingt die ganze zeit mit und man könnte, wenn man will, die ganze zeit losflennen. so .. per knopfdruck. wenn man grad lust hat. wie so ein blauer fleck, wenn man lust hat, den schmerz zu spüren, muss man nur draufdrücken. wenn du aber nicht draufdrückst, kann man es auch gut ignorieren. heute habe ich beides gemacht. mal auf den blauen fleck gedrückt, mal ignoriert.

und so paradox es ist, aber .. ich habe heute immer wieder an kevin gedacht. um 18.30 unserer zeit begann die beerdigung seiner mutter. und ich habe mich die ganze zeit gefragt, als ich auf der arbeit war, ob er nun schon aufgestanden ist. wie es ist, wenn man am morgen der beerdigung seiner mutter aufsteht. – „bin ich froh, wenn der tag rum ist?“ .. vielleicht steht mir sowas auch bald bevor. vielleicht nächste woche. ok, das war jetzt ein bisschen zu doll auf den blauen fleck gedrückt.

die traurigkeit zog sich durch den ganzen tag, ohne richtig… loszuheulen. sondern einfach wie so ein.. ständiger begleiter.

 

meine mutter war vorher im krankenhaus. sie hatte eine sondergenehmigung vom arzt bekommen. sie hat mir ein paar fotos von meinem vater geschickt. natürlich sieht er nicht gut aus, aber .. das tut er schon seit jahren nicht. wie er so drauf ist und wie es ihm geht, kriegt man eigentlich nur mit, wenn man selbst ins heim geht und ihn besucht. aber die infos von meiner mutter, die kannst dir in die haare schmieren. „geht schlecht.“ – ja was heißt das?“ – „ja gehts schlecht.“ – ja super. was haben die ärzt gesagt? – „ich weiß nicht.“ aaaaaaaach, ich frag schon nicht mehr. jedenfalls habe ich dann die fotos meinem bruder geschickt, der noch auf arbeit war, und als er dann feierabend gemacht hatte, hat er auf dem heimweg mit mir ein paar sprachnachrichten hin- und hergeschickt.

sein (schwipp)schwager ist ja arzt, ich weiß gar nicht, was genau, also auch irgendwie im krankenhaus tätig, und er hat am wochenende mit ihm ein bisschen zwischen tür und angel über meinen vater geredet und der meinte auf die „reanimieren – ja oder nein?“-frage, was denn mein vater wollen würde. mein bruder und ich haben uns daraufhin lange über dieses thema unterhalten und… wir kommen beide zu dem entschluss, dass wir tatsächlich nicht wissen, was mein vater wollen würde. ich bin mir ziemlich sicher, dass in meinen tausend „was wäre wenn“-fragerunden die frage auch schon dabei war, aber tatsächlich kann ich mich nicht erinnern. und .. ich kann meinen vater auch gar nicht einschätzen, was das angeht. weil.. keine ahnung. normalerweise hätte ich die meisten meiner angehörigen so eingeschätzt, dass man nicht reanimieren sollte, außer die chance ist mega hoch, dass alles supi hinterher ist. also .. wenn man noch jung ist oder so. aber .. es gibt da so ein paar sachen, die mich zweifeln lassen… das erste ist, dass.., als mein vater den schlaganfall hatte und wir ihn hinterher im krankenhaus besucht hatte, hing er auch am seidenen faden und er war verzweifelt und wollte um jeden preis überleben. jedoch ist er da von einem anderen leben „ausgeschieden“, nämlich von einem gesunden in ein schlaganfall-patient-leben. jetzt würde er von einem schlaganfall-patienten-leben in ein… hardcore-pflegefall-, immer noch schlaganfall-patienten-leben oder in den tod schliddern. also was sucht man da aus? .. trotzdem krieg ich die bilder, als mein vater auf der intensivstation lag und wahrlich um sein leben bettelte und weinte, nicht aus dem kopf. das nächste, was es mir schwer macht zu sagen: „jo, nicht mehr reanimieren, wenns soweit ist“, ist, dass … ich keine ahnung habe, wie mein vater so insgeheim drauf ist. ich meine.. also ich würde sagen, mein vater lebt in so einer krassen illusion, dass er auf jeden fall weiterleben will, weil er immer noch irgendwann auf die philippinen auswandern möchte, auch wenn das null komma gar nicht möglich ist. und der letzte aspekt wäre…. ich weiß nicht. da kriegt man das erste mal die frage an den kopf geschmissen, ob man ihn im worst case sterben lassen soll, und man sagt gleich sofort: „jupp.“ – .. ich meine, .. wäre da mein vater nicht enttäuscht? .. dass wir aufn ersten pups hin schon sagen: „ok, licht aus“ !? und ich glaube leider meinen vater zu kennen, er wäre es bestimmt.. ich meine, frage ist, inwieweit er da noch was mitbekommen würde, aber .. mein vater ist … psychisch so…. kaputt, dass ich schon glaube, dass er das .. lol, das klingt so „lustig“, persönlich nehmen würde, würden wir ihn sterben lassen.

