Zu viel.

Zu viel.

Mittagspause. Normalerweise würde ich jetzt oben sitzen, bei den anderen. Bei ihm.

Ich sitze in meinem büro. Als ich gerade meine thermobox mit meinem essen aufschraubte, kamen mir die tränen. Konnte mich aber noch zusammenreißen. Ich werde hier drin nicht heulen.

Ich kam heute etwas später zur arbeit, aber noch pünktlich vor ihm. Er hatte keine besprechungen bis zur frühstückspause. Ich saß da und wartete. Ich bin mir sicher, wenn er mit mir sprechen will, dann vor der frühstückspause, da redeten wir sonst auch immer.

Aus dem „fehlt“ hinter seinem namen im telefonbuch wurde ein „anwesend“. Nun sollte es beginnen. Ich wartete. Mir war heiß, ich schwitzte, fror aber zugleich. Ich wartete. Anderthalb stunden. Und es kam nichts.

Ich ging nicht in die frühstückspause. Nicht so. der erste kontakt wird kein Geplänkel vor anderen während einer pause. Ich habe mehr verdient als das.

Ich wusste, dass er nach der frühstückspause mit meinem Kollegen zur tochterfirma ein paar straßen weiter fahren würde. Ich befürchtete, was auch passierte.

Pünktlich nach der frühstückspause hörte ich schon im gang seine stimme.. gut gelaunt, bis über beide ohren grinsend, kam er ins büro und sagte: „guten morgen miteinander.“ Ich tat mir schwer aufzusehen. Noch bevor er überhaupt da war, als nur seine stimme zu hören war, sank ich in meinen bürostuhl ein. Machte mich so klein, so unauffällig wie möglich. Nicht vor scham. Ich musste mich zusammenhalten. Ich musste die scherben zusammenhalten, ehe sie alle auseinander- und auf den boden fallen.

Er grinste mich an. Bis über beide ohren. Ich murmelte traurig ein „morgen“ hinaus, ich schaffte es nicht, noch mehr zu sagen. Schon gar nicht mit guter miene. Er strahlte immer noch. Mehr als sonst. Er sah fast euphorisch aus. Merkwürdig.

„12 uhr mittagessen?“‚ er blickte mich an, immer noch diese euphorie. Ich konnte weder ab-, noch zusagen. Ich konnte gar nichts. Ich wusste, dass ich verletzt ausgesehen haben musste, leidend. Ich bekam kein wort raus und nickte schwach, traurig. Voller elan entgegnete er mir grinsend: „Ja komm, das machen wir! .. also bis später“, verabschiedete er sich in die Runde, nahm den Kollegen mit und weg war er.

Ich fühlte mich wie in einer kompletten parallelwelt. what the fuck, wo war ich gelandet?

Mir war von anfang an klar, dass ich nicht zu dieser mittagspause gehen würde. Ich schaffte es nicht mal, ordentlich zu- oder abzusagen, geschweige denn vierzig minuten ihm gegenüber zu sitzen und über Fußball, laufen und hässliche sexspielzeuge zu lachen. Niemals.

 

Kurz nach halb zwölf schrieb ich ihm im whatsapp.

 

Ich komme nicht zum mittag. Ich pack das nicht.

 

Klingt nach verletzt, ich weiß. Aber das ist keine Rolle, von der ich befürchte, da reinzurutschen. Ich tue das, was mir gut tut. In der kantine vor ihm loszuheulen täte mir nicht gut.

Fünfzehn minuten später kam der Kollege, mit dem er weg ging, wieder zurück. Er muss nun also auch zurück sein. Aufregung machte sich wieder breit. und dann blinkte es grün am handy. Whatsapp.

 

Sollen wir nochmals reden? Ich möchte auf keinen fall, dass etwas zwischen uns ist.

 

Nochmals? .. moment. Nochmals? .. das kann doch nicht sein ernst sein. wieder wurde ich damit erschlagen, wie wenig flach ich doch bin.

 

Weiß nicht. Ich möchte nicht vor dir weinen. Schon gar nicht hier drin.

 

Mir egal. Dann weiß er halt‚ wie es mir geht. Weiß er auch so.

 

Dann lass dir zeit.

 

Super. Super gespräch, echt. Ist ja ganz toll für ihn gelaufen.

