Zurückblicken.

Zurückblicken.

ursprünglich hatte ich vor, nur hier und da einen throwback eintrag einzustellen. also nicht eine ganze geschichte erzählend, sondern einfach vereinzelt welche rauspicken. jetzt hat mich mizzimai irgendwie inspiriert, ganze episoden online zu stellen. also .. jetzt, wo ich den ersten tobi-kennenlern-eintrag hochgeladen habe, nun auch diese episode weiterzuerzählen, zumindest zu einem thema – wenn es das denn hergibt – drei, vier einträge hochzuladen. na jedenfalls will ich nicht die ganzen… keine ahnung, fünf millionen einträge, die ich über tobi damals verfasst habe, erneut online stellen, daher habe ich jetzt mal ein bisschen weitergelesen, um ein paar passende rauszupicken, die die geschichte trotzdem irgendwie verständlich wiedergeben.

normalerweise lese ich öfter mal alte einträge. ok, früher habe ich das oft gemacht, mittlerweile nur noch selten, aber es ist jetzt für mich nix ungewöhnliches, ein paar zeilen aus der vergangenheit zu lesen. wenn ich das jetzt lese, fühlt sich alles so echt an, wie als wäre es gestern passiert. und diese redewendung „wie gestern“ wird dem gefühl gar nicht gerecht, weil sie einfach viel zu inflationär verwendet wird. nee, tatsächlich fühlt es sich jetzt wirklich so an, als würde ich genau jetzt in dieser zeit stecken.

ich bin gestern über „mit dir chill’n“ gestolpert, das lied von revolverheld. gosh. habe ich mindestens zehn jahre schon nicht mehr gehört, tatsächlich hatte ich das lied und dessen existenz total vergessen, dabei war das auch mal eins DER 2006-tobi-lieder.

und gerade höre ich „phänomenal egal“ von farin urlaub. ich fand dieses lied damals so witzig, immer, wenn ich das höre, erinnert es mich an irgendein mal, als bahar bei mir war und wir das gehört haben. sie war leicht angetrunken und hat mit dem lied mitgesungen, obwohl das eigentlich null ihr genre war, sie hat immer mehr türkische musik gehört und schon gar keinen deutschen punkrock. aber damals stand sie auf irgendjemandem, habe längst vergessen wen, der nichts von ihr wissen wollte, genauso wie paddy, also mister kopiermann, von mir. das lied hat in dem moment einfach wie arsch auf eimer zu uns beiden gepasst.

ich denke an 2006 und an becks lemon, an dieses lied und an nadin. hab ich das erzählt? die hab ich neulich übrigens getroffen. ist gerade mit ihrem zweiten kind hochschwanger. da waren meine mutter und ich gerade bei der rentenstelle und wollten diverse sachen wegen meinem vater klären, das war zwei tage nach seinem tod. kann sein, dass ich es in einem der unbeschreiblich langen einträge erwähnt habe. ihre mutter war total neugierig und hat sich direkt mit mir unterhalten, während nadin – genauso wie ich es auch erwartet hatte – eher verhalten war. höflich, freundlich, aber reserviert und zu mehr als einem lächeln und im vobeigehen zu winken, konnte sie sich auch nicht herablassen. war aber ok. ich hatte sowieso andere probleme in dem augenblick.