mein bruder ist genauso….. bei … null. mit seiner entscheidungsfreudigkeit meine ich.

 

ich habe daraufhin etwas mit rebecca geredet, eine meiner backstreet mädels, denn die ist seit jahren krankenschwester auf der intensiv und in der notfallchirurgie und sie hat .. eine menge leute miterlebt, die reanimiert wurden, die gestorben sind, etc. ihr täglich brot. sie meinte, sie würde in so ziemlich jedem fall wie den meines vaters abraten, zu reanimieren, weil die chancen quasi verschwindend gering sind, dass mans hinterher nicht hardcore viel schlimmer macht. ich habe ihr auch so ein bisschen was von meinem vater und seiner krankenakte erzählt und sie meinte, … keine chance. man weiß ja auch nie, wie viel man beim reanimieren kaputt macht, wie weit fortgeschritten ist schon die hirnschädigung, die brechenden knochen beim reanimieren etc pp. in dem zustand und bei dem alter, da macht man im schlimmsten fall nur einen richtig qualvollen pflegefall draus. sie hat noch so viel mehr erzählt, aber.. ich hab echt keinen bock alles nochmal zu wiederholen. jedenfalls meinte sie: machts ned.

 

mein bruder versucht jetzt für uns beide morgen einen besuchstermin durchzuboxen. – „man weiß ja nie, wie lange es noch geht….“

 

 

20.53, ich sitze hier im wohnzimmer und tobi sitzt oben und zockt. montagsrunde.

ist das jetzt die phase, in der das wahr wird, was man so immer befürchtet? ist das jetzt schon gekommen.. oder .. passiert noch mehr und man .. vergisst den tag heute? .. 31. januar 2022, doch nicht so wichtig. anfang 2022, total wayne. ha, wisst ihr noch, da war doch.. achso ja, stimmt. erzählt man sich.

 

oder ist das der tag, an dem man sagt: „oh ja. x tage danach wars dann soweit…“

 

ich habe rebecca dann noch was gefragt, denn ich bin ja auch dumm und hab keine ahnung. aber .. wenn mein bruder gefragt wird, ob mein vater im falle des falles reanimiert werden soll, .. heißt das dann, dass er nicht ansprechbar ist? … oder stellt man eine solche frage keinem patienten, der gerade nicht so dolle drauf ist, um ihn nicht noch mehr fertigzumachen? .. keine ahnung, im bürokratischen deutschland könnte ich mir das schon vorstellen, ich hab echt keine ahnung. die bilder von meinem vater und auch die aussage am freitag: „er hat vorher sogar wenige löffel suppe gegessen…“ deuten eigentlich nicht drauf hin, dass er nicht ansprechbar wäre. – „na vielleicht ist er sediert? vielleicht haben die dem was für seine psyche gegeben und normalerweise kriegen die patienten mehr als sie unbedingt brauchen, da lullern die schon mal weg..“ hm. vielleicht können mein bruder und ich ja morgen zu ihm.

