Zimmerdecke und die Ausrede.

Zimmerdecke und die Ausrede.

wohnzimmer, 19:43 und ich höre das hier.

ein klassischer scheißtag heute.

eigentlich begann der tag ganz normal, nun ja, ich muss sagen, seit dieser resonanz von meinem gruppenleiter geh ich tatsächlich nicht mehr so gerne arbeiten. ich hatte ja neulich meine leistungsbeurteilung. ich meine, ich weiß ja, dass ich nicht der absolute überflieger bin, aber demotivierend ist es trotzdem, vorallem, weil ich weiß, dass ich kein idiot bin, nur eben, dass ich mich null konzentrieren kann. schon gar nicht auf solche sachen, die mich nicht wirklich interessieren und schon gar nicht, wenn sie noch … sozialphobisch begleitet werden. ich weiß, dass ich gut bin. nur nicht in meinem job. tja. schade.

wie gesagt, es war alles wie immer. nichts besonderes. gut, die deutschen sind gestern in der wm ausgeschieden und bei uns auf arbeit, in dieser männerdomäne, ist das schon ein drama. vorallem für holly. indirekt hat damit auch für mich das drama dann begonnen.

schon morgens bin ich zu ihm gegangen, er tat mir so leid, weil für ihn fußball wirklich wichtig ist und er sich schon seit monaten auf die wm gefreut hatte. und ich muss auch sagen, er hat zwar die ganze zeit gewitzelt und gelacht, aber – auch wenn es bloß sowas unwichtiges wie die wm ist – ihn hat’s, glaube ich, schon getroffen, dass die deutschen so früh ausgeschieden sind. – „was soll ich denn dann jetzt im urlaub machen?“, fragte er, jammernd und lachend zugleich. – „ähm, im urlaub gibts bestimmt auch wichtigeres als die wm?“ – „ja, aber nachmittags um vier an der hotelbar? und kein fußball, keine wm? .. das ist doch scheiße.“ – „dann trainierst ein bisschen, damit nicht gleich die nächste niederlage folgt“, spielte ich auf seine laufwette mit dem einen verkäufer an. – „haha“, lachte er sarkastisch. dann verließ ich das büro.

etwas später schrieben der witzbold und ich wieder ein paar emails hin und her, das ist mittlerweile einer meiner besten kontakte – und auch, wenn er eigentlich überall und bei jedem beliebt ist, weil er einfach so ein lustiger kerl ist, glaube ich, dass ich für ihn mittlerweile auch einer der wichtigeren kontakte innerhalb der firma bin. er meinte auch sofort, dass wir im urlaub im whatsapp öfter schreiben müssen, zwei wochen ohne mich und mein blödes geschwätz, na das hält er nicht aus xD na jedenfalls nennen er und ich aus einem blöden witz heraus holly nun immer „hoppel“, weil ich mal meinte, holly wäre bei mir stets wie ein kuscheliges häschen und nicht wie ein vorlauter, strenger chef. und so doof das klingt, aber hoppel passt richtig gut zu holly, oh gott xD das klingt echt, wie als ob das wirklich echt ein spitzname von ihm wäre. wir haben schon gealbert, dass irgendeinem von uns beiden rutscht mal „hoppel“ in seiner anwesenheit raus xD

ich erzählte dem witzbold dann von der wm-unterhaltung mit holly und er meinte: „haha, ja das mit der hotelbar hat er zu mir auch gesagt.. aber bei mir hat er noch mehr gemeint :P“ .. und das war das, was mir dann den tag versaute. – „er meinte noch so: ‚ja, egal, dann sieht halt anja im urlaub nur die zimmerdecke.'“ anja ist seine frau und den namen hab ich natürlich geändert. – obwohls mir innerlich einen mords schlag in die brust und magengrube gejagt hat, tat ich auf cool und antwortete: „waaaaas? XD das hat er echt gesagt? geil XD“ – und er meinte: „nee, genau genommen war das ein bisschen anders. er lachte vor einer weile, dass er im urlaub nur fußball guckt, sauft und bumst. und vorher war ich so bei ihm im stall (=sein büro xD) und meinte: ‚tja, dann fällt wohl fußball raus‘ und er so: ‚dann bleibts halt bei saufen und bumsen. egal, dann lernt anja halt die zimmerdecke näher kennen.'“ – ja ich weiß. übelst die.. hochwertige, gehobene unterhaltung. vorallem vom chef. trotzdem hats mir ein schlag versetzt und ich habe das bild, das sich mir aufgezwungen hat, heute den ganzen tag nicht aus dem kopf bekommen, das bekomme ich auch jetzt noch nicht aus dem kopf.

