Georg und das Tagebuch.

Georg und das Tagebuch.

so, ich sitze gerade im zug, fahre gerade von georg nach hause. er hat mich heute morgen zum bahnhof gebracht und ich sitze aktuell im letzten zug von mehreren, in vierzig minuten bin ich da.

irgendwie ist das alles total komisch. also es war auch komisch gestern bei denen zuhause zu sein, ohne, dass herr und dame des hauses da sind.

ich hatte ja gestern geschrieben, dass ich meinen jahresrückblick anfange, also am ende des letzten eintrags. tatsächlich habe ich mit januar angefangen und habe es nicht mal geschafft den kompletten januar fertig zu schreiben. nicht, weil es so viel war oder weil ich dann doch zu wenig zeit hatte, sondern weil ich mir so .. gedanken gemacht habe. es war irgendwie komisch tagebuch in deren haus zu schreiben, vorallem, weil georg ja nicht weiß, dass ich öffentlich tagebuch schreibe.

mir ist bewusst, dass ich niemandem, über den ich schreibe, schuldig bin, von meinem tagebuch zu erzählen, solange ich diese person komplett anonym behandle und dessen privatsphäre nicht verletze. ich poste weder bilder von georg, noch weiß jemand wo er wohnt, wie alt er ist, was für einen job er macht, wo wir uns kennengelernt haben, wo die clubs sind, wo ich hingehe oder sonst irgendetwas. in meinem echten leben wissen die wenigstens, dass ich online tagebuch schreibe. also nicht, dass es quasi ein geheimnis ist, aber das tagebuch ist mittlerweile schon so lange bestandteil meines lebens, dass ich nicht akut den drang verspüre, jemandem von dieser „neuigkeit“ zu erzählen. ein paar meiner freunde wissen, dass ich ein online tagebuch besitze oder wussten es vielleicht mal und haben es teilweise wieder vergessen, aber tatsächlich hat nie einer groß interesse daran gezeigt es lesen zu wollen.

auf dem verlängerten wochenende, wo tobi und ich waren mit unserer georg-swinger-clique, das war ja im april und da kannten wir georg und hannah und den rest der gruppe sowieso noch gar nicht so gut, hatte georg mich im gespräch mit einer weiteren person (die, von der ich dachte, dass sie die mittwochsbitch sei) einfach so während eines spaziergangs gefragt, was ich so für hobbies hätte. und wie gesagt, da kannte ich georg ja auch noch nicht so recht, wusste also auch nicht, dass er so … super aufmerksam und interessiert ist. ich hab dann beiläufig erwähnt, dass ich tagebuch schreibe, also nicht öffentlich, sondern dass ich es überhaupt tue. manche meiner freunde oder bekannte im umkreis kennen auch diese version, von wegen, ich schreibe tagebuch, aber die denken halt irgendwie privat für mich selber. jedenfalls war von anfang an georg wahnsinnig fasziniert von diesem thema, er hat direkt nachgefragt, wie lange ich das schon täte und als ich meinte, ich schreibe schon seit über zwanzig jahren, war das natürlich ein krasses thema für ihn. irgendwie hat sich über die monate das so ergeben, dass er immer wieder danach gefragt hatte, aber nicht, weil er nosy sein wollte, sondern einfach nur interessiert an mir, an meiner person, meinen hobbies, meinen gedanken und nicht, weil er den inhalt erfragen wollte. er hätte mich auch sonst danach gefragt, was ich den nachmittag oder morgen über gemacht habe, ob ich nun mit „tagebuch schreiben“ antworte oder mit „ne tischdecke häkeln“. er hat auch nie nach dem inhalt gefragt, sondern es war so mehr oder weniger klar – auch weil ich es erzählt habe – dass ich natürlich auch über ihn, über das swingen, über meine erfahrungen, über die parties und wochenenden schreibe. er fragte auch öfter, ob mir beim schreiben irgendwelche nachträglichen gedanken kamen, irgendetwas, über das ich reden wolle oder so, also mehr im sinne von dass er wissen wollte, wie ich dieses und jenes verarbeite und in welchem prozess der verarbeitung ich gerade stecke.

und je öfter wir darüber gesprochen haben, desto größer wurde mein schlechtes gewissen. nicht, weil ich ihm schuldig bin von dem öffentlichkeits-status meines tagebuchs zu berichten oder weil er irgendeinen anspruch darauf hätte oder so, sondern .. weil es für mich trotzdem ein wahnsinnig riesiger elefant im raum ist, der da steht, mich anstarrt und unausgesprochen bleibt.

