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Autor: Suzaku

Vielleicht ist es ja ganz leicht.

Vielleicht ist es ja ganz leicht.

ich hatte mir die tage überlegt, ob ich nicht nochmal meine therapeutin anrufen sollte.

im frühjahr haben wir einvernehmlich die therapie beendet mit der begründung, dass ich sie nicht mehr benötige und dass es auch in all meiner hpa-euphorie keinen sinn macht, über meine dummheitsgeschichte zu reden. denn meine große angst, auf arbeit dumm dazustehen, wird ja maßgeblich durch hpa beeinflusst, sowohl negativ als auch positiv. ich hatte nur in etwa zwei drittel der termine, die mir von der kasse bewilligt wurden, in anspruch genommen.

um ehrlich zu sein, sah ich auch keinen großen sinn in einer verhaltenstherapie. die psychoanalyse hat mir irgendwie mehr behagt, ich fand, aus der verhaltenstherapie konnte ich nie wirklich viel mitnehmen. weiß auch nicht. vielleicht lags auch einfach an der therapeutin, oder am zeitpunkt, oder an meinem problem. keine ahnung.

dann dachte ich jedoch neulich daran, wie ich schrieb, dass kündigen eine option wäre, hpa zu vergessen. für mich ist das aber keine option. doch wie kann ich meinen alltag und mein verhalten sonst ändern? und hier fiel mir die verhaltenstherapie ein.

aber – wie immer in der therapie -, man weiß die antwort eigentlich schon selbst, und das nicht erst seit gestern. zumindest weils ich den lösungsansatz, ob der tatsächlich was bringt, kann ich erst sagen, wenn ich den überhaupt versucht habe.

ich sollte aufhören mit ihm essen zu gehen. aufhören in sein büro zu gehen. ich sollte aufhören jeden morgen sein outlook zu checken, um zu gucken, wann er da ist. ich sollte aufhören immer auf gelegenheiten wie betriebsfeiern zu hoffen, an denen ich zeit mit ihm verbringen kann. und das allerwichtigste, ich sollte aufhören ihn als gedankliche entspannung zu missbrauchen. an ihn zu denken bereitet mir einfach absolutes wohlgefühl. und immer, wenn mir Iangweilig ist, ich müde bin, traurig oder einfach nur einen leerlauf habe, dann denke ich an ihn.

an ihn zu denken ist wie der erste biss ins Iieblingsessen, wenn man schon seit einer stunde hunger hatte. es ist das gefühl auf der wange, wenn man abends nach einem langen tag seinen kopf auf das frisch aufgeschüttelte kissen legt. der erste heiße wasserstrahl auf dem körper, wenn man sich nach einem 10km-Iauf draußen in der kälte unter die aufwärmende dusche stellt.

und dieser gedanke ist immer greifbar. wohlgefühl auf knopfdruck. es kostet kein geld, man wird nicht dick davon, muss dafür nicht irgendwas erledigen und man braucht auch physisch niemand anderen dazu. und es geht überall, wann immer man will.

was war eigentlich davor? wenn etwas passiert, das einen gedanklich vollkommen einnimmt, und wenn man eine weile darin gefangen ist, dann fragt man sich irgendwann: was war eigentlich, bevor das passiert ist?

als mein vater den schlaganfall hatte, hat das mit einem schlag alles verändert. von morgens bis abends, ohne pause, dachte man daran. man konnte den gedanken gar nicht „fertig denken“, es gab immer wieder neues, was einem dazu einfiel.

so penetrant sind nicht nur schlaganfälle, tode, schicksalschläge im allgemeinen, genauso penetrant ist auch verliebtsein.

nun, was davor war, das kann ich in meinem tagebuch nachlesen. eigentlich. bringt aber nix, oder? ich frage mich, woran ich früher abends beim einschlafen dachte.

aber manchmal frage ich mich, ob es nicht sogar vielleicht ganz leicht ist. man denkt von allem, es sei so super schwer und hat man das endlich mal gemacht, wundert man sich fast immer: „so schlimm war das ja gar nicht.“

es ist wie sport. wenn man auf dem sofa sitzt und sich denkt: „fuck, ich sollte noch was tun“, und es ewig vor sich herschiebt. wenn man es aber „einfach“ tut, in dem moment, in dem man sich „fuck“ denkt, nicht weiterdenkt, sondern einfach aufsteht und ne runde um den block läuft, dann weiß man hinterher: „war doch eigentlich gar nicht so schwierig.“

es ist wie eine phobie. wenn einen die unglaubliche angst packt, man rumdruckst und sich vorstellt, was alles schlimmes passieren kann, anstatt es „einfach“ zu tun. angst vorm telefonieren? dann wählste jetzt die nummer und ups, sobald der typ am anderen ende der Ieitung rangeht, ist es schon zu spät. schon passiert. schon hinter dir.

vielleicht ist es ja auch ganz leicht, einfach mal nicht mehr an ihn zu denken. als ich aufhörte, im tagebuch jeden nachmittag bericht zu erstatten, als ich aufhörte, jeden krümeI über ihn aufzuschreiben, war es einen tag lang ungewohnt. nicht mal schwer, nur eben anders. danach wars egal. war also doch ganz einfach?

die macht des vergessens darf man nie vergessen. mit einem schlag wird einem bewusst, dass man manche sachen schon ewig nicht mehr getan oder gedacht hat, schmunzelt kurz darüber und macht genauso weiter wie bis zu diesem moment des bewusstwerdens, ohne jene alte eigenschaft wieder aufzunehmen.

nicht mehr an ihn zu denken. probier ich jetzt mal.

suzaku

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