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Schlagwort: eltern

Was mich seit einem Jahr fasziniert.

Was mich seit einem Jahr fasziniert.

so, es ist samstagnachmittag, kurz nach drei, ich sitze im wohnzimmer, habe die ganze zeit gerade gebügelt und irgendwie vorher auch bissl was schlechtes wohl gegessen, zumindest hab ich so ein bisschen bauchschmerzen. naja. eigentlich auch keine lust tagebuch zu schreiben, aber ich hatte mir für heute vorgenommen, auf jeden fall zu schreiben. ich möchte auch entweder heute oder morgen noch den eintrag zum cube machen, also zu der demo, bei der ich neulich war. nächste woche findet übrigens wahrscheinlich die nächste statt, bis spätestens dahin möchte ich auf jeden fall noch den eintrag dazu schreiben.

aber jetzt erstmal was anderes, da ich gestern ein interessantes gespräch hatte. eins, was ich in dem umfang schon lange nicht mehr hatte, gefühlt seit zwei jahren nicht mehr.

und zwar habe ich eine freundin aus der klinik, also die war in meiner therapiegruppe vor zwei jahren, mit der ich seit monaten immer mal wieder im whatsapp schreibe (und spreche, also sprachnachrichten). in der klinik hatten wir leider nicht viel kontakt zueinander, weil sie erst spät kam, kurz vor meiner entlassung, aber irgendwie haben wir uns gut verstanden und, wenn es auch erst viel später war, haben wir so den kontakt zueinander wiedergefunden, während er eigentlich lange zeit nach der klinik mehr oder weniger komplett weg war. (also nur innerhalb der therapiegruppe im whatsappgruppenchat).

sie kriegt auch seit monaten in großem umfang die ganze geschichte mit holly mit, interessiert sich auch sehr dafür und fragt immer wieder nach, was es da neues gäbe.

 

und gestern stellte sie mir eine frage, die mich endlich mal das ganze von einer anderen seite beleuchten ließ. eine frage, die mir irgendwie seit knapp einem jahr in dem stil noch keiner gestellt hatte.

 

sie fragte mich: suza, was fasziniert dich an dem kerl? ich versteh es nicht, du hast doch schon durchgestiegen, dass er in vielen bereichen nicht die hellste kerze auf der torte ist, in vielen schwierig und oberflächlich, aber trotzdem schafft er es, dich immer und immer wieder zu begeistern und zu faszinieren.

 

wow.

okay.

 

ich habe, so dumm das klingt, obwohl ich seit einem jahr nichts anderes schreibe, lebe, atme, fühle, nie so recht drüber nachgedacht. die frage habe ich ihr schon beantwortet und während meiner dreizehnminütigen sprachnachricht gingen mir sämtliche lichter auf, wie ich es nur von der therapie aus der klinik kannte. so, wie es meine ambulante therapeutin, in knapp einem jahr einmal-pro-woche-holly-gerede nicht geschafft hatte.

zuerst wusste ich überhaupt nicht, was man auf so eine frage überhaupt antworten soll. keine ahnung. wie kann man aufzählen, was oder warum man etwas mag? man mag es einfach. aber das stimmt nicht. zumindest gibt es anhaltspunkte, die teile des mögens erklären.

 