Später noch gemeinsame besprechung mit ihm. Allerdings sind da genügend andere. Ich könnte ihm aus dem weg gehen und schon vorher zum Besprechungssaal laufen. Wäre dieses .. whatsapp GESPRÄCH nicht gewesen (das ist genauso ein gespräch gewesen, wie dass wir NOCHMALS darüber reden können..), er hätte mich sicher zwischen tür und Angel auf dem weg zur besprechung gefragt, ob nun alles wieder gut sei.

Gut wird vorerst nichts mehr. Mit dieser abspeisung wurde auch endgültig besiegelt, dass, wenn wir NOCHMALS darüber reden sollen (auch dieses „sollen“ schon wieder..), dann muss es von mir kommen. Von mir wird nichts mehr kommen. Zu viel kam von mir.

 

Fenza.


19 Gedanken zu „Zu viel.

  1. Oh je, ich weiß Du brauchst Trost….verstecken hilft da sicher weniger. Es biegt es nicht gerade 🙁
    Ich würde Dich ja gern mal in den Arm nehmen und Dir auch einfach sagen, dass Du jetzt weißt woran Du bist auch wenn Dir der Ausgang so sicher nicht gefällt. Das Leben ist meist nie ein Wunschkonzert, sonst wärst Du sicher schon mit deinem Lieblingssänger von den Back Street Boys verheiratet 🙂

    Vielleicht ist es gut gerade jetzt seine Energie ins Laufen zu stecken – einfach versuchen abzuschalten und zu Laufen…einen Fuß nach dem anderen…

    Weiß es Tobi schon?




    0
  2. Oh je, ich habs geahnt!! Aber du musstest wohl tun, was du getan hast, sonst hätte es dich wahrscheinlich innerlich zerrissen. Aber nun ist das Drama offensichtlich. Wie kommst du da jetzt einigermassen unbeschadet (firmentechnisch!) aus diesem Schlamassel wieder heraus. Vielleicht wären ein paar Krankheitstage wirklich gut. Sei umarmt, liebe Gruesse Elfi




    0
    1. ich werds einfach so weiterlaufen lassen, urlaub und krankheit kommt für mich nicht in frage. sollen se denken, was se wollen, das war vorher ja auch schon der fall. grüß dich!




      0
  3. Nach der Szene im Auto hätte ich auch nicht damit gerechnet, dass er so reagiert.
    Egal ob es Verdrängung ist, Überforderung oder Oberflächlichkeit, du hättest wirklich mehr verdient. Ich finde ihn jetzt leider noch unsympathischer als früher. Ich hoffe, sein Verhalten hilft dir, dich von ihm zu lösen.




    2
    1. danke dir. auch hier das gleiche, ich find es krass, dass .. ja. jemand dachte, er würde anders reagieren. mein kleines naivkindliches herz freut sich da drüber und würde am liebsten dadurch wieder falsche hoffnung schöpfen xD aber nein, nein. ich versuche das gehen zu lassen. grüß dich!




      0
  4. Ach, das tut weh, es zu lesen. Ich glaube, dass er ähnlich für dich fühlt, aber sich durch seine Ehe eben nicht frei fühlt. Ich hoffe, du kommst bald wieder in Ordnung…




    5
    1. danke dir. mehr kann ich dazu leider nicht sagen, als, wie im neuen eintrag erwähnt, dass ich verwundert bin, dass offensichtlich (durch die likes) so viele glauben, dass er ähnliches empfindet. das erheitert mich ein wenig, weil dann meine wahrnehmung doch nicht ganz.. ballaballa ist (wobei euer eindruck ja stark durch meine wahrnehmung gebildet wird, ihr lest ja nur meine subjektiven empfindungen). grüß dich ganz lieb!




      1
  5. Ich lese aus dem was er schrieb weiterhin Besorgnis und Verständnis (scheinbar bin ich da die Einzige). Liebe Fenza, Menschen finden nicht immer die richtigen Worte und da Du gerade verletzt bist trifft Dich das in dem Moment besonders obwohl es seinerseits vielleicht gar nicht so gemeint war wie es ankommt. Ohne ihn in Schutz nehmen zu wollen, denn hier gehts um Dich und nicht um ihn.

    Vielleicht gibst Du Dir und dem Mann einfach noch ein bisschen Zeit bis ihr unabhängig voneinander eine neue Möglichkeit gefunden habt miteinander klarzukommen?

    Nur eine Möglichkeit von vielen.

    Ich finds übrigens gut, dass Du Deine Gefühle nicht wegdrückst sondern durchlebst.
    Auf Arbeit nicht durchleben zu können und wegdrücken zu müssen ist natürlich ungünstig aber nicht änderbar.