ich denke an meine alte arbeitsstelle. die firma, die ich so geliebt habe. ich sehe noch vor mir, wie der parkplatz ausgesehen hat. und ich sehe vor mir, wie ich die vielen male feierabend gemacht habe und mein vater mich mit seinem türkisen vw-bus abgeholt hat, der bus mit der pinken werbeaufschrift des computergeschäfts meines vaters. direkt in der ersten reihe geparkt. das hat mich immer gefreut, wenn mein vater mich abgeholt hatte und ich dann fünfundvierzig minuten lang mit ihm heim gefahren bin. das war, wenn wir uns immer alleine über gott und die welt unterhalten haben, oder auch einfach nur über die arbeit. überhaupt muss ich sagen, war mein vater immer so die … das klingt jetzt witzig, aber so die „verständliche“ verbindung zu meinen eltern. mit meiner mutter konnte und kann man sich nicht so unterhalten, ich weiß, das kommt jetzt so böse rüber, aber aufgrund der sprache und auch aufgrund der krass geringen aufmerksamkeitsspanne meiner mutter, kann man überhaupt nicht fließend mit der sprechen. man merkt einfach, wie man selber vereinfacht und nicht so tiefgründig redet, ständig nachfragt, ob sie es verstanden hat und innerlich ihr eh nicht wirklich groß zutraut, alles zu erfassen oder tiefergehend irgendwelche gedankenvolle äußerungen zu tätigen. bei meinem vater war das anders. da konnte man alles mögliche sagen und der hat einen irgendwie immer verstanden. deshalb konnte ich es ja auch nie verstehen, dass man zu ihm nicht durchdringen konnte, wenn es um sein verhalten gegenüber meiner mutter ging. da prallte immer alles irgendwie ab. und das ist auch so ein konflikt, der .. bleibt. ich will die trauer anderer menschen mit … gesünderen beziehungen zum toten nicht schmälern, das ist alles schlimm, aber .. ich glaube, ich persönlich fände es leichter um jemanden zu trauern, der.. nicht bestandteil eines solch komplizierten konstrukts wie das meiner familie war. checkt man, was ich meine? .. und genau das, was ich neulich schrieb, von wegen, dass ich die ersten tage nach dem tod so ein unglaublich schlechtes gewissen hatte, weil ich ihn nicht öfter besucht habe, und anschließend dieser gedanke: „naja, kam ja nicht von ungefähr, dass ich nicht ständig dort war“ (mal unabhängig von oberflächlichen gründen wie der distanz und das alltägliche leben mit allen belastungen, die es tag für tag eben mit sich bringt) – das ist.. der erste schritt des verarbeitens. nämlich über den heiligen schein, den der verstorbene plötzlich mit seinem neuen status „tot“ hat, hinweg zu sehen und auch wieder das vor augen führen, was wirklich war. und was da war, war oft auch streit, ungerechtigkeit, ignoranz. nicht nur gegenüber meiner mutter, das war ja schon immer so ein krasser innerer zwiespalt von wegen: „kann ich einfach darüber hinwegsehen, wie er meine mutter behandelt?“, sondern mir gegenüber war er ja auch öfter mal etwas.. naja, schwierig. und es tut sauweh genau DAS offen aus- und anzusprechen, denn es wäre so viel einfacher sich einfach NUR auf die guten sachen zu konzentrieren und zu sagen: „aber er hat dich doch zu tausend bsb konzerten gefahren“, „er hat dir jeden scheiß gekauft, den du haben wolltest“ etc pp, was unweigerlich dann irgendwann wieder das schlechte gewissen wecken würde. nee, denn die wahrheit ist, dass er auch viel scheiße gebaut hat. das wurde mir bewusst, als ich neulich den eintrag „die kaputte urinflasche“ gelesen habe. ich weiß nicht mehr, ob sich irgendjemand dran erinnert, ich hab mich selbst nur bruchstückchenhaft dran erinnert.