na zu allererst fallen einem zig oberflächliche sachen ein, ich mag sein aussehen, wie er sich bewegt, seine stimme, wie er spricht, das gesamte äußere erscheinungsbild. aber je eindringlicher man sich darüber gedanken macht, desto eher kommt man, oder in dem falle ich, auf die antwort. wenn ich daran denke, was mir gefällt, was mir an der „beziehung“ zwischen uns beiden gefällt, fallen mir als allererstes bestimmte szenen ein. zum beispiel, wenn er in seinem büro sitzt und ich laufe da rein, ich sehe diesen doch schon viel älteren mann da sitzen, absolut aus dem raster meines sonstigen „beuteschemas“ fallend, ich laufe da hin, er schaut auf und lächelt mich mit seinem so super warmherzigen lächeln an. ich fühle mich dabei geborgen. und zwar nicht wie man sich von einer person, die einem ebenbürtig ist, geborgen fühlt, sondern von einer person, die über einem steht. in welcher lage jetzt auch immer, sei es alter, wissen, intelligenz, gesellschaftlicher position, finanzieller lage, whatever. es ist die geborgenheit ausstrahlend von jemandem, der einen umsorgt, einen beschützt, der über einem steht. einer person, zu der man aufschaut. wenn ich an ihn denke und mich frage, was mir an ihm gefällt, fällt mir als erstes dieses lächeln ein, auch, wenn wir zum beispiel irgendwo unterwegs sind, von der kantine zu seinem büro etc, wir sprechen miteinander, ich schaue zu ihm auf und er lächelt mich mit dieser wärme im gesicht von oben zu mir herunter an. es ist die geborgenheit, die ich als kind nicht bekommen habe. es ist das, was ich seit jeher immer bei älteren menschen gesucht habe. schon von klein auf. als kind habe ich immer die nähe von erwachsenen gesucht, im kindergarten habe ich am liebsten mit den kindergärtnern gespielt, ich habe oft zeit verbracht mit den eltern meiner freunde, oftmals sogar, wenn meine freunde gar nicht daheim waren. die suche nach aufmerksamkeit und anerkennung von menschen, die älter sind und über einem stehen, weil ich meinen eltern eigentlich immer am arsch vorbeigegangen bin. lob hat man da eh nie bekommen und zeit oder nerven hatten sie auch keine.

das ist das eine.

das andere ist, wie meine leser wissen, fühle ich mich seit jeher dumm. ich weiß, so verstandesmäßig, dass ich nicht dumm bin, ich empfinde, rein emotional gesehen, mich aber als dumm. gerade diese ads-geschichte erklärt, warum ich eigentlich gar nicht anders kann, als mich dumm zu fühlen. in der schule haben alle alles kapiert, alle wussten so was abgeht und ich, weil ich mal wieder unbemerkt in einer träumerei gesteckt habe, wusste mal wieder nicht, dass dieses und jenes zur hausaufgabe gehörte oder wie dieser lösungsansatz funktionierte. alle habens kapiert, nur ich war wieder zu dumm dazu. (war ich ja nicht, ich hatte es nur aufgrund meiner verträumtheit nicht mitbekommen und dieses noch nicht mal gecheckt.) seither ist mein innerer grundsatz: ich bin dumm.

ich weiß, dass holly in viererlei dinge defizite aufweist. eines seiner größten defizite sind seine sozialkompetenzen. er ist einfach ein schwieriger mensch, reflektiert sich, so wie es scheint, ziemlich wenig, was wiederum zu meinen stärken gehört. er fühlt sich wenig in andere ein und versteht teilweise nicht mal, dass und warum er anderen menschen vor den kopf stößt.

so oft empfinde ich ihn, trotz seines alters, daher als unbeholfenen, kleinen jungen, dem ich gerne helfen will. gerade, weil ich halt vieles verstehe, was um ihn herum geschieht, was er nicht sieht und nicht erfasst. so oft möchte ich, wenn er mal wieder ausgerastet ist und um ihn herum alle nur heimlich den kopf schütteln und er es gar nicht merkt, vermitteln, was gerade passiert ist. gerade, weil ich oft sehe, dass er eigentlich kein schlechtes mensch ist, sondern in vielen dingen tatsächlich einfach .. nicht anders kann.

und da kommt eines zum anderen, endlich bin ich mal nicht die dumme. ich fühle mich schlau. er hat einen schwachpunkt genau an der stelle, an der ich meine stärke sehe. endlich befriedigung für mein inneres defizit. endlich bin ich auch mal jemand, der was drauf hat.