ja, eigentlich total bescheuert. ich meine, es ist seine frau und sie sind ja auch glücklich verheiratet, also dämlich. aber es so auf den teller präsentiert zu bekommen will man dann trotzdem auch nicht.

der witzbold alberte noch: „ahaha, aber sag ihm nicht, dass ich dir das weitererzählt habe. der erzählt mir sonst nie wieder was xD aber weißt doch, männer unter sich halt. ist klar, dass der zu dir sowas nicht sagt.“ ja. männer. er weiß ja nicht, dass er sowas aus einem ganz anderen grund nicht vor mir raushaut.

etwas später jammerte holly noch mehrmals, dass er nicht wisse, was er nun im urlaub machen sollte. die anderen meinten dann, er solle halt … urlaub machen? .. etwas besichtigen etc pp. als er dann auch ein drittes mal meckerte, dass er gerne an der hotelbar die wm geguckt hätte, haute ich, während ich mein besteck beim mittagessen auf den teller räumte, raus: „dann kümmerst dich bissl um deine frau.“ – er schaute mich an, zuerst neutral, perplex, setzte sofort sein pokerface auf und witzelte: „ja, die freut sich jetzt“ – die anderen haben nur über die eigennützige schadenfreude seiner frau gelacht, ich lächelte und sagte zufrieden: „na also.“

 

der tag war gelaufen. zusätzlich kam dann, dass alle wegen des spiels gestern schlecht drauf waren und irgendwie herrschte auch unter den nicht-fußball-fans heute keine gute stimmung. die jungs in meinem büro haben mich heute total aufgeregt, vorallem der eine, den ich sonst am liebsten habe. der war heute richtig provokant und nervig, genauso beschissen, wie er anfangs auch war, weshalb ich ihn zu beginn eigentlich überhaupt nicht leiden konnte. keine ahnung, was der wieder hatte. irgendwann, nachdem ich ständig dumm angemacht wurde, bin ich heute etwas ausgerastet – nicht so wie früher, aber mehr als bisher in dieser firma – und schnauzte zurück: „alter, jetzt hör mal auf, mich die ganze zeit dumm von der seite anzumachen. das geht mir so langsam richtig auf den sack.“ – daraufhin meinte er auch zickig: „erstens mach ich dich dumm von vorne und nicht von der seite an und zweitens mache ich dich überhaupt nicht dumm an.“ – von mir kam nur noch ein augenrollendes, genervtes: „oh ja.“ zurück und das wars.

dass ich nicht in ihrem olymp bin, ist mir klar. ich bin ja auch ein mädchen, das disqualifizierte mich schon von anfang an, unabhängig davon, dass ich mich gut mit dem ihnen verhassten chef gut auskomme oder dass ich grundsätzlich einen anderen charakter habe als so die jungs. normalerweise komme ich damit auch gut klar und lass das so stehen. ganz ehrlich, ich akzeptiere das, dass ich … keine solche homebase habe wie sie. klar, ich hänge viel mit den chefs rum und blah, aber im ernst, es ist trotzdem nicht dasselbe, was ich mit meinen mittagessen-menschen habe wie das, was die jungs miteinander haben. oft verarschen die jungs mich auch ein bisschen, nicht böswillig, aber trotzdem tun sie es und wie gesagt, ich lass das so stehen. aber wenn man merkt, dass der andere nicht gut drauf ist, muss man ja nicht gleich die doppelte power ausfahren. und heute gings mir wirklich auf den sack. vorallem, weil ich ja niemandem sagen konnte, was die eigentliche sache war, was mir zusetzte. dazu kam dann noch meine absolute unkonzentriertheit und der innere versagensdruck dadurch, den ich seit dem gespräch mit meinem gruppenleiter nun wieder viel deutlicher spüre.

 

die kann ich auch sonst keinem sagen. nicht in dem umfang. deshalb schreibe ich es hier auf.