seit monaten war ich immer wieder mit mir am hadern, ob ich ihm davon erzählen soll. und wenn ja wie viel und was genau. und wie. dazu will ich sagen, dass ich selbstverständlich nur davon rede, ihm zu sagen, dass es öffentlich ist und auch, dass ich davon erzähle, aber nicht, dass ich es ihn lesen lasse oder ihm gar den link zukommen lasse. das würde er auch nie erfragen. und es ist ja auch klar, dass ich niemals mehr frei über georg schreiben könnte, sobald ich wüsste, dass er zur leserschaft gehört.

georg ist ein mensch, der extrem viel wert auf ehrlichkeit legt. und ich will auch hier nochmal betonen, dass ehrlichkeit nichts damit zu tun hat, vollkommen gläsern für den anderen zu sein, aber für mich ist das ein so großer fakt irgendwie, sodass es sich schlichtweg wie unehrlichkeit anfühlt, ihm nichts davon zu sagen. und weil ich natürlich diese seite, bzw. diesen filter nicht vorenthalten will. mit ihm über das tagebuch zu reden und zu wissen, er denkt, es sei privat, fühlt sich komplett anders an – also nicht nur die „lüge“ an für sich, sondern einfach, weil ich mir vorstelle wie es für ihn wirkt, wenn ich privat schreibe. ich kann ja schlecht sagen: „die leser waren sooo geflasht, als du mich wegen d/s gefragt hast“, wenn er von keinen lesern weiß. und dann wirkt ein: „georg hat mich nach d/s gefragt“ gleich komplett anders als wenn er denkt, ich schreibe nur für mich alleine.

als ich dann gestern bei denen zuhause am esszimmertisch saß und versucht habe den jahresrückblick zu schreiben, war das quasi der gipfel vom gefühl einer lüge. die ganze georg geschichte von diesem jahr nachzuerzählen, im haus von georg, wenn dieser nicht weiß, dass er irgendwo im internet die hauptrolle einer kleinen soap spielt.

gestern abend, als georg gerade zehn minuten daheim war, kam dann – ungeplanterweise – hannah auch nach hause. sie wollte eigentlich früher feierabend machen, kurz daheim duschen, ihre sachen packen und zu ihrem f+ fahren, aber ihr date hatte für den abend abgesagt. also hat hannah noch abendessen gekocht, während ich noch die restliche wäsche zusammengelegt habe und wir haben anschließend zu dritt zu abend gegessen. hannah hat sich dann in ihr handarbeitszimmer zurückgezogen und ein bisschen genäht, während georg und ich im wohnzimmer blieben, gekuschelt, geredet und später auch sex gehabt haben.

ich hatte mich während des ganzen tages schon in diese nervosität selbst hineingeredet, hineingearbeitet, hineingesteigert. ich bin jemand, der immer mit dem absoluten worst case rechnet, obwohl ich verstandesmäßig natürlich wusste, dass es eher unwahrscheinlich ist, dass georg ausrastet, sauer oder enttäuscht sein würde. aber ich hab einfach mal präventiv mit allem gerechnet, ich gebe zu, dass ich mich sogar innerlich damit auseinander gesetzt habe, wie es wäre, wenn er das als absoluten vertrauensbruch empfände und alles beenden würde. ich gehe einen schritt weiter, ich habe mich dabei erwischt, dass ich vorsichtshalber alle meine sachen zusammengepackt habe für den fall, dass ich bei einem möglichen streit sofort da weg wollte.

nach dem essen lagen wir zusammen auf der couch, haben gekuschelt. georg ging es auch nicht ganz so gut, er war relativ platt, eine sich anbahnende erkältung.

