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Schlagwort: beruf

Alte Muster.

Alte Muster.

samstagmittag und die arbeitswoche ist schon wieder so weit weg, dass es schwierig wird, sie zurückzuholen. naja, manch ein leser wäre sicher froh, nicht wieder was über die arbeit lesen zu müssen.

tobi ist nicht da, der ist heute brunchen bei seiner familie. ich wollte so schon nicht mit, aber ich bin etwas erkältungsmäßig angeschlagen, sodass ich eine gute ausrede hatte, nicht mit zu müssen. hatte ja schon mal erwähnt, dass ich mich familiär immer mehr zurückziehe, sowohl bei tobis familie als auch bei meiner. keine ahnung, ich mache immer weniger sachen, auf die ich keine lust habe, früher habe ich mich durch vieles aufgerafft, aber heute denke ich mir bei fast allem: „nö, hab ich keinen bock zu, also mach ich das jetzt auch nicht.“ betrifft eigentlich hauptsächlich so .. zwischenmenschliche kontakte, also meistens familiär bedingt. wobei ich aber auch sagen muss, dass freunde zu treffen mittlerweile sich auch sehr im rahmen hält. naja. kommen auch wieder andere zeiten.

ich verfalle in alte muster. alles verfällt in alte muster. alte muster sind leicht, einfach. neues ist schwer.

ich merke es immer mehr. diese woche noch einmal mehr als die woche zuvor. und die woche zuvor auch schon mehr als die davor.

er ist wie früher. nicht zu hundert prozent so wie in dieser zeit letztes jahr, kann er aber auch gar nicht sein. damals war alles noch neu. interessant. heute kennen wir uns. aber er ist so wie früher, nur eben jetzt vertrauter, bekannter.

dieses jahr gibt es ja keine weihnachtsfeier, die im rahmen der abteilung stattfindet, da die gruppen (nochmal zur erinnerung: jede abteilung besteht aus mehreren gruppen mit jeweils einem gruppenleiter und holly ist ja der abteilungsleiter der gesamten abteilung, wisst ihr aber ja sicher) abgestimmt hatten, dass gruppenintern die weihnachtsfeier stattfindet. witzig. mir fällt erst jetzt auf, dass unsere gruppenfeier heute stattfindet. ich nehme demnach nicht teil. jede gruppe feiert selbst und da holly offiziell keiner gruppe zugehörig ist, ist er dementsprechend nirgendwo eingeladen, was ihn sehr gekränkt hat. klar, vereinzelt haben schon welche zu ihm gesagt, er solle doch hier und da mitkommen, aber er bleibt da straight, nein, wenn so abgestimmt wurde, wird das auch so durchgeführt. ihm ist auch bewusst, dass in manchen gruppen durchaus er der grund ist oder zumindest sein könnte, weswegen so gestimmt wurde.

eine gute kollegin von mir, die auch schon seit zwanzig jahren in dem unternehmen arbeitet und entsprechend lange und eng mit holger befreundet ist, findet das mit der gruppenfeier genauso bescheuert wie ich. aber wir beide kommen mit holly auch sehr gut aus, deshalb finden wir das wohl auch doof. sie schlug vor einer weile daraufhin vor, dass wir doch privat einen „mädelsabend“ machen könnten, sie, ich, holger. mädelsabend xD ich hatte mich hier zurückgehalten, aus verschiedenen gründen, wie mir jetzt auffällt. intuitiv habe ich mich an der planung dieses mädelsabends rausgehalten, weil ich schmerzen einfach umschippern wollte. ich dachte mir nämlich schon, dass, wenn holger erfährt, in welcher besetzung dieser mädelsabend stattfinden sollte, er absagen würde. ich dachte mir schon, wenn er erfährt, dass ich da dabei bin, dann geht er bestimmt nicht mit und lässt sich eine billige ausrede einfallen.