 

für morgen abend ist geplant, dass ein paar kollegen und ich einen trinken gehen. einmal mein frühstückspausenkollege, dann souvlaki und die masterstudentin. ich hatte heute noch holly gefragt, er meinte ja neulich schon, er guckt mal, was er machen kann, denn eigentlich wollte er seinen aston martin morgen abend zur werkstatt fahren (die etwas weiter weg ist). heute habe ich erfahren, dass er das auto erst samstag zur werkstatt bringt und somit morgen abend zeit hätte. – „du kannst gerne dazukommen, wenn du magst.“ – er überlegte und meinte, eher nicht, weil er nicht riskieren will, dass er samstagmorgen noch total zerstört ist, wenn er den aston martin wegbringen muss. kann ich verstehen. ich hatte auch nie damit gerechnet, dass er mitkäme. muss ehrlich sagen, mich hätte es gewundert, wäre er mitgegangen. es ist auch dumm so daran zu hängen. ist mir auch klar.

gar keinen bock mehr auf morgen. ich hab mich eigentlich ganz lange schon darauf gefreut. genau genommen freue ich mich die letzten tage schon die ganze zeit über alle events, zu denen ich die nächste zeit feiern gehen kann. aber jetzt, heute, hier, möchte ich gar nichts mehr. ich möchte mich eigentlich nur in mein bett legen und heulen. witzigerweise nicht nur wegen dem heute, wegen diesem dämlichen spruch, sondern irgendwie.. bin ich gerade melancholisch und vermisse irgendwie so vieles im leben.

wisst ihr, was mir am meisten fehlt? .. mir fehlt meine alte firma. immer noch. meine ganz alte firma. mir fehlt es, technischer zeichner zu sein. mir fehlt es, gut in etwas zu sein. ich bin kein idiot. das erste mal in meinem leben bin ich so wirklich gefestigt in meinen fähigkeiten, in meinem selbstwertgefühl, und ich weiß, dass ich kein depp bin. aber mir fällt diese arbeit zum teil wirklich schwer. es ist so schwer sich auf so vieles zu konzentrieren. ich sitze vor diesen texten und alles, was ich sehe, höre, wahrnehme, ist, dass hier einer hustet, da unterhalten sich zwei über viel wichtigere themen, und wenn ich mir die ohren zuhalte oder ohropax trage, dann lenken mich die stifte auf meinem tisch ab, der mauscursor, der eigentlich starr und statisch auf meinem bildschirm steht, und wenn mich das alles nicht ablenkt, lenken mich die tausend gedanken in meinem kopf ab. mittlerweile habe ich genug selbstvertrauen, dass ich, wenn ich was nicht mitbekommen habe, sofort nachfrage. oft frage ich aber auch sachen nach, die mich nicht interessieren oder mich eben nicht betreffen, weil ich, wenn ich versuche mich zu konzentrieren, einfach total versunken und abwesend bin und dann nicht mal ungefähr das thema des gesprochenen mitkriege. da dieser eine kollege, den ich eigentlich mag, heute aber wieder total seinen zickenanfall wie von am anfang hatte, meinte er bei einer meiner rückfragen dann patzig: „junge, jetzt sei ned ständig so neugierig!“ – total platt, aber genauso selbstbewusst sagte ich: „alter, sorry, hätte ja sein können, dass es mich betrifft. hab gar nicht mitbekommen, um was es geht. zumal du weißt, dass ich manchmal konzentrationstechnisch ned so ganz auf der höhe bin.“ er ist ja einer der beiden kollegen, die vom ads wissen. immer noch patzig maulte er: „ist das jetzt deine ausrede für alles?“ – am liebsten wäre ich aufgestanden und hätte ihm dafür ins gesicht geschlagen. das ist auch der grund, weshalb ich mit sowas sonst hinterm berg halte.

niemand, der das nicht selber hat, kann sich vorstellen, wie ätzend manchmal so ein ads-alltag sein kann. echt. man kommt sich echt manchmal vor wie so ein depp. nein. anders. manchmal fühlt es sich an, als würde das eigene gehirn verrecken. während man einen satz liest, spürt man schon, wie die konzentration flöten geht, während man ihn liest, merkt man schon, dass genau jetzt hier die konzentration abreißt und man eigentlich sofort aufhören kann, weiterzulesen. das klingt irgendwie witzig, aber genau während des lesens denkt man sich: „oh, vor diesem wort hatte ich noch mehr konzentration, oh schade, schnell zu ende lesen, dass es noch für das bissl konzentration vollends reicht.“ das ist wie der moment, in dem man hinfällt und man während des fallens merkt, dass es jetzt gleich knallen wird. so diese moment, die einem wie in zeitlupe vorkommen. genauso ist das beim lesen. man merkt: „oh, gleich machts bumm.“ der moment, in dem man versehentlich was fallen gelassen hat und man sieht, wie der gegenstand gerade dabei ist, runterzuplumpsen und man hofft nur noch, dass es jetzt nicht gleich kaputt ist.