„es gibt etwas, was ich schon länger sagen wollte. etwas, was ich schon die ganze zeit mit mir rumtrage und mir zunehmend ein schlechtes gewissen bereitet, weil es sich für mich wie lügen anfühlt, obwohl ich weiß, dass lügen etwas anderes ist als etwas nicht aktiv an- oder auszusprechen.“ – er sagte nichts, er blieb genauso gelassen auf der couch liegen, angelehnt an die lehne, kopf nach hinten in den nacken gelegt und augen geschlossen. ich glaube aber, er war nicht so gelassen nach meiner ankündigung, wie er wirkte, sondern innerlich eher angespannt, was da käme. – „das tagebuch ist ein blog im internet. das heißt, das können auch andere lesen.“ – er sagte wieder nichts, er ließ mich einfach weitersprechen. und das tat ich. – „ich behandle die personen um mich herum, die darin natürlich auch eine rolle spielen, anonym. also man weiß nicht, wo die clubs sind, auf welche parties ich gehe, ich poste die parties teilweise auch zeitversetzt oder mit falschem datum, ich benutze keine echten namen, man weiß nicht, was die leute für jobs haben, wo sie wohnen etc. ich mache das seit über zwanzig jahren und ich versuche allmögliche sicherheitsvorkehrungen zu treffen, dass die leute, die darin vorkommen, nicht erkennbar sind. ich habe auch keine wahnsinnige reichweite, keine tausenden follower, ich schalte keine werbung, verwende keine hashtags, um mehr leute auf mich aufmerksam zu machen. ich habe meine handvoll leser, die schon seit über zwanzig jahren dabei sind, und es werden eher weniger als mehr. alles, was ich als irgendwie ‚pikant‘ oder intim empfinde, versehe ich mit passwörtern, sodass man, wenn man quasi, was schon hochgradig unwahrscheinlich ist, übers googlen drüber stolpert, nicht ad hoc alles mit einem klick lesen kann.“ ich habe noch alles mögliche weitererzählt ohne dass er eine miene verzog oder einen mucks machte, ohne dass er sich rührte. irgendwann hatte ich dann genug gesagt. seine erste reaktion war, dass er, weiterhin mit geschlossenen augen, weiterhin angelehnt an die couch, mich zu sich herzog, mich an seine brust platzierte, seinen arm um mich legte. wir lagen ineinander verkuschelt und er flüsterte liebevoll: „danke für dein vertrauen und deine offenheit.“

milliarden steine vom herz gefallen.

wir unterhielten uns eine ganze weile über das tagebuch. er fragte alles mögliche. aber immer mit einer tiefen, inneren ruhe, also nicht euphorisch, hektisch, neugierig, nosy. sondern sehr bedacht, sehr verständnisvoll, sehr einfühlsam und rücksichtsvoll. er betrachtete es eher als geschenk, dass ich ihm davon erzählt habe und in keinster weise, dass ich es ihm schuldig gewesen wäre oder dass ich überhaupt in irgendeiner weise ein schlechtes gewissen deshalb hätte haben müssen. er fragte auch, ob tobi das tagebuch kenne und wenn ja, ob er es lesen würde. – „manchmal, aber nicht so wirklich.“ – „weil er das nicht möchte oder weil du das nicht möchtest?“ – „ich glaube, so ein bisschen von beidem. und weil ich ihm eh alles so erzähle, er braucht eigentlich nichts nachlesen, wir sprechen ja so auch über alles.“ ich sagte, dass aus meinem realen leben niemand das tagebuch lesen würde, die paar wenigen freunde, denen ich es irgendwann mal beiläufig gesagt habe, interessiere es auch nicht wirklich und ich habe eigentlich auch nie den drang davon zu erzählen. – „und wieso hast du es dann mir erzählt?“ – „weil wir uns mittlerweile so nahe stehen und du das tagebuch selber auch immer wieder erwähnt hattest. und es fühlte sich einfach irgendwann nicht mehr richtig an, zu wissen, dass du glaubst, es sei ein privates tagebuch für mich allein. und wann immer du davon gesprochen hast, hatte ich so ein dumpfes schlechtes gewissen.“ – er hat sich daraufhin entschuldigt (süß, ne? ;_; <3), es wäre nie so gemeint gewesen, dass er mich in irgendeiner weise dazu bringen wollte, es ihn lesen zu lassen oder mir das gefühl geben, dass er einen anspruch darauf erheben wollte (auch wenn er natürlich weiß, dass er in meinem tagebuch eine sehr große rolle spielt). er fände es halt so faszinierend, weil er noch nie einem menschen begegnet ist, der so intensiv und so lange tagebuch schreibt. – „fühlst du dich manchmal deinen lesern gegenüber verpflichtet immer weiterzuschreiben?“ – „nee, eigentlich nicht. mir ist bewusst, dass es eine reine freiwilligkeit ist, die leser an meinem leben teilhaben zu lassen und keiner anspruch darauf hat zu wissen, wie meine soap weitergeht.“ – „schreiben die dir dann auch kommentare? und wenn ja, antwortest du da drauf, also interagierst du mit ihnen?“ – „ja schon.“ wir haben echt lange darüber geredet. er wollte auch wissen, wie ich erstmalig darauf kam, tagebuch im internet zu schreiben. da habe ich von tabris erzählt, von funonline (das kannte er schon, auch vom homopin oder dass ich mit kai, anne und jen zusammen war und wie diese beziehungen entstanden sind) und wie alles mit einer bestimmten tagebuchseite begann. ich hab ihm hier und da von manchen sachen erzählt, mit denen man sich im laufe eines tagebuchlebens konfrontiert fühlt, sei es dem zwiespalt, wenn man in seinen chef verliebt ist und darüber im internet schreibt und gleich doppelt – noch mehr als sonst – danach schaut, dass kein arbeitskollege drüberstolpert. oder wie es ist, wenn du plötzlich eine message erhältst, in der jemand schreibt, durch das lesen einer deiner einträge habe derjenige bestimmte themen an sich erkannt, sich hilfe geholt und befände sich nun in therapie. und dass du bzw. dein tagebucheintrag der grund sei, dass die beziehung zu den eigenen kindern nun besser sei und sie einem dafür danken. oder auch, was es mit dem schwarzen loch auf sich hatte, die story kennt er ja, also besser als ihr, aber auch den konflikt, warum es dieser nie detailliert ins tagebuch geschafft hat. oder wie mir mal jemand, vor bald zwanzig jahren, eine message geschickt hat mit: „sag mal, kann das sein, dass du vorher in köln auf der xy-straße im woyton gesessen bist? dann habe ich dich gesehen.“ (und damit recht hatte.) ich habe erzählt, wie es als teenager war, wenn man mit jemandem zusammen gewesen ist, der auch tagebuch geschrieben hat; dass man miteinander telefoniert und sich eigentlich nichts mehr zu erzählen hat, weil man den kompletten tag jeweils beim anderen online im tagebuch nachgelesen hat. und was es mit einem macht, wenn man so ein hobby sein quasi ganzes leben lang betreibt, was es mit der reflexion macht, was es mit einem macht, sein leben vor publikum zu leben, mal ganz egal, wie groß dieses ist. georg ist, wie ich ja schon zig mal erwähnt habe, extrem intelligent, und ich glaube, ihm hat das ganz neue horizonte über mich eröffnet, in mein denken, meiner entwicklung, meinen charakter.