 

und so stopft er seit fast einem jahr zwei abartig riesige löcher in meiner kaputten kindheitsseele. mehr noch, genau genommen kann man sogar sagen, dass da noch eins ist. indem er nämlich von den meisten kollegen und mitarbeitern aufgrund seiner schwierigen persönlichkeit gemieden und nicht gemocht wird, hat er so eine opferrolle inne. und wer mich kennt und wer mich schon länger liest, weiß, dass ich schon immer zu den außenseitern hielt. zu den schwächeren, zu den einsamen, zu den opfern. wenn andere mal wieder über ihn herziehen, kann ich einfach nicht anders und muss ihn verteidigen. genauso wie ich jeden immer verteidigt habe, der von der masse ausgegrenzt wurde, schon mein leben lang. wie heißt es so schön? adsler haben einen stark ausgeprägten gerechtigkeitssinn. (ich mag so verlinkungen eigentlich nicht, aber ich habe zum thema ads und gerechtigkeit hier einen interessanten text gefunden.)

 

als ich diese frage so in dieser dreizehnminütigen sprachnachricht an meine freundin mit genau dieser sache beantwortete, fühlte es sich an, als wären mir sämtliche scheuklappen abgefallen.

 

weiter noch, wenn ich das nun auf meine aktuelle beziehung übertrage, macht hier auch vieles sinn.

 

und zwar.. ich fühle mich dumm. ich fühle mich in meiner beziehung dumm. und das ist mir bis dato eigentlich gar nicht so bewusst gewesen, aber es ist so. ich fühle mich, als könne ich tobi nichts wertvolles zurückgeben, gar nichts. ich komme jeden tag nach hause und dann suche ich erstmal meinen schlüssel, meine schuhe, meine tasche, mein handy, alles. ads. und dann kommt tobi, der von seinem naturell her schon sehr ordentlich, organisiert und tausendmal pingeliger ist als ich, und sagt: „schatz, deine schuhe sind im flur, das handy auf dem schuhschrank, deine tasche hast du in den schrank geräumt und hier ist dein schlüssel.“ – bam. ich weiß, dass er es nicht böse meint, sondern nur gut, er will ja auch nicht, dass ich mir einen wolf suche und dann aggressiv werde. er hat es sich sogar unterbewusst angewöhnt, sich alles zu merken, wo was liegt, damit er meine sucherei schon im vornherein vorbeugen kann. aber so fühle ich mich dumm. er kommt mit meinem leben besser klar als ich selber. weiß besser, was mit meinen eigenen sachen ist, als ich selbst. und nicht nur das, tobi ist ja so ein it’ler und demnach bastelt er auch gerne an verschiedenen elektrogeräten und deren.. ja, software und vernetzung. sprich, wenn die sonne untergeht und es nur noch soundso hell draußen ist, geht plötzlich das licht im wohnzimmer an. oder wenn man die terassentür öffnet, bekommt er eine email, für den fall, falls eben ein einbrecher durch die tür einsteigt. oder diverse vernetzungen zwischen receiver, fernseher, playstation und anderen geräten. ich bin kein it’ler. ich hasse sowas. und oftmals sitze ich einfach nur wie ein kompletter vollidiot vor dem fernseher, wenn tobi nicht zuhause ist, und denke mir: „am liebsten würde ich jetzt nintendo spielen, aber ich hab keine ahnung, wie das funktioniert“ und bin zu dumm, meine konsole anzuschalten. früher, als ich noch bei meinen eltern gewohnt habe, da hätte ich es auf die reihe gebracht. ich hatte meinen eigenen pc, meinen fernseher, meinen videorekorder und den super nintendo. alles nicht super schlau verkabelt, aber wenn ich etwas machen wollte, wusste ich, was ich – noch oldschool – umstecken musste und dann lief die sache. nichts zeitlich programmiert, nichts mit dem wetter abgestimmt, aber die funktionalität war gegeben und mir in ihrem vollen umfang bewusst und verständlich.

