Würze.

Würze.

manchmal sitze ich da und frage mich, wie es reiner geht. kann sich noch jemand an den erinnern? mit sicherheit.

damals, als wir uns über ebay kennengelernt haben und zunächst ja nur eine reine geschäftsbeziehung zwischen uns bestand, war ich so vierzehn, fünfzehn. mit der zeit hatte sich das ganze ja in eine freundschaft entwickelt und laut seinen angaben war er, als ich bereits sechzehn gewesen bin, 32. erst später, als er in haft war, habe ich durch die kripo erfahren, dass er schon 36 war. und geschieden. und vater.

ich denke recht selten an ihn. seit der klinik denke ich generell selten an leute aus der vergangenheit. irgendwie scheine ich tatsächlich mittlerweile mehr im reinen mit mir zu sein. oder mit der vergangenheit. oder nur zu beschäftigt mit der gegenwart. was weiß ich.

aber manchmal, annähernd nie, da fällt mir ein, ich bin mittlerweile auch mitte dreißig. dann überlege ich, was so vor zwanzig jahren war. und manchmal kommt mir eben eines der themen wie zb reiner in den sinn.

er ist jetzt mittlerweile 56. keine ahnung, wo er lebt und was er tut. genau genommen stelle ich eh fast alles in frage von dem, was ich die ganze freundschaft über von ihm erfahren habe.

wenn ich mir vorstelle, ich war damals ein richtiges kind und ich war so eng mit ihm befreundet, einem wildfremden. und dass meine eltern das zugelassen haben. irgendwie krass. genau genommen ist diese ganze story krass. viele stories, die mir wiederfahren sind, finde ich krass. das wird mir aber erst bewusst, wenn ich sie anderen erzähle, nicht, wenn ich an meine erinnerungen daran zurückdenke.

ich meine, wenn seine vierzehnjährige nichte damals nicht ausgepackt und zur polizei gegangen wäre, wäre ich die nächste gewesen. das treffen mit ihm war ja schon geplant, bzw. sogar richtig datiert. gut. genau deshalb hat sie ja ausgepackt. für mich ist das so unwirklich, dass sie mich ziemlich sicher – nennen wir das kind beim namen – vor sexuellen übergriffen oder sogar einer vergewaltigung gerettet hat. und das, obwohl das genau genommen ziemlich.. naheliegend war. also ich meine nicht nur für die außenwelt, sondern auch irgendwie damals schon für mich als eben jenes kind. ich kannte ihn ja doch irgendwie. ich kannte ihn sogar so viel besser, als ich es je jemandem erzählte.

wie unwirklich das ist, wenn man als 16jährige gebeten wird, eine aussage bei der polizei zu machen. und ich war in dem alter nicht nur viel kindischer als heutzutage es natürlich 16jährige sind, sondern auch schon damals verglichen zu den gleichaltrigen.

und wisst ihr, woran mich das wiederum erinnert? .. an meinen besten freund von der alten firma. an dem
einen tag, an dem man seinen abschiedsbrief gefunden hatte, die kripo bei uns auftauchte und alle befragte. an dem tag kam er nicht zur arbeit and da ich immer mit ihm zur mittagspause gegangen bin, wurde ich gefragt, ob ich was von seinem suizidvorhaben wissen würde. sein direkter arbeitskollege rief mich firmenintern an und meinte, die kripo sei da und will wissen, wo er sei. dem konnte ich aber schlecht sagen, dass ich zu dem zeitpunkt seit einigen wochen schon keinen kontakt mehr zu ihm pflegte, da er mir gestand, er sei in mich verliebt und würde sogar seine ehe riskieren, um eine chance bei mir zu haben. wahnsinn. damals war ich. ich glaube 23… oder? er war mitte dreißig.

irgendwie witzig. ich weiß nicht warum, aber irgendwie .. habe ich immer so ein ding mit älteren männern. keine ahnung.

wie mit dem sockenmän, der mir auf arbeit doch mal schrieb, er wolle meine gebrauchten socken und feinstrümpfe kaufen, der mir hinterherstalkerte und wusste, um wie viel uhr ich wohin gegangen bin. ich kann mich noch an diese eine mail erinnern: „wenn sie einen metallic-lila farbenen daihatsu cuore fahren mit dem kennzeichen xxxx und gestern abend um 18.28 in der xxx straße richtung blabla gelaufen sind, dann muss ich sagen, sie sind eine ganz bezaubernde frau.“ – und dass er meine gebrauchten sachen kaufen will. ganz merkwürdig.

man konnte es ihm ja nicht beweisen, da die untersuchungen ins leere führten, aber die vermutung lag nahe, dass es einer der älteren chefs war.

ganz anders bei frank, der ja so dumm war und mich uber die geschäftsemailadresse belästigt hatte. der, wegen dem ich mich so aufgeregt habe. mich so geekelt, dass ich meine karre zu schrott gefahren habe. mein schöner neuwagen. nicht der metallic-lila farbene daihatsu cuore, sondern mein nagelneuer hyundai, den ich da erst ein paar wochen hatte. aber wenigstens war der tagebucheintrag dazu geil. der war der hammer.

meine fresse. irgendwie wollte ich jetzt gar nicht so von der einen in die nächste geschichte stolpern. tatsächlich dachte ich gerade einfach an nur an reiner, als ich die message von bernd las. also ja, offensichtlich hab ich doch bissl was, über das ich aus der vergangenheit erzählen kann.

tja. ich und meine alten männer. oder eben allgemein meine… geschichten. ich dachte immer, die würden irgendwann enden. aber indem ich mich in meinen chef verknalle, enden sie wohl doch nicht. ich dachte immer, das sind so geschichten, sowas erlebt man halt, wenn man jung ist.

trotzdem ich glaube, die geschichten werden weniger. man wird eben doch älter. aber hin und wieder eine, doch, das gibt dem Ieben würze.

suzaku


2 Gedanken zu „Würze.

  1. Es freut mich sehr, dass ich dich inspirieren konnte. Ja, du hast wirklich viel erlebt und kannst gut darüber schreiben. Aber mit den Geschlechtsgenossen, die du jetzt beschrieben hast, habe ich zum Glück nichts zu tun – so hoffe ich wenigstens.

    Ich grüße dich

    Berndt (mit „dt“)

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