irgendwann hat er mich dann angelächelt. wir haben die ganze zeit, während wir sprachen, uns nicht angeschaut. er schaute mich an und meinte leise, zärtlich: „na dann bleibt mir nichts anderes zu sagen, als dass ich dir bei diesem hobby weiterhin viel spaß wünsche.“ .. später witzelte er noch so: „na toll und ich schreibe dir eine kurzgeschichte. ich, totaler anfänger, und du der vollblutprofi mit 24 jahren schreiberfahrung, das war ja dann voll peinlich.“ XDDDDD naja, ich find jetzt nicht, dass mein tagebuch anwärter auf einen pulitzer ist, aber gut, das weiß er ja nicht XD VIELLEICHT HAB ICH JA EINEN PULITZER, WER WEISS DAS SCHON! LOL.

er hatte mich ja auch, als wir beim abendessen saßen, gefragt, wie weit ich mit meinem jahresrückblick gekommen sei. ich hatte ihm vor tagen schon erzählt, dass ich, wenn die beiden auf arbeit sind und ich bei ihnen alleine rumhocke, dann mich an den laptop setzen würde. er konnte sich schon denken, was ich da mache, daher hab ich ihm erzählt, dass ich jedes jahr einen jahresrückblick schreibe. – „ich hab nicht mal den januar voll geschafft, irgendwie war ich nicht in schreiblaune.“ – später hab ich ihm erzählt, dass ich so angst vor dem gespräch hatte und aufgrund dessen mich nicht auf den jahresrückblick konzentrieren konnte. – „ach du“, er hat mich sofort noch ein stückchen fester an sich rangedrückt, „es ist doch alles gut. und du weißt, ich würde es sagen, wenn ich es anders empfinden würde“, sagte er, als er seine wange auf meinen kopf legte.

 

tja. so war das. nun weiß der liebe georg also auch von eurer existenz und nicht nur ihr von seiner lol. aber wie gesagt, den link wird er natürlich never kriegen und den will er auch gar nicht, wir haben auch kein bisschen darüber geredet, weil es klar ist, dass sein lesen mein schreiben beeinflussen würde und er das mit dem gläsern übrigens genauso sieht wie ich. in etwas anderen worten hat er es nämlich auch nochmal gesagt.

joa. vielleicht …. schaff ichs ja jetzt mal den jahresrückblick weiterzuschreiben. aber davor mach ich ein bisschen wäsche. zur abwechslung mal meine eigene.

suzaku