 

als ich noch ein kind war, war mein vater selbstständig. „als so ein.. computer..techniker“, hab ich damals zu mola adebisi gesagt, als ich bei viva interaktiv mit ihm telefoniert und über meinen vater geredet habe. mein vater hatte hier und da überall seine kunden, also firmen, und .. ich weiß gar nicht mehr, wo das war, da musste mein vater einen riesen drucker .. abholen? .. vorbeibringen? .. ich weiß nicht mehr. ich glaube, er war dort und hat einen drucker geholt und repariert und musste den dann wieder hinfahren. das war irgendwann unter der woche, logischerweise, und weil mein vater keinen bock hatte, alleine da hinzufahren, hat er gefragt, ob ich mitkommen und die schule schwänzen will. ob ich da eine klassenarbeit habe oder ob ich mitkann. natürlich wollte ich mit, meine mutter war etwas garstig, weil mein vater mich einfach so zum schuleschwänzen aufgefordert hatte, aber ich fands geil. ich weiß aber nicht mehr, wo das war und ob ich das heute als erwachsener auch immer noch als „weit weg“ empfinden würde, wie ich es das auch als kind tat. ich fand das immer cool. mit meinem vater irgendwo hinfahren. generell habe ich gerne alleine zeit mit meinem vater verbracht, weil ich fand, man kann sich gut mit ihm unterhalten. so über gott und die welt. das konnte ich mit meiner mutter nie, weil meine mutter einfach ein total.. flacher mensch ist. die erfreut sich an den hirnlosesten witzen, die mich allerhöchstens aggressiv machen vor dummheit, dass das auch nur irgendein mensch auf dieser erde lustig finden kann. mein vater und ich sind dann dort hingefahren und auf dem hinweg hielten wir irgendwo an so einem tante emma laden, wo innen drin auch ein kleine fleischtheke und eine bäckerei war. mein vater und ich wollten eigentlich belegte brötchen haben, aber da diese noch im backofen waren, meinte die frau an der theke, sie habe aber frisch gebackenes, rustikales bauernbrot, noch warm. und ob sie uns da nicht ein paar belegte brote machen sollte. sie schnitt dann von dem brot runter und hat es mit wurst belegt. sie meinte noch so: „und dann mach ich ihne‘ da noch a paar girkle mit drauf“ … für die nicht-süddeutschen unter euch, sie schnitt essiggurken klein und packte die auch noch auf die brote. obwohl mein vater und ich zu der zeit die größten weißmehlbrötchen-esser der welt waren, … dieses rustikale bauernbrot mit der herzhaften wurst und dem „girkle“ war so gut, dass ich heute.. keine ahnung… 25 jahre später immer noch dran denke. und mein vater und ich haben so oft noch von diesem brot geschwärmt, noch jahre danach.

 

früher haben meine eltern und ich immer zusammen abends fern gesehen. und als ich ein teenie wurde, habe ich das immer seltener getan. und ich wusste, dass das meine eltern, nein, mein vater, immer schade fand. er hatte das gern, dass ich zusammen mit ihm fern gesehen habe. am besten wars immer, wenn meine mutter auf der couch eingeschlafen ist und um 22.15 noch irgendein horrorfilm losging. das hab ich gerne gemacht.

und ganz oft frage ich mich.. welchen film haben wir denn gesehen, als ich das letzte mal mit ihm zusammen fern gesehen habe? .. hätte ich damals gewusst, dass es das letzte mal war.

und ob vielleicht sogar… morgen das letzte mal ist, an dem ich ihn besuche? .. eigentlich .. will ich mir das gar nicht ausmalen. kann aber sein. ich hoffe aber selbstverständlich, dass das jetzt alles.. übertreibungen sind und ich mir denke: „gosh, haste da mal übertrieben.“

 

könnte wahrscheinlich tausend jahre so weiterschreiben. tausend erinnerungen aufzählen.