ich schaue im schnitt circa fünftausendmal am tag aufs handy. öfter. und kein einziges mal davon nehme ich das handy und mache auch tatsächlich genau das, weshalb ich das handy eigentlich in die hand genommen habe. mir fällt ein, dass ich etwas einkaufen muss, deshalb möchte ich es in meinen einkaufszettel schreiben. ich nehme das handy und sobald das display entsperrt ist, lachen mich tausend icons von irgendwelchen apps an und schon ist vergessen, dass ich was in den einkaufszettel schreiben will. erst viel, viel später, nachdem ich das handy schon lange wieder weggelegt habe, fällt mir ein: „ach stimmt, wollte ich nicht blabla einkaufen? schnell aufschreiben.“ – und dann geht das spiel von vorne los und glaubt nicht, dass ich mir DANN die sache in den einkaufszettel schreiben würde – hahaaaa – so einfach geht das nicht. da wird erstmal noch fünf weitere male das handy in die handy genommen und irgendwelche nachrichten gelesen, apps gedrückt oder sonstwas, bis mir einfällt, dass ich ENDLICH MAL auf den notizblock mit meinem einkaufszettel tippen sollte.

und so gehts mit allem im leben. wie oft ich auf arbeit morgens etwas ausdrucke, loslaufe und dann während des laufens merke: „oh, muss aufs klo. gehste erst aufs klo und holst dann die ausdrucke.“ – die ausdrucke liegen im bestfall dann noch nachmittags beim drucker.

 

ich fürchte, ich komme mit dieser stelle an meine grenzen. vorallem wenn ich mir das ohnehin schon utopische ziel setze, meinen nimmersatt-gruppenleiter zufriedenstellen zu wollen. die stelle, die ich vorher hatte, in dieser ätzenden firma, im ernst.. das war zwar eine technikerstelle, aber genau genommen war das auch nur ein etwas besserer technischer zeichner. in der neuen firma muss ich strukturiert denken, ich muss texte lesen, muss verschiedene sachen ausarbeiten. da reicht es nicht nur ein bisschen zu zeichnen, ein bisschen was zu prüfen. nein. struktur, verständnis.

und dann sitze ich da und lese den selben satz hundertmal. ich kann ihn schon auswendig aufsagen, selbst, wenn er über drei zeilen geht, aber es ist in meinem hirn nicht angekommen, von welchem thema er überhaupt handelt. kann über atomkrieg sein, kann aber auch was über das züchten von waldhyazinthen bedeuten, keinen blassen.

nach einem total unproduktiven tag mit stundenlanger höchstkonzentration bin ich platt. ich komme nach hause und möchte nur noch schlafen, ich habe kopfweh und bin am arsch, weil ich den ganzen tag mehr gehirnt habe als jeder andere in dem büro, hab aber auch weniger hingekriegt als jeder andere in dem büro.

aber ist ja nur meine ausrede für alles. yöh.

 

ist aber heute – genauso wie im gesamten letzten halben jahr – nur mein grund nummer zwei für schlechte laune. mir hängt immer noch der zimmerdeckenspruch im hinterkopf.

 

morgen ist der letzte arbeitstag vor hollys urlaub. dann werde ich ihn zweieinhalb wochen nicht sehen. so lange wie noch nie. ich gehe jetzt schon davon aus, dass ich ihn zum abschied nicht umarmen kann. ist sowieso dumm darauf zu hoffen. dumm ist das.

 

fenza.

2 Gedanken zu „Zimmerdecke und die Ausrede.

Kommentar verfassen

Durch die weitere Nutzung der Seite stimmst du der Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen

Die Cookie-Einstellungen auf dieser Website sind auf "Cookies zulassen" eingestellt, um das beste Surferlebnis zu ermöglichen. Wenn du diese Website ohne Änderung der Cookie-Einstellungen verwendest oder auf "Akzeptieren" klickst, erklärst du sich damit einverstanden.

Schließen