auch wenn er sich selbst nicht so gibt (außer eben dieser kurzen zeit da im sommer nach seinem urlaub), denke ich immer, ich gehe ihm auf den sack. dass er sich nur mit mir abgibt, weil er sich selber reingeritten hat und es muss. dass er nur mit mir mittagessen geht, weil es so sein muss, weil es sonst auffällt. und ich wollte bei der organisation dieses mädelsabends nicht mithelfen, weil ich nicht ertragen hätte, wie er lustlos gesagt hätte: „ach nee, gerade keine zeit, keine lust, boah nee.“ wenn er auf etwas keinen bock hat, lässt er das nämlich schon sehr deutlich raus.

diese kollegin kam also neulich auf mich zu und machte ein datum aus, bei dem es zeitlich klappen würde, mit der bitte, ich solle holger, wenn ich eh mit ihm mittagessen gehe, doch mal fragen, ob das bei ihm auch so passen würde.

als ich in sein büro spazierte, war ich innerlich schon fest davon überzeugt, dass er gleich sagen würde, neeeeeeeee, keine lust da drauf, neeeeee, da kann er nicht, neeeeeee. dieses leidige „oah nee“ mit dem leidenden gesichtsausdruck, der mich immer an diesen einen whatsapp-smiley erinnert. ich schlenderte also rein und meinte: „du holly, wegen dem mädelsabend, gehts bei dir am siebten dezember?“ .. zum glück bin ich eine gute schauspielerin und konnte lockerflockig bleiben, lehnte mich lässig an seinen büroschrank mit meinem thermobecher in der hand. er schaute ins outlook, schaute dann auf, grinste mich an und meinte: „siebter klingt super. da hab ich urlaub, da kann man das durchaus mal andenken.“ – was? ich hatte so stark mit ablehnung gerechnet, dass ich total verwirrt war.

 

ein beispiel. ein beispiel von vielen.

jeden tag, wenn ich in sein büro schlendere, um ihn zum mittagessen abzuholen, rechne ich mit einem gestressten: „du, ich komm nach.“ jeden tag. und jeden tag denke ich mir, es hat mit mir zu tun. er will nicht mit mir essen gehen, insgeheim hofft er, dass, wenn er nachkäme, kein platz mehr bei mir frei und mich los ist.

nur ein einziges mal war das diese woche der fall. sonst lehnte er sich immer nach hinten, nahm einen schluck aus seiner wasserflasche, grinste mich an, setzte die flasche ab und sagte: „packen wirs!“ und dieses eine mal, an dem er das nicht tat, setzte er sich ja dann direkt zu mir. dieses eine mal, an dem wir ein tolles paar abgegeben hätten.

 

wenn ich morgens zu ihm ins büro schlenderte – das habe ich lange nicht mehr gemacht, weil er oft zu beschäftigt war und wenn ich ihm dann was erzählte, er stets seinen blick immer wieder auf den bildschirm richtete – legte er seine arbeit zur seite, lehnte sich zurück und unterhielt sich mit mir, mit dem blick auf mich gerichtet.

jeden tag, morgens, wenn ich meine wasserflasche auffülle, mache ich mich darauf gefasst, dass er eigentlich nur wieder in seinen bildschirm starrt, während ich ihm irgendwas erzähle. dass er es über sich ergehen lässt, ich mir doof vorkomme und dann mit einer belanglosen phrase wieder aus dem büro abhaue. und auf dem weg zurück zu meinem platz mir vornehme, morgen nicht mehr in sein büro zu gehen. jeden tag.

und jeden tag lehnte er sich nun zurück, grinste mich an und steuerte zu dem gespräch irgendetwas bei, das ich begonnen hatte.

jeden tag mache ich mich auf ablehnung gefasst, jeden tag hoffe ich gleichermaßen, dass ich unrecht behalte, wie dass ich hoffe, dass ich recht behalte. ich hoffe, er ist nett zu mir. und genauso hoffe ich, er ist es nicht.