 

tobi und ich saßen vorher in der küche. vor dem abendessen, vor dem allabendlichen fernsehen. wir haben noch über das reanimieren geredet. was wir denn wollen würden. er meinte, er würde eigentlich immer gerne reanimiert werden, außer, die chancen stünden extremst beschissen. wir hatten schon öfter über das thema gesprochen und wollen auch eine patientenverfügung schreiben, hatten wir uns vorgenommen. er fragte mich daraufhin, was ich denn wollen würden, ob ich lieber sterben möchte oder ob ich im schlimmsten fall als pflegefall vor mich hinvegetieren würde. ich musste weinen, als ich die frage beantwortet habe. und ich hasse es zu sprechen, wenn man weint. das klingt immer so erbärmlich und jämmerlich. das klingt so mädchenmäßig, ich mag das gar nicht. – „weil man nie die umstände weiß und es auch gar nie richtig einschätzen kann, würde ich mir wünschen, dass du einfach das tust und das entscheidest, womit du am besten klarkommst. wenn du es für aussichtslos hältst, schalt die geräte ab und entscheide gegen reanimieren, und wenn du hoffnung hast und nicht aufgeben willst, dann gehts weiter. aber versuch nicht in meinem sinne zu entscheiden, in meinem sinne ist, dass du dir am ende keine vorwürfe machst, egal, wofür du dich entscheidest. wenn ich überlebe und später ein krüppel bin, dann .. werde ich damit schon fertig, ich bin ein stehaufmännchen. und wenn du die geräte abstellst und ich sterbe, na dann komme ich sowieso damit klar. muss ich ja dann wohl. hauptsache, du kannst am ende zu dem stehen, fühlst dich richtig dabei und ohne schuldgefühle. alles andere ist mir egal.“ – er fand meine antwort so gut, dass er meinte: „ok, vergiss, was ich gesagt hab. deine antwort ist besser.“ – „ha, du weißt aber, dass du dann mit meiner scheiß entscheidung leben musst, auch wenn du dann vllt ein krüppel bist? :D“ – „ja das weiß ich“, lachte er. – „ich seh schon.. ich so dann: ‚ja also, man kann abschalten‘ – ‚äh, frau s., er hat nur einen gebrochenen arm..?‘ – ‚NIX DA, ABGESCHALTET WIRD!'“ XD .. manchmal muss man auch ein bisschen lachen. vorallem, wenn man gerade weint.

 

vorher, kurz bevor tobi zum zocken hochgegangen ist, habe ich mich auf der couch auf ihn draufgelegt. normalerweise hat jeder von uns so seinen stammplatz auf der couch und der beinhaltet jetzt nicht, dass einer auf dem anderen draufliegt. aber immer, wenn tobi montags zum zocken geht, oder sagen wir kurz davor ist, dann .. will ich ihn fast nie gehen lassen. also .. ist natürlich quatsch, er soll natürlich gehen, aber.. dann alleine ins bett gehen, alleine einschlafen und.. ja, dann dauert es einen ganzen tag, bis man sich richtig wiedersieht.

ich lag dann vorher so auf ihm drauf und .. weil die heutige folge „lost“ so blöd aufgehört hatte, dass es nicht mehr für eine weitere episode reichte, hab ich .. zuerst irgendein koreanisches streetfood-video von youtube reingemacht und danach einen.. akte-bericht, wie man am besten seine waschmaschine pflegt. ich lag dann so auf tobi drauf und hab mit ihm gekuschelt und dachte so an meine eltern. als sie so alt waren wie tobi und ich. und wie viele jahre das her ist. und dass das vorbei ist. und gefühlt ein wimpernschlag entfernt ist auch die zeit, in der ich auf der couch auf tobi draufliege und wir koreanisches streetfood auf youtube ansehen, .. auch vorbei. so wie das salamibrot mit dem „girkle“ oder der letzte gemeinsame film mit meinen eltern, an den ich mich nicht mal mehr erinnern kann.

 

suzaku

2 Gedanken zu „Weil man nie weiß, wie lange es noch geht…

  1. Es ist eine intensive Situation, in der du dich jetzt im Hinblick auf deinen Vater befindest, und ich kann gut verstehen, dass dir diese ganzen Dinge und Rückblicke durch den Kopf gehen.

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