    Wenn es für Dich besser ist nimm Dich vielleicht tatsächlich für ein paar Tage aus der Situation raus. Urlaub, Krankmeldung, …




    1
    1. danke dir, du hast es geschafft, dass ich es aus einem anderen blickwinkel sehe. leider sehe ich ihn jetzt wieder positiver dadurch, vorher konnte ich mich eher in ablehnung und hass suhlen. naja, wird schon werden. urlaub ist gerade nicht möglich, haben bis zur messe urlaubssperre wegen erhöhter arbeitsbelastung und krankheit… weiß nicht, das wirkt für mich so opferlike, schwächemäßig. mag ich nicht, will ich nicht. danke dir, grüß dich!




      1
  6. Blöde Situation.
    Bald werden sie fragen, warum du nicht mit essen gehst.
    Kannst du dich einem Kollegen anvertrauen, dem bärtigen?
    Kopf hoch!!! Stürz dich auf die Arbeit und check nicht mehr, wann er an seinem Platz ist.




    0
    1. ich habe es gestern der masterstudentin erzählt. sie meinte, ich solle versuchen, wenigstens ab und zu mich mit holly blicken zu lassen, damit es nicht auffällt. aber ich bin gerade so am zerbrechen, dass ich es nicht mal zehn sekunden aushalte, eine ganze frühstückspause (ganz zu verschweigen von mittag) schaff ich nicht. muss auch sagen, dahingehend isses mir auch egal, dann mag halt jeder denken, was er will – war früher auch schon so. die arbeit selbst ist leider so ätzend, dass die auch nicht so angenehm ist, aber was anderes bleibt mir ja nicht übrig. danke dir!




      0
  7. Ich denke, letztlich ist er halt auch einfach nur ein Mann. Männer mögen keine Komplikationen und keine Gefühlsverstrickungen, sie mögen es einfach (und mir scheint, Holly mag es sogar ganz besonders gern einfach, er ist kein „tiefer“ Mensch). Er mag dich. Definitiv. Vielleicht ist es sogar mehr als mögen. Und er versucht jetzt auf eine Weise, die ihn meiner Meinung nach im Rahmen seiner emotionalen Möglichkeiten durchaus ehrt, dir zu zeigen, dass er sich um dich sorgt und dass du ihm wichtig bist. Alles was darüber hinaus gehen könnte, ist ihm aber zu viel und zu anstrengend. Vergiss nicht, er hat, altersbedingt, schon mehr erlebt als du. Vielleicht hat er vor zehn, zwanzig Jahren bereits Ähnliches durchgemacht, vielleicht ist er damals zu Schluss gekommen, dass ihm seine Ruhe und sein Frieden letztlich doch sehr wichtig sind. Er will weder eine Scheidung noch sonstwas Mühsames.
    Du bist völlig entflammt, oder du warst es zumindest, aber ob das auf Dauer was würde mit euch beiden? ich bezweifle es.
    Er gibt dir jetzt die Chance, das Gesicht zu wahren (auch gegenüber den Kollegen), indem er dir zeigt, dass er dich nicht auslacht, dich nicht fallen lässt, weiterhin mit dir Zeit verbringen möchte… aber ob da grundsätzlich mehr drinläge? Ich glaubs eben leider nicht.
    Ich weiss nicht, ob du es emotional schaffen kannst, sein Angebot anzunehmen und von „strahlen und funkeln“ auf „normal, neutral“ umzuschalten. Nicht auf „verletzt, tieftraurig“, obwohl es dich innerlich fast zerreisst.
    Kannst du dich wieder mehr Tobi zuwenden? Er ist ja immer noch da und weiss BEscheid.
    Auf jeden Fall wünsche ich dir alles Gute und dass es bald leichter wird.
    Nellie




    8
  8. Schade mein Kommentar von dem tag scheint verschwunden zu sein, ich denke Du wirst Ihn sicherlich gelesen haben. Kopf hoch, halte dein Herz und deine Seele gut fest, damit es nicht all zu sehr schmerzt.. Ally




    0

Kommentar verfassen

Durch die weitere Nutzung der Seite stimmst du der Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen

Die Cookie-Einstellungen auf dieser Website sind auf "Cookies zulassen" eingestellt, um das beste Surferlebnis zu ermöglichen. Wenn du diese Website ohne Änderung der Cookie-Einstellungen verwendest oder auf "Akzeptieren" klickst, erklärst du sich damit einverstanden.

Schließen