 

ich fühle mich, als könne tobi von nichts profitieren, was ich zu geben habe. ich habe nichts zu geben. klar bin ich nicht vollkommen nutzlos, ich weiß auch durchaus, dass ich stärken habe und manche dinge besser kann als er. aber das ist nichts, was für ihn profitabel wäre. was nützt ihm, dass ich mich toll schminken kann? ja super. was nützt ihm, dass ich es seit sechzehn jahren schaffe, unterhaltsam genug zu sein, dass leser immer und immer wieder zu meinen einträgen klicken? und aufgrund von meiner impulsivität, meiner sprunghaftigkeit, bin ich auch in nichts beständig und richtig gut. mich interessiert einfach alles mögliche, zwar immer nur kurz, dafür dann auch intensiv, aber ich .. perfektioniere mich in keinerlei hobbies. und wenn, dann ist es kein hobby, das für ihn sonderlich nützlich wäre.

tobi hat auch keinerlei probleme mit zwischenmenschlichen beziehungen. das klingt vielleicht gemein, aber er hat auch keine. okay, wenige. seine motorradkumpels und das wars. wo der meiste kontakt, so wie es mir scheint und wie ich tobi seit jahren kenne, von ihnen und nicht von ihm ausgeht. wenn tobi keine zwischenmenschliche probleme hat und keine arg belastenden probleme mit sich selbst, was nützt mir meine fähigkeit zu analysieren? tobi ist so genügsam, so passiv und so ruhig, dass es für mich nicht den anschein hat, dass ich ihm irgendwie helfen kann oder er mich irgendwie braucht. und ich meine dieses „brauchen“ im weiteren sinne als nur wie man jemanden braucht, den man mag.

ich fühle mich oft, als wäre ich ein kleines, dummes kind, auf das man aufpassen muss. ich bin der schwächere, psychokaputte part der beziehung, den man in die klinik fahren muss, der ständig seine sachen verliert, der ab und zu mal wütend ausrastet, ich bin der teil mit der zerstörten familie, wo die eltern immer mal wieder stress und probleme bereiten, ich bin die böse, die sich in ihren chef verknallt und da auch noch stress in die beziehung bringt, ich bin auch die, die keinerlei ahnung von finanzsachen hat, die so wenig konzentration hat, um nur fünf wörtern eines geschäftsbriefes von der lebensversicherung folgen zu können, ich bin noch dazu auch die, die die küche nicht so putzt, wie tobi es gerne hätte, da er viel pingeliger ist und manche sachen lieber zweimal abwäscht, wo ich sagen würde: „ach das passt schon.“

und tobi gibt mir auch nicht in dem umfang diese geborgenheit einer person, zu der ich aufschauen kann, mit faszination und bewunderung. da ich mich von vielem so .. bevormundet und vorgeführt fühle – obwohl tobi ein grundguter mensch ist und alles nur aus liebe macht und sich immer mühe gibt, mir das leben einfach so angenehm wie möglich zu machen – glaube ich, gebe ich tobi auch innerlich gar nicht die chance, jemand zu sein, zu dem ich aufsehen kann, der mich fasziniert und den ich bewundere. denn wenn ich das auch noch tue, wäre das die absolute kapitulation, dann kann ich ja gar nichts mehr selber und alleine, dann bin ich ja einfach nichts mehr.

 

ja.

 

keine ahnung. das war jetzt die erkenntnis auf die frage: „was fasziniert dich an dem typen?“

erkenntnis sei ja der erste weg der besserung. ich weiß nicht, wie sich die lage bessern soll, das wäre dann der nächste schritt. hm.

die lage mit holly hat sich übrigens wieder entschärft, nachdem ich ihn gestern daraufhin ansprach. aber da hab ich jetzt keine lust drüber zu schreiben und ihr habt auch keine lust drüber zu lesen. vielleicht morgen. es folgt ja auch noch der cube-eintrag. ja.

 

suzaku

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