und zwar ging es darum, dass mein vater früher, bevor er im altersheim war, ja schon pflegebedürftig gewesen ist und daher auch über nacht eine urinflasche am bett hängen hatte. meine mutter hat die dann immer ausgespült und damit es nicht so riecht, ließ sie immer einen schluck spülmittelwasser in der flasche drin. eines abends ist mein vater dann zu bett gegangen und hatte da schon gehört, wie die flasche wohl kaputt war und das spülwasser auf den holzboden (!) getropft ist. anstatt aber wenigstens meine mutter zu rufen und ihr bescheid zu sagen, hat er drauf geschissen und die flasche halt weitertropfen lassen. irgendwann nachts musste er dann aufs klo und hat in die flasche gepinkelt, wohlwissend, dass die ja undicht ist. er hat noch irgendein altes kleidungsstück oder handtuch, whatever, unter die flasche gelegt und hat sich umgedreht und weitergepennt (im übrigen hatte mein vater sogar noch neben dem bett einen urinstuhl stehen, das heißt, er hätte auch einfach da reinmachen oder zumindest die flasche da reinstellen können, damits den boden nicht einsaut). genau so hat er mir die geschichte selbst erzählt mit dem zusatz: „deine mutter wird sich freuen, das nachher alles aufzuwischen“, bzw. das war der einleitungssatz, worauf er mir dann die story erzählt hatte. etwas später kam meine mutter, also da war mein vater nicht im raum anwesend, und hat gemeckert, dass die flasche ja kaputt sei und mein vater hätte das ja gar nicht gesehen und nun sei der boden voll. das ganze parkett war auch schon aufgeweicht, weil das ja die ganze nacht und den morgen über schön eingewirkt hatte. also eine ganz andere story, in der er verheimlicht hat, dass es ihn einfach nicht gejuckt hat, dass meine mutter das nachher alles aufputzen und alles ja stinken würde. ich hab ihr dann die version erzählt, die mein vater mir vorher serviert hatte, woraufhin sie – zu recht – an die decke gegangen ist. sie ist wutentbrannt zu meinem vater gestapft und hat gefragt, was der scheiß soll, dann hätte er halt aufstehen und richtig aufs klo gehen müssen oder zumindest auf den urinstuhl, das ist doch eine oberdreistigkeit (und eklig) wohlwissend quasi indirekt auf den boden zu pissen und sie müsste alles sauber machen. daraufhin hat mein vater rumgemotzt und alles verneint, was sie ihm an den kopf geworfen hatte. sie schrie zurück und meinte, ich hätte ihr aber alles erzählt. da brüllte er die treppe runter, dass man mir fotze (bin mir ziemlich sicher, er hat „fotze“ über mich gesagt, kann mich aber auch irren – aber wenn, dann kams sicher ein anderes mal…) doch nicht glauben darf, ich sei verlogen und alles. – „ich weiß schon, wem ich hier glauben kann, als ob sie sowas erfinden würde!“, hat meine mutter zurückgebrüllt und ihm die tür zugeknallt.

das war jetzt eher nur eine kleinigkeit. aber das .. reicht schon, um mir ein richtig schlechtes gefühl zu machen, dass ich jetzt, wo mein armer vater tot ist und sich nicht mehr wehren kann, so böse über ihn rede. „das ist kein „schlecht reden“, wenn es wahr ist!“, hat jen lindley mal in dawsons creek gesagt. in der folge, die ich neulich schon erwähnte, als ihre beste freundin ertrunken ist und andie meinte, sie wolle nicht schlecht über tote menschen reden.

und all das ist ein prozess, der mir auch bewusst ist. heiligen schein, dann wut, in der man nur das schlechte sieht, und irgendwann bleibt die mischung, vielleicht auch mit der fähigkeit trotzdem das gute in erinnerung zu behalten, wenn auch mit einem realistischerem touch als direkt nach dem tod.

immer, wenn dann doch mal das schlechte gewissen überwiegt, frage ich mich einfach, ob er – wo und was immer er ist, wenn er überhaupt ist – vielleicht auch ein schlechtes gewissen hat. für all die schlechten dinge, die er vielleicht mal getan oder gesagt hat. oder dass er auch maßgeblich dran beteiligt war, warum er überhaupt so früh und unter diesen umständen sterben musste. vielleicht hätte ich unter anderen umständen mit vierzig, oder auch einfach nur mit ende siebenunddreißig, noch einen vater gehabt.

und ich muss mir einfach sagen, dass das okay ist. ich darf auch mal schlecht über ihn reden, genauso wie er – und nochmal: wo und was immer er nun ist, wenn er überhaupt ist – auch mal schlecht über mich reden darf. und es ist auch okay, mal ein schlechtes gewissen zu haben, dass ich ihn nicht öfter besucht habe. vielleicht hat er ja irgendwo genau jetzt ein schlechtes gewissen, dass er mal „fotze“ zu mir gesagt hat.

wir haben beide dinge, die wir bereuen, die wir bedauern, über die wir uns ärgern dürfen, genauso auch dinge, über die wir heute lachen können und an die wir beide mit einem lächeln zurückdenken. nur er jetzt auf der einen und ich noch auf der anderen seite.

 

suzaku

Kommentar verfassen

Durch die weitere Nutzung der Seite stimmst du der Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen

Die Cookie-Einstellungen auf dieser Website sind auf "Cookies zulassen" eingestellt, um das beste Surferlebnis zu ermöglichen. Wenn du diese Website ohne Änderung der Cookie-Einstellungen verwendest oder auf "Akzeptieren" klickst, erklärst du sich damit einverstanden.

Schließen