 

gestern beim mittagessen brauchte ich zu lange in der schlange, das controlling setzte sich rund um holly und ich war ein paar plätze von ihm entfernt, saß etwas abseits. kotzte mich das an. und das, obwohl ich mit ihm zusammen hochgelaufen war. auf dem weg, die treppen hinauf, scherzten wir darüber, dass er abends mit dem laufkollegen, gegen den er die wette verloren hatte, saufen gehen müsste, worauf er keinen bock hatte, da er von der woche recht müde war. ich grinste: „tja, ich müsste morgen eigentlich brunchen gehen, aber habe keinen bock.“ – „ach wieso denn? musste nix selber machen, ist doch geil“ – „nee ey, früh aufstehen wegen bissl was zu essen? mir reichen brötchen mit irgendnem aufstrich, dann werde ich in meinem pyjama direkt vom bett zum sofa rübermachen und da genauso weiterpennen, mehr brauch ich nicht.“ – ich schaute nach links zu ihm rüber, ich war ihm eine stufe voraus, sodass unsere augen auf einer höhe waren. sein lächeln strahlte wärme aus, die wärme, von der ich schon tausend mal schrieb, die ich so liebe. er sah müde aus, lächelte mich immer noch an und meinte: „das würde ich dieses wochenende auch gerne machen.“ – ich dachte daran, was ich alles dafür tun würde, da nur einmal dabei sein zu können.

 

es ist so schwer. es ist so schwer.

ich weiß, verdammt nochmal, wie es für die leser ist. ich weiß, dass ich mich nur im kreis drehe, dass ich total ausgeliefert bin in diesem hamsterrad, ich weiß selber, wie dumm und hohl das alles ist, ich weiß es. ich langweile mich selber damit. und ich weiß, dass das ein zwang das ist, hier immer und immer wieder vom gleichen thema anzufangen.

und ich weiß, dass es total abgedroschen klingt, tausend mal wiederholt wie eine schallplatte mit kratzer (ich halte von diesen 0815 phrasen eigentlich gar nichts, wenn ich ehrlich bin), aber.. tatsächlich fühle ich erstmalig so.

ich habe mich in meinem leben noch nie so gefangen gefühlt in meinen eigenen gefühlen, in meiner eigenen sucht. nicht mal damals bei tobi. ich fühle mich wie eine marionette, kontrolliert von meiner eigenen sucht. ich fühle mich wie ein hund, der blind dem knochen folgt. geht der knochen nach links, gehe ich auch nach links, geht er nach rechts, gehe ich auch rechts. und wenn er sich im kreis dreht, tue ich das auch.

klar, ich hatte viele süchteleien in meinem leben, war oft abhängig von irgendjemandem oder irgendetwas, hatte extrem viele „räusche“, viel sucht, viel zwang, viel euphorie, der ich immer und immer wieder hinterher sprinten musste. aber ich habe mich noch nie so gefühlt wie jetzt.

 

als ich vor einem jahr, vor einem fucking verdammt jahr, gegoogled habe, wie andere leute damit umgehen, wenn sie sich in ihren chef verlieben, dann habe ich ähnliche situationen wie meine gelesen. teilweise frauen, die total glücklich mit ihrem mann waren, aber der andere, der war trotzdem auch wichtig. ich las den satz: „das geht nun schon fünf jahre so.“ ich bin fast vornüber gekippt, als ich das gelesen habe. – „fünf jahre? .. nee, also, bei mir geht das keine fünf jahre so. dazu bin ich viel zu wankelmütig und sprunghaft.“ nummer eins haben wir jetzt hinter uns. vier noch.

 

ich denke viel an seine frau. neulich habe ich auch von ihr geträumt. ich frage mich immer wieder, wie ihre stimme klingt. ich habe genaue vorstellungen von ihr. und ich würde mich umbringen, würde ich sie sehen. und dann denke ich mir wieder, es wäre vielleicht total gut, der mal über den weg zu laufen. ernüchternd. in meiner fantasie gehört er mir. und er gehört mir sehr oft. sie zu treffen würde all meine fantasien vergiften, denke ich mir. aber ich glaube, das wäre auch wieder nur wie ein tropfen schwarze tinte in einen bottich voll wasser. verfliegt schnell wieder und am ende merkt man gar nichts mehr davon. genauso wie mein geständnis, es scheint total verflogen zu sein. überall und bei jedem. alte muster.

 

leben beginnt außerhalb der komfortzone, heißt es. therapie übrigens auch. immer dort, wo es weh tut, ist man richtig. immer, wenn ich ein problem habe, ein emotionales, zwischenmenschliches, gedankliches, suche ich den schmerz und weiß: „hier bin ich richtig.“

wo finde ich hier den schmerz? ich finde ihn im kündigen. ich schwöre bei allem, was mir heilig ist, dass dies nichts mit holly zu tun hat, aber das will ich nicht. das will ich einfach nicht. ich liebe diese firma. ich liebe die menschen, ich liebe meine position darin. alles an dieser firma ist toll. mal unabhängig von den rahmenbedingungen, die keine andere firma mir in meiner gegend bieten kann. nicht umsonst wollte ich genau da hin.

weniger zeit mit ihm verbringen? .. auch wenn andere lachen, aber.. ist mir zu wenig extrem. ich tue mir sehr schwer dinge einfach nur zu reduzieren als sie komplett sein zu lassen. nicht umsonst trinken trockene alkoholiker einfach gar nichts, statt nur einmal die woche.

 

ich weiß, und das hier ist der bequeme weg. hoffen. hoffen ist der bequeme weg. aber ich hoffe immer – ich weiß auch, dass es vergebens ist – dass er irgendwann mal scheiße zu mir ist. unfreundlich. oder dass er mich einfach nicht mehr leiden kann. so wie im sommer, als er nach seinem urlaub eine zeitlang so distanziert war, ich frage mich immer noch warum. am besten, er wäre noch schlimmer. dass er sagt, er will nicht mehr mit mir essen gehen, dass ihm alles zu eng wird. wird er aber nicht.

 

„unser gruppenleiter hat uns neulich die neuen regeln bzgl. der weihnachtsfeier verkündet. es gibt ja doch etwas alkohol?“, sprach ich verwundert, als ich diese woche mal in seinem büro stand. letztes jahr haben einige mitarbeiter, was alkohol angeht, ziemlich übertrieben. mehrere sind betrunken gefahren, es gab zwei autounfälle deshalb, einer sogar mit personenschaden. woanders sind welche durch die scheibe einer bar gebrochen, weil sie von der firmenfeier so besoffen waren. dieses jahr wollte die geschäftsleitung alkohol komplett unterbinden, hat sich jetzt aber dafür entschieden, ihn nur stark zu reduzieren. – „ja, es gibt halt weniger. bier und sekt für die abteilungen. und man darf selber nichts mehr mitbringen.“ – „ja toll, gerade den wein streichen sie. das einzige, was ich trinke“, ich lachte. – „ach, ich denke, in der kantine wird schon noch wein ausgeschenkt.“ – „ja, wenn es weniger gibt, gehen halt alle früher heim. dann isses halt so“, ich zuckte teilnahmslos mit den schultern. er grinste mich an und meinte: „ja, wir ziehen dann einfach wieder weiter. so wie letztes jahr. wir müssen ja nicht bis ewig hier in der firma bleiben.“ seine augen funkelten wie immer, wenn sowas in der art ansteht. er grinste mich an. ich zuckte wieder mit den schultern, dieses mal aber etwas lächelnd und leicht überrascht und meinte: „joa“, er strahlte.

 

weit weg davon, scheiße zu mir zu sein.

suzaku

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